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ARTE Journal - 09/02/12

Der algerische Unabhängigkeitskampf: die ungesühnten Massaker von Paris

Der Algerienkrieg in den 50er und 60er Jahren hat die französische Gesellschaft tief gespalten, der Terror der Pro- und Anti-Unabhängigkeitskämpfer erzeugte eine Stimmung des Hasses und der Angst. In der Endphase des Krieges starben in Paris viele Demonstraten unter den Knüppelschläge der Polizei. Ein bis heute unaufgearbeitetes Kapitel der französischen Geschichte.

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Das Massaker von Charonne
An diesem 8. Februar wird in Frankreich der neun Toten gedacht, die bei einer Demonstration gegen den Algerienkrieg in der Pariser Metrostation Charonne ums Leben kamen. Sie wurden erdrückt von der Menge, die vor der Polizei flüchtete, oder starben direkt durch Polizeigewalt. Zu dieser Demonstration hatte die kommunistische Partei Frankreichs aufgerufen, die Versammlung war aber nicht genehmigt worden. Die KP unterstützte das Drängen Algeriens nach Unabhängigkeit. Das sogenannte Massaker von Charonne hat sich tief in das kollektive Gedächniss Frankreichs eingebrannt, alle neun Toten waren Franzosen. Nur einen Monat später wurden die Verträge von Evian unterzeichnet, sie besiegelten die Unabhängikeit des nordafrikanischen Landes, das bis dahin als französisches Départements galt.

Beispiellose Gewaltorgie der Pariser Polizei
Ganz anders geht Frankreich bis heute mit dem weitaus blutigeren Massaker vom 17. Oktober 1961 um: Auch damals wurde in den Straßenvon Paris für das Recht auf Selbstbestimmung des algerischen Volkes demonstriert, auch diese Demonstration war nicht genehmigt. Rund 30 000 Menschen, die meisten von ihnen Nordafrikaner, waren dem Ruf der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN gefolgt. Hunderte bezahlten ihr Engagement mit dem Leben: In einer beispiellosen Gewaltorgie knüppelte die Pariser Polizisten auf die friedlichen Demonstranten ein und warfen tote oder halbtote Menschen in die Seine. Die Polizisten beschimpften die nach Freiheit strebenden Algerier als « Ratten ». Und an diesem 17. Oktober gingen sie auf « Rattenjagd ».

Mehr als 200 Tote bei der Schlacht um Paris
Wie viele Menschen starben oder verletzt wurden ist bis heute unklar, Politiker vertuschten die Exzesse der Pariser Polizei, die damals von Polizeipräfekt Maurice Papon befehligt wurden. Die Aufarbeitung dieses dunkelen Kapitels der jüngeren französischen Geschichte begann erst 30 Jahre später: 1991 veröffentlichte der Historiker Jean-Luc Einaudi sein Buch «Die Schlacht um Paris» und brach so das kollektive Schweigen. Minutiös rekonstruierte er die Vorgänge vom 17. Oktober 1962. Einaudi geht von 200, möglicherweise sogar 300 Toten aus. Über 10 000 Algerier wurden noch tagelang in Pariser Sportstadien gefangen gehalten; auch hier soll misshandelt und getötet worden sein. Doch nicht einmal Einaudis bewegendes Buch konnte die Franzosen aufrütteln; es fand zunächst kaum Beachtung. Dabei zitierte der Historiker auch Augenzeugen, die unverdächtig waren, die Ereignisse übertrieben zu schildern - etwa Polizisten und Ärzte, die von "Blutlachen", "Schlachtfeldern" und "Leichenbergen" berichteten.

Maurice Papon ungestraft
Maurice Papon, Befehlshaber der verheerenden Polizeieinsätze vom 17. Oktober 1961 und vom 8. Februar 1962, wurde für die zahllosen Toten in Paris nie belangt. Er wurde zwar 1998 für Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt, in dem Prozess ging es jedoch um die von ihm angeordnete Deportation von mehr als 1500 Juden im Zweiten Weltkrieg. Alle im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg begangenen Verbrechen unterliegen einer Generalamnestie. Eine Amnestie, die bis heute für große Teile der französischen Gesellschaft einer kollektiven Amnesie gleichkommt.
Annette Gerlach für ARTE Journal (Quellen: Der Spiegel/dpa/afp)


Was man wissen muß :


Algérie française: 1830 begannen die Franzosen mit der Eroberung des Landes, Algerien wurde zur französischen Siedlungskolonie und schließlich zum Département Frankreichs. Ab 1945 gewann die Unabhängigkeitsbewegung an Einfluss. Ihr Kampf gipfelte im Algerienkrieg, der von beiden Seiten mit äußerster Härte geführt wurde.

Algerienkrieg: 1954 bis 1962. Die Gesamtzahl getöteter Algerier wurde von Frankreich später mit 350.000, von algerischen Quellen mit bis zu 1,5 Millionen angegeben. Beendet wurde der Konflikt durch die Verträge von Evian im März 1962, die offizielle Unabhängigkeit Algeriens wurde am 5. Juli 1962 proklamiert.

FLN: (Front de libération nationale) Nationale Befreiungsfront, 1954 gegründete algerische Unabhängigkeitsbewegung. Nach der Unabhängigkeit entwickelte sich die FLN unter Ahmed Ben Bella zu einer sozialistisch ausgerichteten Einheitspartei.

Maurice Papon: hoher Beamter des Vichy-Regimes, Nazi-Kollaborateur und verurteilter Kriegsverbrecher, Chef der Pariser Polizei von 1958-67. Wurde erst 1998 wegen seiner Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, von der er nur drei Jahre verbüßte. Er starb 2007 in Freiheit im Alter von 96 Jahren. Für seine Taten als Polizeipräfekt von Paris wurde er nie belangt.


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Erstellt: 08-02-12
Letzte Änderung: 09-02-12