Begründung der Jury:
ARTE versteht sich als das "Fernsehen ohne Grenzen", die pan-europäische Perspektive ist hier Programm. Ein kleines, höchst subversiv agierendes Magazin für Alltagskultur hält jeden Sonntag frech dagegen: In "Karambolage" ( = Zusammenstoß) berichten allerlei deutsch-französische Grenzgänger - Auslandskorrespondenten, Landeskundler, Übersetzer - augenzwinkernd über die vielen kleinen und großen Unterschiede zwischen den beiden Kulturen.
Die deutschen Eigenarten und französischen Marotten werden mit ethnologischem Kennerblick aufgegriffen und dem staunenden Nachbarn liebevoll nahegebracht. Wer hätte gedacht, dass die Franzosen bei ihrem Taschenmesser den Rost an der Klinge am meisten lieben? Dass man den Ehering links vom Rhein links und rechts vom Rhein rechts trägt - und niemand erklären kann, warum das so ist?
Mit der Perspektive des Fremden wirft "Karambolage" einen neugierigen Blick auf die vertrautesten Ritualhandlungen. Dem deutschen "Abendbrot" auf einem ramponierten "Brettchen" wird genauso die Ehre erwiesen wie dem französischen Aperitif aus Leitungswasser und Anis-Schnaps. Gerade weil sich die deutsche "Gemütlichkeit" und das französische "Savoir vivre" hier nicht zu einem europäischen Lebensgefühl zusammenraufen müssen, wirkt "Karambolage" im Sinne des ARTE-Sendungsbewusstseins so integrativ.
In den knappen zwölf Minuten des rubrizierten Mini-Magazins bedienen sich "Karambolage"-Redakteurin Claire Doutriaux und ihr Team zahlreicher Stilmittel. Nicht immer ist die Vermittlung im engeren Sinne so visuell wie im Bilderrätsel. Wo es passt, wird auch schon mal ein Erzählstück trickanimiert oder etwas ganz Kleines ganz theatral inszeniert. Und doch ist "Karambolage" mit seiner journalistischen Genauigkeit, der ambitionierten Ästhetik und dem Alltag als Hauptgegenstand so nur im Verbundmedium Fernsehen denkbar. Und darin wiederum nur dort, wo das Fernsehen programmatisch keine Grenzen kennt - im Kulturkanal ARTE.
Dankesrede von Claire Doutriaux:
"Ich freue mich sehr über diesen Preis.
Denn er zeichnet den Versuch aus, meinen beruflichen Werdegang und meinen persönlichen Lebensweg zusammenzuführen.
Ich bin Französin und habe etwa 15 Jahre in Deutschland gelebt. Alle Menschen, die mit mehreren Kulturen leben, führen zwangsläufig einen ständigen inneren Dialog. Ich habe nach einer Form gesucht, die es ermöglicht, diesen Dialog nach außen zu tragen. So ist "Karambolage" entstanden. Dafür den Grimme-Preis zu bekommen ist eine besondere Ehrung und auch eine große persönliche Befriedigung. Es versteht sich von selbst, dass eine wöchentliche Sendung wie Karambolage nicht ohne ein solides Team bestehen kann. Deshalb möchte ich mich bei meinen Mitarbeitern bedanken, von denen viele ebenfalls zwischen zwei Kulturen leben. Der Grimme-Preis ist auch ihr Preis. Und schließlich möchte ich mich bei ARTE France bedanken. Dafür, dass mir durch die Gründung des 'Atelier de Recherche' die Möglichkeit gegeben wurde, neue Fernsehformen zu suchen, zu erproben und zu entwickeln. Das Fernsehen braucht solche Experimentierfelder."
Auszug aus der Erklärung der Nominierungskommission :
…" Just als sich über Marl ein Gewitter zusammenbraut, flimmert das ARTE-Mini-Magazin "Karambolage" über die Juroren-Fernseher. Symbol-Alarm also. Die 12-Minüter reinigen tatsächlich die von ziemlich viel mittelmäßigem Fernsehen schwül gewordene Luft. Deutsche und Franzosen - zwei Völker, die alles von einander wissen. Eine wenig prickelnde Beziehung. Doch eine Französin wundert sich über die Brettchen in deutschen Haushalten, ein Übersetzer erklärt, dass die "Schorle" vom französischen Trinkspruch "Toujours l'amour" übrig blieb, die Körpersprache von Adenauer und de Gaulle, Kohl und Mitterrand, Schröder und Chirac wird exakt gedeutet. Es kracht am Marler Himmer und in den Köpfen. "Karambolage" gibt dem migränegeplagten deutsch-französischen Ehepaar amüsante Beziehungstipps, mit sorgfältigen Bildern, mit origineller Grafik und vor allem ganz ohne Ethno-Erklärbär-Gestus.
Investigative Rechercheure, gefürchtete Interviewer, begnadete Entertainer - Fehlanzeige. Stattdessen siegte nach Punkten ein freundliches, spielerisches, gut gemachtes Magazin von ARTE.
Alle Texte aus dem 42. Adolf-Grimme-Preis-Katalog, März 2006






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