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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 27. Dezember 2009 > Der Alltag: der vietnamesische Lieferwagen

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 03. Januar 2010 - 03/01/10

Der Alltag: der vietnamesische Lieferwagen

Der vietnamesische Lieferwagen


Lien Nguyen ist Vietnamesin, aber sie ist in der französischen Provinz aufgewachsen. Heute erinnert sie sich an ein Ritual ihrer Kindheit, das ihre Familie mit der vietnamesischen Heimat verband.

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Als Kind liebte ich es, meine Mutter zum Lieferwagen zu begleiten. 1984 kam meine Familie aus dem Vietnam nach Frankreich, nach Saint-Dié, einer Stadt in den Vogesen.

Jedesmal, wenn meine Mutter vietnamesisch kochen wollte, suchte sie vergeblich im örtlichen Supermarkt Cora nach so besonderen und leckeren Zutaten wie die "hôt vit lôn", die berühmten angebrüteten Enteneier mit Embryonen.

Zum Glück gab es aber den Lieferwagen von Herrn Tran-Van-Minh. Das war immer etwas geheimnisvoll: Mama rief irgendwo an, setzte ihren Namen auf eine Liste, schrieb einen Treffpunkt und eine Uhrzeit nieder und schon am nächsten Tag begleitete ich sie dorthin.

Meistens war der Treffpunkt ein Parkplatz. Dort scharrte sich eine Gruppe von Vietnamesen um einen Lieferwagen mit abgedunkelten Scheiben. Sie schienen auf irgendetwas zu warten.

Die Franzosen betrachteten uns voller Misstrauen, als befürchteten sie eine asiatische Verschwörung. Schließlich stieg ein Mann aus dem Auto und begann, Hände zu schütteln, bevor er schließlich die Türen seines Lieferwagens öffnete.

Unsere Freude war unbeschreiblich: Kisten voller frischer Lebensmittel, abgepackte "Nem Chua", Beutel mit getrockneten schwarzen Champignons, Reisnudeln, die verschiedensten Soßen und Konserven, Würste, vietnamesische Chips und andere getrocknete Lebensmittel, die an der Decke hingen. Es gab sogar "Tu-xac", ein vietnamesisches Kartenspiel! Dieser Lieferwagen mit vietnamesischen Lebensmitteln kam jeden Sonntag vorbei und belieferte die asiatischen Familien, die nicht in die großen Städte zum Einkaufen fahren konnten. Sein Kundenkreis vergrößerte sich durch bloße Mundpropaganda.

Diese Treffen spielten im Leben meiner Mutter eine große Rolle: Sie traf die asiatischen Familien aus der Umgebung und schloss Freundschaften. Jahrelang wurden wir auf diese Weise beliefert. Eine Zeitlang kamen die Lieferungen als Belohnung für unsere Treue sogar direkt zu uns nach Hause. Später ging ich zum Studium nach Straßburg. Dort entdeckte ich den "Paris store", eine asiatische Supermarktkette, dank derer ich begann, meine Familie zu versorgen. Nach und nach wurden unsere Käufe beim Lieferwagen immer seltener.

Von Straßburg ging ich in die Hauptstadt, Paris. Und dort entdeckte ich ein regelrechtes Eldorado: die Läden der Gebrüder Tang im 13.Arrondissement! Dort findet ein Asiat auf Tausenden von Quadratmetern alles, was er braucht! Von nun an fuhr ich mit vollen Koffern nach Saint-Dié zurück. Und wir wurden unserem Lieferwagen immer untreuer! Um ganz ehrlich zu sein: Wir haben ihn nie wieder gesehen.

Eines Tages, als ich mit meiner Mutter auf dem Markt von Saint-Dié einkaufte, sprach uns jemand an. Der Mann vom Lieferwagen meiner Kindheit! Als die Kundschaft ausblieb, sattelte er auf vietnamesische Delikatessen um, die er auf Märkten verkauft. Er verdient recht gut damit, denn inzwischen hat sich die vietnamesische Küche auch in Frankreich eingebürgert.

Text: Lien N’Guyen
Bild: Juliette Baily

Erstellt: 18-12-09
Letzte Änderung: 26-05-10


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