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Marica Bodrožić - 12/12/05

Der Himmel, ein Wundergemälde

Die dalmatinischen Inseln waren zu Kinderzeiten für die freie Schriftstellerin Marica Bodrožić eine sagenumwobene Gegend. Jetzt hat sie sich im Rahmen des "Grenzgänger-Programms" der Robert Bosch Stiftung aufgemacht, um diese Inseln zu erkunden und ihren Reiz zu erleben.

Das dalmatinische Hinterland lebe hinter Gottes Rücken, brachte mir in meiner Kindheit eine Tante aus der Stadt bei. Tief bewegt, schmiedete ich sogleich Pläne, wie der Schöpfer dieses gottvergessene Stückchen Land wieder lieb gewinnen könnte. Als Kind sehnte ich mich nach den sagenumwobenen Inseln.

Sie waren ganz in meiner Nähe, aber gut versteckt vom weißstrahlenden Biokovo-Gebirge, auf dem der Heilige Georg selbst im Sommer für merkwürdig deplaziert wirkenden Schnee sorgte. Inselmenschen stellte ich mir besonders stark vor. Auch wenn im Hinterland immer über die Insulaner geschimpft wurde, machte gerade dieses Misstrauen der Festländer die Sehnsucht nach ihnen in mir nur noch beständiger. Die dortigen Menschen, hieß es, seien ja Leute vom Wasser, halbe Italiener, und außerdem würden um die Inseln herum schlimme Meeresungeheuer wohnen, mit großen Mäulern, schlimmer noch als in den Märchen. Aber wie hässlich mussten sie dann sein, diese Ungeheuer, diese grausamen Bewohner des unendlichen Blau, die ich doch, obwohl es vom kriegsgeprüften Großvater verboten war, heimlich in mein Herz geschlossen hatte. Außerdem konnte man doch den Heiligen Georg ruhig mit den Ungeheuern im Meer kämpfen lassen, der kannte sich aus, war er ja schließlich der berühmte Drachenbezwinger.

Meine Reise zu den Inseln begann ich dann auch aus dem dalmatinischen Hinterland kommend. Bezeichnend für die dalmatinische Mentalität ist, dass die Übertreibung das Merkmal jeder Erzählung darstellt. So schien in den Jahren der Kindheit all das weit entfernt zu sein. Wo mochte nur Italien liegen? Und wie unbegreiflich fern war dann erst Amerika? Am Ende aber sei alles im Menschen selbst, schnappte ich einmal am Rande des Dorfplatzes ein Gespräch zweier Frauen auf, die jeden Abend vom Friedhof nach Hause gingen und lange miteinander sprachen. Im Menschen selbst... Die Märchen sind wahr!, schoss es mir durch den Kopf, Märchen waren also gar nicht ausgedachte Geschichten, sondern eine Art Inventar des Menscheninneren.

Sogleich wusste ich es: das Meer war in jedem Einzelnen versteckt, als Körper getarnt, und wenn die Leute sich fürchteten, vor den Ungeheuern und ihren Mäulern, dann hatten sie wohl Angst vor sich selbst. Ja, so musste es sein, beschloss ich, und versuchte bei allen Gelegenheiten, meinen Verwandten in den Rachen zu schauen, um das große Wasser zu entdecken.

Ich habe das Meer im Menschen gefunden, verkündete ich lauthals. Dennoch glaubte ich zeitgleich, man sei tagelang zu den Inseln unterwegs und ginge am Ende auf dem Meer verloren, fände nie wieder nach Hause und müsse höchstwahrscheinlich einfach ertrinken. Das einzige, was man mir über Schiffe beibrachte, war, dass sie untergehen. Von Entfernung kann jedoch keine Rede sein, die Inseln sind in vierzig Minuten zu erreichen. Das hatte man uns Kindern damals verheimlicht, und auch verschwiegen, dass nur im Krieg und im Film die Schiffe versenkt werden.

Vor dem Mandelbaum meines Großvaters hatte ich über die Sommer hinweg im Gras gelegen und auf das Biokovo-Gebirge geschaut. Es beschützte das Meer, und nach meinem Empfinden machte es auch die ganzen anderen Farben greifbarer. Es schien, als habe das Gebirge eine eigene Kraft und speichere die Gedanken der Menschen. Obwohl ich Heilige immer etwas verdächtig fand, ärgerte ich mich über den Heiligen Georg, den Schutzpatron von Biokovo nicht. Ich träumte von seinem wirklichen Heldentum und fand in meinen Träumen heraus, dass er die ganze große Geschichte der Griechen und Römer in sich gespeichert hatte. Man bräuchte nur den Eingang in den Teil von Biokovo zu finden, in dem es das Erinnerungsbuch gab, und schon würde ich bewiesen haben können, dass unser Hinterland ganz und gar nicht in Gottes Rücken lebte, sondern genau umgekehrt, sogar sein richtiges Gesicht war.

Dieses Gesicht habe ich mit den Wörtern und mit der deutschen Sprache zu betreten versucht. Die Erzählungen gleichen gar nicht mehr denen meiner Kindheit und doch haben sie etwas von dem Geschmack der ersten Bilder beibehalten; die Inseln zu sehen, mit Erwachsenenfüßen vom Schiff herunterzugehen, die Pinien zu sehen, das Ausbleiben der Meeresungeheuer, das Wundergemälde des Himmels, all das hat mich einerseits an die konkrete Landschaft der Inseln gebunden, zugleich aber hat sich vieles in das noch tiefere Innere verortet. Im Schreiben und bei der Grenzgänger-Forschungsreise haben sich den äußeren Inseln mehr und mehr innere angeschlossen und die sind immer stärker geblieben.

Daraus sind nun acht Erzählungen entstanden, die mir geholfen haben, das Gesehene und das auf den Inseln Erlebte in den Kosmos der Sprache einzugliedern. Wieder einmal hat sich aber gezeigt, dass die Wirklichkeit das Unsichtbare ist, das vorher nicht Gesehene ist erst im Text entstanden und ein wenig kam ich mir auf meiner Reise wie jemand vor, der die äußere Inselwelt mit den strengen Maßstäben der inneren Erzählung überprüfte, als seien die Seiten verschoben oder zumindest gleichberechtigt.

Marica Bodrožić


  • Marica Bodrožić's Reise wurde von der Robert Bosch Stiftung im Rahmen ihres "Grenzgänger-Programms" finanziert. Die Bewerbungstermine für die Teilnahme an diesem Programm sind jährlich am 10. März und 10. September. Interessierte Autoren finden mehr Informationen hier: Robert Bosch Stiftung

Erstellt: 14-10-05
Letzte Änderung: 12-12-05