Herr Roy, wie entstand der Cirque du Soleil? Wer kam auf die Idee, diesen sowohl künstlerischen als auch ästhetischen Zirkus zu gründen, der sich so sehr von allen anderen bislang bekannten Arten des Zirkus unterscheidet?
Ich glaube, hier muss man ein wenig ausholen, denn der Gründung des Cirque du Soleil im Jahre 1984 ging die Gründung einer Truppe voraus. Wir waren eine Gruppe junger Leute und arbeiteten an einem Musical auf Stelzen. Unsere Basis war das wunderschöne Dorf Baie Saint-Paul nördlich der Stadt Quebec in der kanadischen Provinz Quebec. Gilles Saint-Croix, einer der Mitbegründer des Zirkus, arbeitete damals mit Peter Schumann und lud uns dazu ein, sich ihm anzuschließen. So beteiligten wir uns an dem Projekt. Im Anschluss daran entstand unser eigenes Programm, das Stelzen-Musical. Damals gehörte auch Guy Laliberté zu uns, der kurz danach der eigentliche Gründer des Cirque du Soleil werden sollte. In der Zwischenzeit hatte er außerdem die Kirmes von Baie Saint-Paul ins Leben gerufen. Das bot uns die Gelegenheit, Gleichgesinnte zu treffen, also andere gesellschaftliche Außenseiter, die sich vom künstlerischen Mainstream abheben wollten. All das war für uns eine große kulturelle Entdeckung. Hätten Sie vor 20 Jahren, bei der Gründung des Cirque du Soleil, gedacht, dass er eines Tages einen solchen Erfolg haben würde?
Nein, natürlich nicht. Damals haben wir versucht, damit zu überleben. Zuerst traten wir nur in Quebec auf. Quebec ist zwar riesig, hat aber nur 7 Millionen Einwohner. Außerdem sind die Winter sehr lang. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, unter diesen Gegebenheiten mit einem Zirkuszelt durch das Land zu ziehen und 200 Personen ernähren zu wollen, die ansonsten einen Ganzjahres-Job haben könnten. Um zu überleben, mussten wir also recht zügig eine Lösung finden, die Produktion zu amortisieren. So begannen wir damit, uns andere Märkte zu erschließen. Den Durchbruch brachte uns Los Angeles: Dort konnten wir auf einem Markt Fuß fassen, der uns einträgliche Tourneen ermöglichte, Gewinn abwarf, den wir reinvestieren konnten, und der uns gestattete, uns zu verbessern und eventuell sogar unsere eigenen Nummern und Programme zu entwickeln. Danach konnten wir auf eine zweijährige US-Tournee hoffen. Das war unser Debüt, der Anfang der Organisation von Tourneen und der Grundstein für unsere Funktions- und Arbeitsweise.
Aber dass die Leute aus Las Vegas, dass Walt Disney und Fuji Network in Japan eines Tages an unsere Tür klopfen würden, hätten wir nicht gedacht.
Wir haben beschlossen, in Australien, Neuseeland, Europa und zum ersten Mal in Brasilien auf Tournee zu gehen. Wir erforschten die Welt weiter. Und das nicht nur, um unsere Nummern vorzuführen, sondern auch, um neue Talente zu entdecken.
Verdankt der Zirkus seinen Erfolg letztendlich der starken Persönlichkeit von Guy Laliberté oder eher dem konsequenten Einsatz eines Teams? Gewiss beidem. Guy hatte schon immer eine spielerische Seite, er besitzt aber auch Geschäftssinn. Außerdem ist er eine Führungspersönlichkeit und ein Visionär. Die Mischung aus Francos schöpferischen Fähigkeiten, Lalibertés Klarsicht und Geschäftssinn, der Kompetenz und dem Fleiß der Techniker, die von Anfang an mit dabei waren, und dem Engagement der Künstler haben aus dem Zirkus das gemacht, was er heute ist.
Der Cirque du Soleil beschäftigt heute insgesamt 3 000 Mitarbeiter, darunter 600 Künstler. 40 verschiedene Nationalitäten sind vertreten. Ein solches Großunternehmen ist gewiss schwer zu verwalten. Brauchen Sie dafür ein echtes Management?
Bedauerlicherweise ja. Meine Antwort mag leicht zynisch klingen. Wer aber in seinem Leben schon einmal an der Gründung eines Unternehmens beteiligt war, aus dem später eine riesige Struktur wurde, kennt die damit verbundenen Anpassungsschwierigkeiten und Probleme. Als ich 1990 Tournee-Direktor war, griff ich einfach zum Telefon und sagte in Montreal Bescheid, wenn ich etwas brauchte. Das war einfach. Heute ist alles aufgrund der Größe des Zirkus, der Anzahl seiner Mitarbeiter und der vielen Systeme, die installiert werden müssen, viel komplizierter geworden. Aber es ist eine interessante Erfahrung.
Der Cirque du Soleil vermischt Elemente aus Zirkus, Theater und Tanz. Meinen Sie, dass gerade diese Mischung Ihren Zirkus besonders originell macht und von den anderen unterscheidet?
Gewiss erklärt sich der Erfolg des Cirque du Soleil aus dieser Mischung. Und unser Wunsch, bei der Aufführung keine Pausen entstehen zu lassen, hat dazu geführt, dass wir immer mehr solcher Elemente einbauten. Wir wollten keinen „Zirkusdirektor“, der von einer Nummer zur anderen überleitet, sondern wir wollten den Zuschauer in unserer Welt halten, ohne Unterbrechungen. Dazu müssen die Requisiten quasi unbemerkt weggeräumt werden können. Und damit es interessant bleibt, setzen wir alle geeigneten Mittel ein: Wir bitten den Choreographen und den Beleuchter um Ideen oder geben bei einem Komponisten eine passende Musik in Auftrag. Und wir versuchen immer, das Bühnenbild ansprechend zu gestalten.
Eine letzte Frage: Wie sehen Ihre Zukunftsperspektiven und Projekte aus?
Guy Laliberté möchte weiterhin Aufführungen für Tourneen produzieren. Wir wollen neue Märkte erschließen. So fahren wir zum ersten Mal nach Brasilien. Wir wollen weiter alle zwei Jahre ein neues Tournee-Programm produzieren. Darüber hinaus haben wir Projekte, uns mit Partnern am Bau von Theatern zu beteiligen sowie Hotelbauprojekte. Wir wollen auch künftig unser Bestes geben. Ich glaube, die Seele des Cirque du Soleil existiert noch, und Guy Laliberté setzt alles daran, damit sie nicht untergeht: Es bleibt der Wille, etwas Neues, Anspruchsvolles zu machen und weiter das zu tun, was von Anfang an unsere Motivation war: den Zuschauern bestmöglichen Zirkus zu bieten. Ich glaube, genau das ist unsere Zukunftsperspektive.
Vielen Dank für das Gespräch, Serge Roy, und auch künftig viel Erfolg mit dem Cirque du Soleil!
Interview: Katja Dünnebacke, Dezember 2004






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