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27/01/05

Der Holocaust im deutschen Film - zwischen Gedenken und Instrumentalisierung

Interview mit Peter Zimmermann vom Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms

Die Ausstrahlung der amerikanischen Fernsehserie Holocaust im deutschen Fernsehen 1979 stieß auf eine beispiellose Resonanz in der Öffentlichkeit: Fast jeder zweite Erwachsene in der Bundesrepublik sah Teile der Reihe, jeder Dritte sogar alle vier Sendungen. Wie hatte vor 1979 der deutsche Film auf den Holocaust reagiert?
Es gibt eine ganze Palette von Auseinandersetzungen mit dem Thema der Judenverfolgung und Drittes Reich schon vor 1979. Vielfach hatte man ja den Eindruck, als geschehe dies erst richtig mit der Holocaust-Serie, aber dem ist nicht so: Vor allem im Spiel- und Dokumentarfilm der DDR, wo eine große Filmfirma gegründet worden war – die DEFA – beschäftigte man sich schon sehr früh mit der Nazizeit. Der erste Spielfilm hieß „Die Mörder sind unter uns“ von Wolfgang Staudte aus dem Jahr 1946. Darin ging es um einen Kriegsheimkehrer, der auf seinen ehemaligen Vorgesetzten trifft: Ein Offizier, der im Russlandfeldzug Verbrechen begangen hat, und nach 1945 als Fabrikant wieder Karriere macht.– natürlich im Westen. Auch für den frühen DEFA-Dokumentarfilm war es typisch zu fragen „Was ist eigentlich aus den Tätern, aus den Verantwortlichen in Staat, Militär und Wirtschaft geworden?“. Ziel war es nachzuweisen, dass viele von ihnen in der Bundesrepublik wieder in führende Positionen gelangten wie z.B. in Dokumentationen über Adenauers Staatssekretär Globke, der bei der Abfassung der Nürnberger Rassengesetze maßgeblich beteiligt war, über den General Speidel, der im Russlandfeldzug dabei war, und später Nato-Oberbefehlshaber wurde und viele andere. Das war die Hauptstoßrichtung des DDR-Films. Es sollte dokumentiert werden, dass die BRD viele alte Nazis integriert und somit im Grunde neofaschistisch ist, während die DDR als makelloses Gegenbild präsentiert wurde.

Der westdeutsche Dokumentarfilm hat genau dieses Thema ignoriert! In den 40er und 50er Jahren gab es ihn im Gegensatz zur DDR noch gar nicht. Die erste große Auseinandersetzung mit der Nazizeit in Westdeutschland ist die Serie „Das Dritte Reich“, ein Zwölfteiler des Süddeutschen Rundfunks Anfang der 60er Jahre in Zusammenarbeit mit dem WDR und da wird dieser Zeitraum - inklusive der Judenverfolgung - ganz breit aufgearbeitet. Aber was in der Serie zu kurz kommt, ist die Verflechtung der deutschen Industrie, Wirtschaft und Justiz in die Nazimaschinerie. Das ist in Westdeutschland ganz lange ein Tabu, welches erst so richtig in den 90er Jahren gebrochen wurde, als plötzlich die Zwangsarbeiter vor der Tür standen und Entschädigung von der deutschen Industrie forderten.

Es gab also schon vor der Ausstrahlung der Holocaust-Serie eine intensive Auseindersetzung mit dem Dritten Reich und der Judenverfolgung im deutschen Film und trotzdem war erst 1979 das Interesse in einer breiten Öffentlichkeit richtig da. Warum?
Diese Fernsehserie emotionalisierte das Thema natürlich viel stärker als Dokumentarfilme es vorher gemacht haben und hob es auf eine private Ebene. Die SDR-Reihe beispielsweise war eine sehr nüchterne, breit gefächerte Tatsachenanalyse des Dritten Reichs. Auch Auseinandersetzungen wie „Mein Kampf“ von Erwin Leiser 1960 – ein schwedischer Film, der in der BRD einen großen Erfolg hatte – waren eher analytisch-dokumentarisch, ebenso spätere Filme wie etwa Joachim Fests „Hitler –eine Karriere“ 1977 oder Guido Knopps ZDF-Serie „Hitler – eine Bilanz“: Das waren Filme, die auf Archivmaterialien vertrauten, zunehmend inszeniert und ein bisschen reißerischer gemacht wurden, die aber immer noch das Hauptgewicht auf die Dokumentation der Fakten legten. Die Holocaust-Serie nahm ein ganz anderes Muster, nämlich das der Familienserie, - wenn man böse sein will, die der Familiensoap-Opera - zum Vorbild und emotionalisierte das Thema ganz stark. Und das ermutigte deutsche Filmemacher, ähnlich emotionalisierend an das Thema „Drittes Reich“ heranzugehen. Man denke nur an Filme wie Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“, Wolfgang Petersens „Das Boot“ oder Edgar Reitz’ „Heimat“, Serien, die ja immer weiter fortgesetzt wurden und das Dritte Reich jetzt in ähnlicher Familien-Sagaform aufbereiteten.

Wie reagierte man in der DDR auf die Holocaust-Serie?
In der DDR wurde das Thema der Judenverfolgung nicht ignoriert, aber eher an den Rand gedrängt. Die marxistische Faschismustheorie hat ja immer die Auffassung vertreten, dass die deutschen Regierungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg nur die Marionetten eines Rechtskartells waren aus ostelbischen Junkern, aus Großindustriellen, aus Großbanken, deren Handlanger die Weltherrschaft stellvertretend anstrebten. Und diese Handlanger verfolgt man sozusagen in die Bundesrepublik hinein, wo man natürlich auch fündig wird. Die Shoa war nicht das Thema der DDR, es war das Thema des Westens. Diese unterschiedliche Themensetzung – in der DDR die Konzentration auf die wirtschaftlich und staatlich Mächtigen und Verantwortlichen und in der BRD auf Einzelschicksale und auf die jüdischen Opfer – hatte auch die Funktion von den eigenen Defiziten abzulenken.

In Westdeutschland lenkte man davon ab, dass eben die ehemals Verantwortlichen in Staat und Wirtschaft in der jungen Bundesrepublik mit Persilscheinen ausgestattet wurden und z.T. in wichtige Positionen gehievt wurden. Beispiel ist die Justiz, die nach dem Huckepacksystem reformiert wurde: Auf einen Nazi musste ein unbelasteter Richter kommen.

Die DDR hat das Thema Judenverfolgung sowie die Aufarbeitung persönlicher Geschichten aus dem Dritten Reich gemieden. Da hätte man die Verwicklung des einzelnen Bürgers in den Faschismus gesehen und genau das war in der DDR nicht erwünscht. Man schob das Ganze den Agenten des Kapitals zu und damit waren die Verantwortlichen in der Bundesrepublik lokalisiert. Den Neofaschismusvorwurf machten sich BRD und DDR sozusagen im Pingpong-Stil gegeneinander und instrumentalisierten so diese ganze Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich für aktuelle politische Zwecke.

Und gilt das auch für den deutschen Spielfilm?
Für viele Spielfilme der DDR gilt das schon, „Die Mörder sind unter uns“ hatte ich bereits erwähnt. Aber doch nicht so krass wie beim Dokumentarfilm. Man hat im Osten wie im Westen im Spielfilm eher versucht, das Schicksal einzelner Familien nachzustellen – nehmen Sie z.B. Volker Schlöndorffs Verfilmung der „Blechtrommel“, wo die ganze Szenerie Danzigs aus der Sicht einer kleinbürgerlichen Familie dargestellt wird oder Edgar Reitz’ Heimat, wo eine einfache, unbekannte Familie die Basis bildet, von der aus man versucht die Ereignisse des Dritten Reichs und die Verwicklungen der Menschen in diese Geschehnisse zu begreifen.

Vielleicht gibt es zwei Grundtendenzen im Dokumentarfilm wie im Spielfilm: es gibt die Hitlerwelle, die sich auf Hitler und seine Helfer bzw. sich auf die Verbrecher konzentriert und daraus auch ihre Faszination zieht und natürlich auch auf den Medienwert dieser Figuren spekuliert. Wenn man Guido Knopps Serien - also z.B. „Hitler – eine Bilanz“, „Hitlers Helfer“, „Hitlers Soldaten“, „Hitlers Frauen“ – anguckt, dann wird Hitler zum Fernsehstar, der auch Zuschauer zieht. Das ist sozusagen die Hitlerfraktion bis hin zu – jetzt - Eichingers Kinofilm „Der Untergang“ mit Bruno Ganz als Hitler, der im Grunde auch auf den Hitlerboom setzt. Und zum 60. Jahrestag des Kriegsendes wird sich dieser Hitlerboom jetzt noch verstärken.

Die andere Gruppe von Filmen setzt mehr auf Familie, Einzelschicksale, Einzelbeobachtungen, Sicht von unten – Hans Dieter Grabe, Ebbo Demant, Erika Runge sind Dokumentarfilmer, die fragen: „Wie hat der einzelne Mensch im Dritten Reich reagiert, wie ist er verwickelt worden, wie hat er versucht, sich herauszuhalten?“

Was hat der Spielfilm dem Dokumentarfilm bei der Darstellung des Holocaust voraus, obwohl der Dokumentarfilm doch die größere Authentizität für sich in Anspruch nehmen kann?
Der Spielfilm kann viel leichter als der Dokumentarfilm Privatleben, Seelenleben, Gefühle, Gedanken darstellen, Liebesgeschichten verflechten, er kann also das Private sehr intim präsentieren. Das kann der Dokumentarfilm nicht oder nur ganz schwer, denn er arbeitet mit Fakten, mit Aussagen – ja weitgehend mit der Außensicht auf die Dinge. Der Dokumentarfilm ist auf Gespräche, Zeitzeugenaussagen, Experteninterviews, Schauplatzbesichtigungen und vor allem auf eine Quelle angewiesen ist, die ganz dominant ist, und das ist Archivmaterial: Filme aus den 30er und 40er Jahren und zwar die von den Nazis geprägten Filme, vielfach sogar die größten Propagandafilme, nämlich Riefenstahls „Triumph des Willens“, Goebbels Wochenschauen und einige andere. Aus diesen Filmen bedient sich der dokumentarische Film im Fernsehen immer wieder, um die Zeit zu veranschaulichen. Provokant zugespitzt könnte man sagen: Goebbels und seine Propagandakompanien erringen ihre größten Erfolge eigentlich erst mit dem Fernsehen in den 60er, 70er Jahren, ja bis heute. Denn nun wird dieses Material erst massenhaft in unsere Köpfen gehämmert. Unser Bild vom Dritten Reich ist geprägt von Leni Riefenstahls und Goebbels’ Propagandamaschinerie. Das ist vielleicht der größte Triumph der Bilder, den Goebbels und Riefenstahl noch nachträglich erreichen konnten.

Das Interview führte Angelika Schindler, 18.1.2005


Dr. habil. Peter Zimmermann ist Wissenschaftlicher Leiter am Haus des Dokumentarfilms. Zuvor war er als Privatdozent für Literatur- und Medienwissenschaft an den Universitäten Wuppertal, Kairo und Marburg tätig. Er leitet auch das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Forschungsprojekt "Geschichte und Ästhetik des dokumentarischen Films in Deutschland 1895 - 1945".

Das Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart ist ein selbständiges Institut. Seine Aufgabe ist die Sammlung, Erforschung und Förderung des deutschen und internationalen Film- und Fernsehdokumentarismus. Die Spannweite reicht vom künstlerischen und vom sozial engagierten Dokumentarfilm über den Industrie-, den Lehr- und den Kulturfilm bis zu den journalistischen Formen der Reportage und des Features.

Erstellt: 19-01-05
Letzte Änderung: 27-01-05