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ROBERTO SCARPINATO - 16/08/10

Der Mafiajäger

Palermos Generalstaatsanwalt Roberto Scarpinato ist einer der bestbewachten Männer Italiens. Seit mehr als 20 Jahren führt er einen unerbittlichen Kampf gegen die Mafia. Ein Gespräch über Anti-Mafia-Gesetze, Lauschangriffe und die Globalisierung des organisierten Verbrechens.

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Die italienische Mafia ist mit jährlichen Milliardenumsätzen und weltweiten Investitionen längst ein Global Player. Ermittler wie Roberto Scarpinato gehen davon aus, dass mafiöse Strukturen mittlerweile wirtschaftlich so mächtig sind, dass sie die legalen Märkte nicht nur unterwandern, sondern schon bald aus den Angeln heben könnten. Anfang des Jahres wurden in Italien neue Anti-Mafia-Gesetze erlassen. Doch wie wirkungsvoll können diese sein – angesichts jüngster Bestrebungen zur Einschränkung des Lauschangriffs in Italien?

ARTE Themenabend

DAS GEHEIMNIS DER MACHT: DIE MAFIA
DIENSTAG •
17. AUGUST

Mafia, Parasit
Gesellschaftsdoku • 22.05

Gespräch mit Roberto Scarpinato • 23.00

Dreckige Geschäfte
Gesellschaftsdoku • 23.20
ARTE: Signor Scarpinato, Sie sagten einmal: Wer die Mafia verstehen will, muss in die Seele des Mafioso vordringen. Was genau haben Sie damit gemeint?
Roberto Scarpinato: Die Medien haben das Bild des Mafioso leider bis ins Folkloristische verzerrt. Aber Paten-Figuren wie Don Vito Corleone gibt es heute nicht mehr. Und der Mafioso ist nicht nur brutal und geldgierig, er hat eine andere Seite. Die Gefährlichsten von ihnen haben mit dir dieselbe Schule und dieselbe Universität besucht und sitzen im Gottesdienst neben dir. Ich habe mich immer gefragt, wie ein rechtschaffener Politiker täglich zum Gottesdienst erscheinen und sich anschließend mit Clanbossen treffen kann.

ARTE: Und welche Antwort haben Sie darauf gefunden?
Scarpinato: Es geht ja noch schlimmer: In Lateinamerika gibt es Bosse, die gleichsam Massenmorde organisieren, aber jeden Sonntag in die Kirche gehen und am Ende in ihrem Bett sterben. Völlig im Reinen mit sich selbst. Der Punkt ist doch, dass es Parallelwelten ohne jegliches Schuldbewusstsein gibt. Das muss einem klar sein.

ARTE: Wer den Kampf gegen die Mafia in Italien verfolgt, hat mitunter den Eindruck, alles dreht sich seit Jahren im Kreis. Die Regierung hat Anfang des Jahres wieder einige Anti-Mafia-Gesetze beschlossen. Sind die eher symbolisch oder tatsächlich ein Fortschritt?
Scarpinato: Mir scheint, dass das einzig Konkrete die Einrichtung einer nationalen Agentur ist, die konfiszierten Mafiabesitz abwickeln soll. Alle übrigen Maßnahmen sind eher vage. Man müsste einen nationalen Kommissar mit außerordentlichen Vollmachten benennen, damit diese Agentur kein zahnloser Tiger wird. Das zentrale Hindernis ist aber, dass die Regierung noch in diesem Sommer ein Gesetz durchsetzen will, das die Möglichkeiten zum Abhören von Gesprächen stark einschränken würde. Der Widerstand gegen diese Reform ist riesig. Es wäre eine Entwaffnung des Staates im Kampf gegen das organisierte Verbrechen.

ARTE: In anderen europäischen Ländern darf aus guten Gründen nur sehr eingeschränkt abgehört werden. In Italien hingegen reicht bereits der Verdacht auf ein Mafiadelikt aus. Warum finden Sie das so wichtig?
Scarpinato: Weil wir 90 Prozent unserer Informationen über die Mafia heute nur per Lauschangriff erhalten. Zeugen, die mit Ermittlern kollaborieren, haben dagegen kaum noch Bedeutung. Es werden immer weniger, und jene, die noch bereit sind zu reden, stehen in der Clanhierarchie meist weit unten und wissen viel zu wenig. Ohne Abhören erzielen Sie also keinen Ermittlungserfolg. Wir wüssten zum Beispiel kaum über Schutzgeldzahlungen oder Mafiavermögen Bescheid. Wie sollten wir also etwas beschlagnahmen? Es wäre ein enormer Rückschritt!

ARTE: Die Beschlagnahme von Vermögen gilt heute als ein Schlüsselinstrument, um die Mafia zu schwächen. Glauben Sie, dass in Italien, wo die Verquickung von Politik und organisiertem Verbrechen Dauerthema ist, ein echtes Interesse daran besteht?
Scarpinato: Sagen wir lieber, dass es echte Probleme gibt, das umzusetzen. Etwa wenn Sie Firmen der Mafia beschlagnahmen, die am Markt nicht wegen ihrer Konkurrenzfähigkeit überlebt haben, sondern aufgrund juristischer Winkelzüge. Solche Scheinfirmen für die Geldwäsche können Sie höchstens schließen.

ARTE: Es hat Aufsehen erregt, als man vor einigen Jahren in Italien Protzvillen verhafteter Bosse konfiszieren ließ.
Scarpinato: Solche Villen oder Luxuswohnungen müssten aber oft aufwendig saniert oder unterhalten werden. Nun beschließen Sie, mit beschlagnahmtem Mafia-Vermögen die Sanierung zu bezahlen, stellen aber fest, dass die Herkunft des Kapitals schwer zu rekonstruieren ist oder vielleicht nur zu 40 Prozent einen mafiösen Hintergrund hat. Zu 60 Prozent sind womöglich unbescholtene Personen beteiligt, die zu Recht Ansprüche geltend machen. Wie wickeln Sie das ab? Indem Sie diese Leute auszahlen?

ARTE: Man könnte den Besitz zwangsversteigern lassen.
Scarpinato: Auch damit machen wir schlechte Erfahrungen. Die Clans versuchen das natürlich zu verhindern. Sie schüchtern Käufer ein, nutzen Strohmänner zum Rückkauf. Dazu kommt, dass die mit der Abwicklung betrauten Beamten oft nicht über die nötige Kompetenz verfügen. Einige haben selbst Verbindungen zur Mafia.

ARTE: Sie haben auch oft davor gewarnt, dass das organisierte Verbrechen immer internationaler wird. Was sind die wichtigsten Probleme?
Scarpinato: Die Globalisierung hat nicht nur die legalen, sondern auch die illegalen Märkte zusammengeführt. Und sie wachsen beständig. In China und Indien führt die steigende Kaufkraft zu einem enormen Anstieg des Drogenkonsums. Die Clans teilen diese gewaltigen Märkte untereinander auf. Und wie in der legalen Wirtschaft überleben die Organisationen, die am anpassungsfähigsten, am aggressivsten sind.

ARTE: Und die Clans reinvestieren dann weltweit ihr schmutziges Geld?
Scarpinato: In der Regel in Länder, deren Gesetze schlechter auf die Bekämpfung des organisierten Verbrechens zugeschnitten sind. Die russische wie die italienische Mafia investiert gern in Westeuropa. Zum Beispiel in den Energiesektor. In Lateinamerika werden ganze Staaten unterwandert. Und in einigen Ländern Osteuropas hat nach unserer Einschätzung die wirtschaftliche Bedeutung der illegalen Märkte die der legalen bereits abgelöst.

ARTE: Welche Möglichkeiten gibt es, diese Entwicklung zu stoppen?
Scarpinato: Besonders Europa liegt da weit zurück. Wir müssen endlich begreifen, dass eine Schießerei vor einer Pizzeria zwar schlimm, aber nur ein Nebenschauplatz ist. Wir brauchen eine gemeinsame Verwaltung, aufeinander abgestimmte Gesetze und eine europäische Polizei. Die Zusammenarbeit ist derzeit einfach zu langsam. So werden wir diesen Kampf nie gewinnen.

ARTE: Sie arbeiten jetzt seit mehr als 20 Jahren als Staatsanwalt gegen die Mafia. Warum tun Sie sich das immer noch an?
Scarpinato: Ich möchte als freier Mann in einem freien Land leben. Und andere sollten dies auch können.

ARTE: So richtig frei sind Sie aber nie gewesen – als einer der bestbewachten Männer Italiens. Haben Sie manchmal Angst?
Scarpinato: Am Anfang sicherlich. Aber der Tod ist ein Teil des Lebens. Das beginnt man mit der Zeit zu akzeptieren. Einen Weg zurück gibt es sowieso nicht.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE MARTEN ROLFF FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE INTERVIEW


ROBERTO SCARPINATO: Der 58-jährige Sizilianer ist seit 1988 im Anti-Mafia-Pool Palermos aktiv. Er war Mitarbeiter und Weggefährte der 1992 ermordeten Staatsan-wälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Scarpinato setzte die Einrichtung einer Abteilung durch, die bei Mafiaverbrechen in Zusammenhang mit Politik und Wirtschaft ermittelt. Seit 1989 lebt er unter ständigem Polizeischutz.
Roberto Scarpinato ist im Juni 2010 ist zum Generalstaatsanwalt von Caltanissetta (Sizilien) ernannt worden. Von 1998 bis Mai diesen Jahres war Scarpinato als Oberstaatsanwalt im Anti-Mafia-Pool Palermos aktiv. Er war Mitarbeiter und Weggefährte der 1992 ermordeten Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Scarpinato setzte die Einrichtung einer Abteilung durch, die bei Mafiaverbrechen in Zusammenhang mit Politik und Wirtschaft ermittelt. Er hat Mafia-Bosse, Unternehmer, Bankiers und Politiker, darunter auch den siebenmaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, auf die Anklagebank gebracht.

ARTE PLUS


BUCH-TIPPS:
„Von Kamen nach Corleone: Die Mafia in Deutschland“, Petra Reski (Hoffmann&Campe 2010);
„Mafia-Export: Wie ’Ndrangheta, Cosa Nostra und Camorra die Welt erobern“, Francesco Forgione (Riemann 2010);
„Mafialand Deutschland“, Jürgen Roth (Eichborn 2009);
„Gomorrha: Reise in das Reich der Camorra“, Roberto Saviano, Rita Seuß und Friederike Hausmann (Hanser 2009);
„Mafia: Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“, Petra Reski (Droemer 2008)

Erstellt: 09-12-08
Letzte Änderung: 16-08-10