Thomas Wörtche/culturmag 29.10.2011
KrimiZEIT-Bestenliste November 2011
Drei Romane in einem – ein Polit-Thriller, ein Abenteuer- und ein Privatdetektivroman ergeben zusammen „Rote Spur“ – oder besser, wie im Original auf Afrikaans, „Spoors“. Denn es geht in diesem monumentalen Stück Kriminalliteratur nicht um eine „Spur“, sondern um den Zusammenhang der Dinge im Südteil eines komplexen Kontinents. Es geht, um nur ein paar Plot-Stränge zu nennen, um den Zusammenhang von Diktatoren aus Simbabwe (Mugabe), dem Kongo (Kabila) und Diamanten. Es geht um sehr wertvolle Spitzmaulnashörner, beziehungsweise deren Hörner. Es geht um konkurrierende Geheimdienste, politisch sich befeindende Polizeieinheiten, Waffenhandel, Al Qaida, die CIA und das ganz normale organisierte Verbrechen, Busfahrerstreiks, Abrechnungsmodi von Security-Firmen, das Leben in der Karoo, um die verschiedenen Einwandererströme in die Republik Südafrika, um die 2009 heraufdämmernde Fußballweltmeisterschaft und um die ganz große Politik.
Dieses und noch viel mehr fügt Deon Meyer mit großer kompositorischer Könnerschaft und Souveränität zu einem konsistenten Roman, der gleichzeitig die drei oben genannten (Sub-)Genres präsentiert, ohne auseinanderzufallen, so, als ob Südafrika und die südafrikanischen Verhältnisse ein Genre allein weit überfordern würden. Meyer schreibt einen abgeklärten Polit-Thriller, wenn er erzählt, wie einer der Geheimdienste des Landes Bedrohungsszenarien aufbaut, um sich im Geschäft zu halten; er schreibt einen klassischen Abenteuerroman (mit klassischen Spurenleserweisheiten als Kapitelmotti), wenn er erzählt, wie eine ziemlich sehr entschlossene junge Frau an und für sich schon wertvolle Nashörner benutzt, um etwas ganz anderes zu schmuggeln und wie lächerlich Begriffe wie Legalität und Illegalität in der Wildnis sind. Und Meyer schreibt einen klassischen Privatdetektivroman, wenn er erzählt, wie eine Frau ihren verschwundenen Mann sucht und wie die private Sicherheitsindustrie, die die hoheitlichen Funktionen einer aus politischen Gründen abgewirtschafteten Polizei, nur so lange Gerechtigkeit (oder was auch immer) gewähren kann, solange der Kunde solvent ist. In allen drei Handlungen, in allen drei Genres also, ist eine Gruppierung präsent, die in der Tat die ganze Gesellschaft durchsetzt hat: das organisierte Verbrechen. Die Geheimdienste müssen sich damit befassen, weil auch ideologisch-religiöse Terrororganisationen mit der organisierten Kriminalität dealen müssen, um zum Beispiel Menschen ins Land zu schmuggeln (leider hat die Realität an dieser Stelle Deon Meyers maliziöse Pointe versaut, die ich aber trotzdem nicht verrate, weil sie so gut ist). Die Schmuggler und die Tyrannen der Nachbarstaaten brauchen die OK für ihre eigene Logistik und ihre eigene gierige Raison. Im PI-Roman ist die OK der natürliche Gegner, nächst der organisierten Sicherheitsindustrie, die letztendlich auch nichts anderes als kriminell ist.
Insofern ist „Rote Spur“ letztlich ein Mehr-Ebenen-Roman über das organisierte Verbrechen. Ein Strukturelement, mit dem man ganz verschiedene Lebens- und Realitätsbereiche bestens beschreiben kann. Ideologien, Politik, Gier, persönlicher Ehrgeiz, wirtschaftliche und soziale Verwerfungen und die Priorität des Profits werden unter dieser Perspektive deutlich als Zusammenhang sichtbar. Gerade weil Deon Meyer sein Land so differenziert und präzise beschreibt (denn die drei „Genres“ beschreiben auch drei unterschiedliche südafrikanische Milieus – die elegante Skrupellosigkeit der urbanen Polit-Profis, das Leben in der keinesfalls reineren, sondern sehr robusten Wildnis und das eher kleinbürgerliche Leben von Cops und Detektiven), sind seine Bücher universal gültig.
Das sind sie zudem auch, weil sie auch literarisch hoch organisiert sind. Tendenziell ironisch sowieso, gebrochen auf jeden Fall: am deutlichsten bei der Geheimdienstgeschichte, über die eine Geheimdienstmitarbeiterin einen „Schlüsselroman“ schreibt, aus dem man die Ereignisse sozusagen wieder zurück-übersetzen kann.
Das ist schön tricky, unterhaltsam und intelligent – „Rote Spur“ ist einfach ein sehr gutes Buch.
PS: Umso überflüssiger ist deswegen ein unkluges, rein werbliches Nachwort, demzufolge sich neben Deon Meyer als südafrikanischer Kriminalautor nur James McClure namentlich zu erwähnen lohnt. So stellt man einen Autor gerade nicht in Kontexte, ordnet ihn gerade nicht ein in die Literatur seines Landes, in die internationale Kriminalliteratur usw., was eigentlich ein Nachwort sinnvollerweise tun sollte. Sondern man betreibt kurzsichtige „Produktwerbung“ für ein als dumm eingeschätztes Publikum. Was zudem auch Deon Meyer selbst nicht gefallen kann, wenn sein Verlag insinuiert, er habe so kleingeistigen Support nötig.
Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau 28.10.2011
KrimiZEIT-Bestenliste November 2011
Unterkomplex waren die Kriminalromane des südafrikanischen Autors Deon Meyer noch nie. Aber in seinen jüngsten, "Rote Spur", hat er noch einen oder zwei Handlungsfäden mehr eingewebt, noch ein paar wichtige Figuren zusätzlich, und einige der Beteiligten, der Geheimdienst vor allem, ziehen auch technisch alle Register. Winzigste Kameras werden angebracht, trojanische und andere üble Pferde losgeschickt - und leibhaftige Nashörner geschmuggelt.
Deon Meyer, der im Interview seine gewalttätige Heimat mit Zähnen und Klauen verteidigt, bildet in seinen Romanen diese Gewalt nachdrücklich ab. Wenn jemand überfallen und nicht getötet wird, ist das eher die Ausnahme. Jeder Farmer hat eine Waffe griffbereit.
Ein Erzählfaden folgt einer Frau namens Milla, die ihrer unglücklichen, fast schon bedrohlichen Ehe entflieht. Sie antwortet auf eine Stellenanzeige und landet so beim Geheimdienst, wo sie den Inhalt dicker Akten auf einige Seiten komprimiert, damit die wirklich wichtigen Leute nicht jedes Detail lesen müssen. Ein anderer Faden führt zu dem Deon-Meyer-Lesern bereits bekannten Personenschützer Lemmer, der diesmal angeheuert wird, um einen Nashorn-Transport zu bewachen: So teuer lassen sich die Hörner verkaufen, dass man besser einen Mann mit Knarre mitschickt, wenn man die Tiere an einen sicheren Ort bringen will.
Es gibt außerdem in Deon Meyers Kapstadt diverse brutale Banden und vorsichtige Islamisten, taktierende Politiker, temperamentvolle Geheimdienstchefinnen, tapfer recherchierende Computernerds. Eine Tierschützerin, der man nicht trauen kann, ist verwickelt in die Vielzahl der Geschehnisse, ein CIA-Agent, ein Disponent von Bussen, der schnelle Sportwagen mag, ein Schmuggler, dem man aus Versehen Geld geklaut hat, als man eigentlich nur sein Auto stehlen wollte. Sie alle drehen an einem riesigen Intrigen- und Geld-Rad, das zuletzt einige von ihnen überrollen wird.
Manchmal ist man kurz davor, die Übersicht zu verlieren in diesem prallen und doch ziemlich umfangreichen Roman. Aber Deon Meyer schreibt plastisch und plausibel, zeichnet seine Figuren so, dass man sie sich einprägt. Das gilt auch für die klimatischen Verhältnisse, die Hitze und den Staub, die Farm-Oasen darin. Man wünscht sich als Leser jedenfalls keine Milla, die die mehr als 600 Seiten mal flugs zusammenfasst.







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