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Berlinale 2006 - Wettwerb - 16/09/08

Der Schatten

Ein Film von Rodrigo Moreno


Vom Alltag eines Leibwächters in Buenos Aires
erzählt Rodrigo Moreno in seinem Spielfilmdebüt.

Ein sehr scharfsinniger Film über menschliche Empfindungen
in der Auseinandersetzung mit Klassenunterschieden

Argentinien, Deutschland, Frankreich, 2006, 93’
Darsteller: Julio Chavez, Osmar Nunez

Interview : Rodrigo Moreno


Synopsis: Ruben ist „El Custodio“, der Schatten des argentinischen Planungsministers, den er rund um die Uhr nicht nur bei der Ausübung seines Amtes, sondern auch privat beschützen soll. So allumfassend ist seine Aufgabe, dass Rubens Existenz dahinter zu verschwinden droht.

Kritik: Dass dem Leibwächter mit der untersetzten Statur und den ausgedünnten Haaren auch im fortgeschrittenen Alter nichts geschenkt wird, begreift man in Rodrigo Morenos Film bereits in der ersten Einstellung: Ein Personenschützer, der in seiner freien Zeit sogar seine eigene kugelsichere Weste mit Heftklammern reparieren muss, damit sie nicht auseinander fällt, kann von seinem Arbeitgeber, in diesem Fall der argentinischen Regierung, nicht viel erwarten. Dabei ist dieser Job alles andere als ein Zuckerschlecken – auf Schritt und Tritt muss Ruben (Julio Chavez) seinen Chef, den Minister für Planungsangelegenheiten begleiten, aus seinem hinter der Limousine fahrenden Auto immer als erster aussteigen und Spalier stehen, für alle Fälle – schließlich genießt der Mann Protektion der allerhöchsten Sicherheitsstufe. Und dann das viele Warten – Warten in sterilen Korridoren, während der Minister hinter geschlossenen Türen verhandelt und wenn sich einer seiner Termine, wie es oft passiert, um Stunden verlängert, dann wartet Ruben natürlich mit; Warten im Auto, zusammen mit seinem einsibligen Kollegen oder allein. Was bleibt, sind die Zigaretten, doch das Rauchen in den Gängen der Fernsehstudios und Bürotürme meistens untersagt. Aber Ruben nimmt das alles klaglos hin, auch wenn sein Arbeitstag, wenn der Minister Feierabend macht, noch längst nicht zu Ende ist. Auch auf der idyllischen Luxus-Finca muss er das Leben des Ministers beschützen, beim Essen mit Freunden, beim Fernsehen, beim Schlafen. Und selbst, als dieser den talentierten Hobby-Zeichner Ruben vorführt und demütigt, indem er ihm befiehlt, ein Porträt eines wichtigen Gastes anzufertigen, sagt Ruben einfach nur „Gerne!“ und „Danke, Herr Minister!“. Ansonsten schweigt er, wenn die pubertierende Tochter ihrem neuen Freund auf dem Rücksitz einen runterholt oder der Minister einen Abstecher zu seiner Geliebten unternimmt.

Rodrigo Moreno erzählt seine Geschichte konsequent aus der Perspektive seines Protagonisten - immer ist die Kamera ganz nahe bei ihm, beobachtet Ruben beim Beobachten oder betrachtet das, was Ruben sieht. Voyeuristisch ist dieser Blick dennoch nicht, denn alles, was man über den Minister erfährt, bleibt fragmentarisch, ohne Zusammenhang. Eine persönliche Beziehung zwischen Untergebenem und Vorgesetzen gar findet nicht statt. Das wiederum bringt bereits auch Rubens Beruf mit sich, der Distanz und Diskretion erfordert. So verstellt Rodrigo Morenos Kamera oft den Blick, schließt vor unseren Augen Türen, da wo auch wir gerade hinblicken wollten. Manchmal ist eben alles – auch das Dazugehören oder Ausgeschlossensein - eine Frage der Perspektive.

So wird „El Custodio“ – ohne die Dinge beim Namen nennen zu müssen, dennoch schnell auch zu einem politischen Film. Die kurzen Einblicke in das Leben der argentinischen Oberschicht, ihre aus der ferne beobachteten Gesten der Macht und des Überflusses reichen aus, um die unüberbrückbar gewordenen Barrieren zwischen der inzwischen verarmten Mittelschicht und der während der Wirtschaftskrise noch reicher gewordenen Oberschicht herauszuspüren. Dabei geht es Moreno weniger ums Anprangern sozialer Missstände – schließlich profitiert auch sein Held von der Macht, indem er sie beschützt. Vielmehr verdeutlichen seine präzise komponierten, in kaltem Blau gehaltenen, statischen Bilder, wie sehr die stupide Tätigkeit ihren Helden abstumpfen und im wahrsten Sinne des Wortes zu einem ‚Schatten’ werden lässt.

Um Rubens Privatleben ist es folglich ziemlich trist bestellt. Keine Frau und Kinder, nur eine labile Schwester, die ihre meiste Zeit in einer Nervenheilanstalt verbringt und ein paar entfernte Verwandte. Noch nie war er im Meer Baden, das einzige, was Ruben sich gönnt, ist eine neue kugelsichere Weste. Die traurigste und schönste Szene im Leben des Leibwächters - die bisher auch die wunderbarste auf der gesamten Berlinale ist - spielt sich in der beengten Wohnung einer Prostituierten ab, die diese sich mit ihrer greisen Mutter teilt. Als Ruben mit ihr zur Feier seines Geburtstags im Freierzimmer verschwindet, taucht ein Schatten im Flur auf. Der Schatten gehört zum schwarz gewandeten, heranschlurfenden Großmütterchen. Ganz langsam und behutsam schließt die alte Frau die Tür hinter der Kundschaft ihrer Tochter. Denn ein bisschen Diskretion, ein wenig Privatsphäre muss sein!

Martin Rosefeldt


Biografie: Geboren 1972 in Buenos Aires. Studierte Filmregie an der Universidad del Cine und unterrichtet dort seit 1996 Drehbuch und Regie. 1993 entsteht sein erster Kurzfilm NOSOTROS, 1998 eine Episode für den Gemeinschaftsfilm MALA ÉPOCA. Den Spielfilm EL DESCANSO (2002) schreibt, produziert und inszeniert er gemeinsam mit Ulises Rosell und Andrés Tambornino. EL CUSTODIO ist sein erster eigener Spielfilm.


Synopsis: Rubén ist Leibwächter des Planungsministers. Wohin dieser auch geht, ob bei offiziellen Terminen oder im Privatleben, Rubén folgt ihm wie ein Schatten. Die Pflicht, sich immer unbemerkt im Hintergrund zu halten, lastet schwer auf ihm und wird schließlich unerträglich.

Kritik: „El Custodio“ („Der Schatten“) ist der erste Film des jungen argentinischen Regisseurs Rodrigo Moreno, dessen Namen man sich merken sollte. 2005 erhielt er für „El Custodio“ beim Sundance-Festival noch vor Beginn der Dreharbeiten den Preis für das beste südamerikanische Drehbuch. Dieses Jahr wurde der Film fertiggestellt und sofort in die Auswahl für den Wettbewerb der Berlinale aufgenommen. Im Zentrum des Films steht der Leibwächter Rubén (äußerst differenziert dargestellt von Julio Chavez, einem der angesehensten Schauspieler seines Landes) und dessen Verhältnis zu seinem Dienstherren, einem unnahbaren Minister.

Rubéns Arbeit ist geprägt von Warterei und Einsamkeit. Sein Leben spielt sich ab in Fluren, Eingangshallen und Vorzimmern, die die Schwelle zwischen den Welten der beiden Protagonisten bilden: Rubén ist ein einfacher Mann aus dem Proletariat, der Minister gehört zur reichen, kultivierten Oberschicht. Rodrigo Moreno konzentriert sich vor allem auf die zunehmende Verzahnung dieser beiden völlig entgegengesetzten Welten, die sich vor allem im Privatleben der beiden widerspiegelt. So beschränkt sich Rubéns Arbeit keineswegs nur auf die protokollarischen Erfordernisse seines Berufs. Auch wenn der Minister in seinem luxuriösen Wohnzimmer einschläft, ist Rubén noch da, um das Licht zu löschen. Er wird zum Mitwisser, als sein Chef Ehebruch begeht, und muss sich von dessen Tochter beleidigen lassen, wenn er sie von der Schule abholt.

Der Regisseur hat die verschiedenen Formen der Erniedrigung, die Rubén zu erleiden hat, in Szene gesetzt und beschreibt dabei ohne karikaturistische Überzeichnung den ganz alltäglichen Zynismus, die Heuchelei und Achtlosigkeit des Ministers und seiner Umgebung. Moreno gelingt hier eine überzeugende Darstellung der menschlichen Empfindungen, die Klassenunterschiede unweigerlich hervorbringen. Diese Beschreibung aus einer geschickt bemessenen Distanz heraus erzeugt Verständnis für Rubéns inneren Wandel, der das Ganze schließlich zur Explosion bringt und wie ein Befreiungsschlag als einzige Alternative zu einem banalen, vor allem aber höchst tragischen Leben wirkt.

Olivier Bombarda

Erstellt: 09-02-06
Letzte Änderung: 16-09-08