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Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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17/03/05

Viele Kulturen - eine Sprache

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Schreiben in der Sprache des anderen? Für immer mehr Autoren eine Selbstverständlichkeit.
Seit 1985 zeichnet der Adelbert-von-Chamisso Preis deutsch schreibende Autoren aus, deren Muttersprache oder kulturelle Herkunft nicht die deutsche ist, beim ARTE-Stand auf der Leipziger Buchmesse können Sie einige von ihnen treffen, auf dieser Seite stellen wir sie mit Texten und Biografie (siehe Leiste oben) vor. Der Germanist Michael Hofmann informiert in einem Interview über neueste Trends in der deutsch-türkischen Literatur und die Übersetzerin Regina Keil-Sagawe stellt frankophone Autoren des Maghreb vor.


Schreiben in der Sprache des anderen? Frankophone AutorInnen des Maghreb heute
„Und warum schreiben Sie auf Französisch?“ Ich hätte mir besser auf die Zunge gebissen, statt ihn mit dieser Frage zu nerven: Tahar Ben Jelloun (*1944), der bekannteste marokkanische Autor französischer Sprache, knurrt nur verstimmt: „Auf diese Frage antworte ich nicht mehr!“ Damit ist das Thema abgehakt. 1987 erhält Ben Jelloun als erster Maghrebiner den „Prix Goncourt“; 1994 geht der „Grand Prix National des Lettres“ an Algeriens Literatur-Ikone Kateb Yacine (1929-1989), der „Grand Prix de la Francophonie“ der Académie Française an Mohammed Dib (1920-2003): Autoren der ersten Stunde, die in den 50er Jahren zu schreiben begannen, auf Französisch, notgedrungen, in der Sprache des Kolonisators, um gegen eben diesen Kolonisator anzuschreiben. Doch sie schreiben noch immer auf Französisch, die Autoren aus Frankreichs Ex-Kolonien Algerien (1830-1962), Marokko (1912-1956), Tunesien (1882-1956), nach einem halben Jahrhundert Unabhängigkeit, Tendenz steigend. Inzwischen in der dritten, ja vierten Generation. Im Exil, in Frankreich oder Kanada, genauso wie im Maghreb. Warum?

Abdelwahab Meddeb zum Beispiel (*1946): der tunesische Intellektuelle aus Paris, in Deutschland durch seinen Essay Die Krankheit des Islam (dt. 2003) bekannt. Der Sproß einer Theologen-Dynastie der Zeituna-Universität in Tunis hat sich bewusst für das Französische als Literatursprache entschieden. Diese Option ermöglicht es ihm, die „Spur des Arabischen“ zur Geltung zu bringen, und zwar sehr viel prägnanter, als wenn er direkt auf Arabisch schriebe. Er schuf sich eine kunstvolle Zwittersprache, in der bald arabische „Sprachscherben“ aus dem Kitt des Französischen lugen, bald beide Idiome eine unauflösbare Liaison eingehen, in „Text-Palimpsesten“, die, einer „Poetik des Heterogenen“ folgend, unablässig zwischen französischer Oberfläche und arabo-islamischem Substrat oszillieren. Meddebs Texte sind extrem durchrhythmisiert, folgen dem Takt seiner Schritte, dem Rhythmus des Atems beim Gehen, dem Rhythmus auch des Koransingsangs, dem Rhythmus der Parataxe, die den arabischen Satzbau bestimmt: „Wenn ich schreibe, spüre ich, wie meine Hand vom Rhythmus des Gehens durch ein Labyrinth geleitet wird. Die Satzmusik versucht den Atem des Gehenden wiederzugeben.“ Nach diesem Prinzip sind seine meditativen Romane Talismano (1979) und Phantasia (1986) angelegt, sprachexperimentelle Streifzüge durch die Medina von Tunis und das moderne Paris. Ihm folgt auch der Lyrikband Tombeau d’Ibn Arabi (1987) - Ibn Arabis Grab, in dem sich west-östliche Fluchtlinien kreuzen: in der doppelten Hommage an Mallarmé und Ibn Arabi, den philosophischen Freigeist und zugleich größten Mystiker des arabisch-andalusischen Mittelalters (1165-1240), von den Sufis hoch verehrt, den Fundamentalisten bis heute ein Dorn im Auge. Ibn Arabis Dolmetsch der Sehnsüchte (Tardschuman al-Aschwaq) stand hier Pate, ein Ensemble flammend mystischer Liebesgedichte, das über Dante Einlaß in die abendländische Lyrik fand und einst den Dolce stil nuovo inspirierte. Bei Meddeb sind es ekstatisch-erotische Visionen eines Gottessuchers, dem sich das Göttliche im Weiblichen enthüllt, in der emblematischen Gestalt der Aya: „... überquere den Fluß ... gehe zwischen den weißen Zelten hindurch, die ihren Schatten über salzige Lippen breiten, und rufe all die Geliebten herbei, Judith und Aya, Hind oder Hera, bitte sie, dir den Weg zu weisen ...“

Oder auch Leila ...: nämlich Leila Marouane (*1960), die, in schroffem Kontrast zum hohen Ton von Meddebs Frauenlob, den Weg in die Abgründe algerischen Frauenlebens aufzeigt, sich zum „Dolmetsch der Sehnsüchte“ ganz realer Frauen macht. 1996 hat die algerische Journalistin unter dem Druck islamistischer Drohungen ihr Land verlassen, lebt seither in Paris. Sie ist für ihren lakonischen Stil bekannt, in dem sie die grausigsten Geschehnisse aus der Pathologie algerischen Familienalltags in heiter-naivem Ton rapportiert, aus der Sicht von Frauen zumeist, denen das Erlebte den Verstand geraubt hat, bis dem Leser das Lächeln auf den Lippen gefriert, so in Ravisseur (1998, dt. Entführer, 2003, LiBeraturpreis 2004), so in Le Châtiment des Hypocrites (2001, dt. Unter dem Strich, Herbst 2005), und erst recht so in ihrem brandneuen Roman La jeune fille et la mère, der schonungslosen Abrechnung einer Tochter mit ihrer Mutter, die an Krudität alle Texte maghrebinischer Autorinnen übertrifft und beidseits des Mittelmeers rege Debatten auslöst. Die algerische Presse überschlägt sich vor Begeisterung: El Watan bemüht den Vergleich mit Rachid Boudjedras Skandalerfolg Die Verstoßung (1969), rühmt die eines Fellini würdigen Szenen, wenn der Vater nächtens mit seiner Tochter zur Engelmacherin schleicht, um zu testen, ob das Häutchen noch intakt sei, an dem die Ehre der Familie hängt. Oder die Mutter, die ihre Tochter Djamila - wenn sie abends später als Mabrouka, die Ziege, nach Hause kommt - grotesken Jungfräulichkeitstests unterzieht. Der Roman, der in den 70ern spielt, spiegelt auch die Tragik dieser Mutter, die als jugendliche Freiheitskämpferin im Maquis dabei war und vom Studium in Damaskus träumte, dann in die Ehefalle tappt, Opfer des patriarchalischen Systems und zur ärgsten Feindin ihrer Tochter wird ...

Warum sie auf Französisch schreibt? Leila Marouane, selbst Tochter eines arabisch schreibenden Schriftstellers, gibt bereitwillig Auskunft: „Ich hab schon immer auf Französisch geschrieben. Und wie viele Algerier meiner Generation denke, träume, lache, weine, lieb ich mehr auf Französisch als auf Arabisch. ... Denn nur in dieser Sprache habe ich meinen Gefühlen Namen geben können, der Verliebtheit zum Beispiel, die ja tabu ist, nicht in meiner Kultur, aber in meiner Erziehung. Dank des Französischen bin ich auch zur Literatur gekommen .... Ich schreibe auf Französisch, das stimmt, aber in einer Sprache, die nur mir gehört. ... Ich möchte, dass man sagt: ‚Das ist typisch Marouane!’, nicht ‚Das ist typisch französisch’!“ (1)

Typisch französisch – ist das maghrebinische Französisch ohnehin längst nicht mehr, war es noch nie: Dicke Lexika sind in den letzten Jahren erschienen, von Linguisten erstellt, die von der Sprachdynamik im Maghreb erzählen, Neologismen und Regionalismen verzeichnen, die Übersetzern so manche Nuß zu knacken geben: bei Boualem Sansal (2) zum Beispiel, der wonnevoll in der „Derdja“ schwelgt, im „Frarabe“: jener Mischung aus arabo-berberischer Umgangssprache und Französisch, die im Maghreb in aller Munde ist und Puristen von beidseits des Mittelmeers den Schweiß auf die Stirn treibt. Denn die jungen Künstler identifizieren sich sehr viel stärker mit ihr als mit reinem Französisch oder Hocharabisch, wie die Studie Les mots du bled beweist, in der die französische Linguistin Dominique Caudet (Paris: L’Harmattan 2004) diesen Sprachgebrauch erstmals unter die Lupe nimmt und in seinem kreativ-subversiven Potential analysiert.

von Regina Keil-Sagawe

(1) Aus einem Interview mit Birgit Mertz-Baumgartner, abgedruckt im Anhang zu ihrer Studie: Ethik und Ästhetik der Migration. Algerische Autorinnen in Frankreich (1988-2003), Würzburg: Königshausen & Neumann 2004.

(2) Boualem Sansal: Le serment des Barbares (1999), Paris: Gallimard, dt.: Der Schwur der Barbaren, Merlin: Gifkendorf 2002, dt. von Regina Keil-Sagawe

Die besprochenen Bücher:

Abdelwahab Meddeb

Ibn Arabis Grab. Gedichte.
Dreisprachige Ausgabe französisch-arabisch-deutsch.
Arabische Nachdichtung von Mohammed Bennis.
Deutsche Nachdichtung von Hans Thill. Heidelberg: Wunderhorn 2004.
Original: Tombeau d’Ibn Arabi. Paris: Sillages 1988.
Talismano
Paris: Bourgois 1979
dt. von Hans Thill, Heidelberg : Wunderhorn 1993
Phantasia
Paris: Sindbad 1986,
dt. von Hans Thill
unter dem Titel: Aya, Heidelberg: Wunderhorn 1998
Essay: Die Krankheit des Islam
Heidelberg: Wunderhorn 2002,
aus dem Französischen von Beate Thill und Hans Thill
Original: La maladie de l’Islam, Paris: Seuil 2002
Prix François Mauriac 2002


Leila Marouane:

La jeune fille et la mère
Editions du Seuil : Paris 2005

Entführer
Haymon: Innsbruck 2003 (aus. dem Franz. von Regina Keil-Sagawe)
Ravisseur, Paris: Julliard 1998







„Ein ungewohnter Blick auf unsere Wirklichkeit“

Interview zum Thema „Deutsch-türkische Literatur“ mit Prof. Dr. Michael Hofmann.

Herr Dr. Hofmann, dieses Jahr hat die Robert Bosch Stiftung den Chamisso-Preis - ein Preis für Autoren, die auf deutsch schreiben, deren Muttersprache jedoch nicht deutsch ist – an den deutsch-türkischen Autor Feridun Zaimoglu verliehen. Unter anderem für seinen Erzählband „Zwölf Gramm Glück.“ Hat Zaimoglu diese Auszeichnung zu Recht erhalten?
Zaimoglu ist sicherlich ein umstrittener Autor. Viele sind geradezu schockiert von seiner Art und Weise mit der deutschen Sprache umzugehen. Es ist trotzdem eine verdiente Auszeichnung, weil er nämlich gerade repräsentativ für eine Literatur ist, die versucht, die türkische Herkunft mit den Elementen der deutschen Literatur zu verbinden. Zaimoglu hatte ja vor allen Dingen mit seiner Sammlung „Kanak Sprak“ für Aufsehen gesorgt, wo er versucht hatte, die Sprache von türkischen Jugendlichen am Rande der Gesellschaft unverfälscht darzustellen. Jetzt in seinen letzten Texten versucht er, sich als seriöser Autor in deutscher Sprache darzustellen. Ich finde durchaus, dass seine Texte auch eine poetische Qualität gewinnen, die gerade daher kommt, dass er eben diese Mischung aus Fremdem und Deutschem versucht, die gerade für deutsche Leser durchaus von großem Interesse ist.

In Film und Literatur scheinen die Erzählungen deutsch-türkischer Geschichten zur Zeit äußerst beliebt zu sein. Warum ist das so?
Sicherlich nicht deshalb, weil die Deutschen immer noch das Gefühl haben, sie müssten diese türkischen Texte oder Filme anschauen, um eine Schuld zu büßen, weil sie die Türken schlecht behandeln. Es gab ein erste Phase der deutsch-türkischen Literatur, die man noch als Gastarbeiterliteratur bezeichnet hat, wo es eigentlich darum ging, nur die negative Behandlung der Ausländer in Deutschland darzustellen. Man hat von einer Art Sozialarbeiterattitüde der deutschen Leser gesprochen. Das existiert so nicht mehr. Heute interessiert uns an der deutsch-türkischen Literatur und dem Kino, dass wir einen ganz ungewohnten Blick auf unsere Realität bekommen.

Was unterscheidet die deutsch-türkische Literatur inhaltlich und sprachlich von anderen deutschen Werken der Gegenwart?
Zunächst kann man mal sagen, dass wir es mit einem Phänomen der Migrationsliteratur zu tun haben. Jedenfalls bei vielen Autoren, die in der Türkei geboren sind, die bekannteste Autorin wäre Emine Sevgi Özdamar. Wir bekommen durch diese Migrationsperspektive, wie bereits gesagt, einen neuen Blick auf unsere Wirklichkeit und wir stellen fest, dass es Menschen gibt mit wechselnden Identitäten, die über ihre Identität neu nachdenken müssen. Und wir merken, dass wir gar nicht so weit entfernt sind von diesem ungewohnten Blick auf unsere eigene Wirklichkeit.

Wird die Literatur von deutsch-türkischen Autoren auch ins Türkische übersetzt? Und wie ist die Resonanz in der Türkei? Zum Teil schon. Der Film „Gegen die Wand“ war ein riesiger Erfolg in Istanbul. Man kann natürlich sagen, dass die Autoren - die Türken, die nach Deutschland gekommen sind - sehr aufmerksam in der Türkei beobachtet werden. Die Türkei ist natürlich im Moment vor allem daran interessiert, Mitglied der Europäischen Union zu werden und die Türken, die in Deutschland leben, bilden eine wichtige „Speerspitze“ der Türkei nach Europa. Wichtig ist auch, dass diese Begegnung mit der deutschen Kultur und auch eben mit Europa die Türkei selbst verändern wird. Das heißt also, eine Liberalisierung und Öffnung der Türkei ist auch durch diesen Kontakt der Türken mit Deutschland und Europa verbunden.

Neben deutsch-türkischen gibt es natürlich auch noch viele andere multikulturelle Autoren in Deutschland. Aus welchen Ländern stammen diese ursprünglich? Gibt es vielleicht eine andere Nationalität, die der Türkei in Deutschland - literarisch gesehen - bald den Rang ablaufen wird?
Es gab am Anfang der sogenannten Gastarbeiterliteratur vor allen Dingen italienische Autoren, z. B. Franco Biondi, die im Mittelpunkt standen. Im Augenblick hat Rafik Schami, ein Autor aus Syrien, den größten Erfolg. Und es gibt außer ihm auch noch einige andere Autoren aus den arabischen Ländern. Ich glaube, gerade im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit dem Islam und auch mit den Fragen, die sich seit dem 11. September 2001 stellen, ist die Begegnung mit der arabischen Literatur von besonderem Interesse. Deswegen kann wohl auch die deutsch-arabische Literatur mit einer besonderen Resonanz rechnen.

Eine Prognose von Ihnen: Gibt es einen Autor, in den Sie große Erwartungen setzen – der vielleicht der nächste Chamisso-Preisträger wird?
Der Chamisso-Preis wird ja regelmäßig vergeben. Insofern gibt es bereits ein großes Spektrum von Autorinnen und Autoren, die einen Preis bekommen haben. Im Moment, denke ich, ist eine Phase eingetreten, in der viele jüngere Autorinnen und Autoren ganz neue Perspektiven einbringen. Ich will keinen speziellen Namen nennen. Lassen wir uns überraschen von der jüngeren Generation der deutsch-türkischen Autoren oder auch anderer Autoren, die ein eher unverkrampftes Verhältnis zu den Fragen der deutsch-türkischen Begegnung haben und uns vielleicht zu ganz unerwarteten Ergebnissen kommen lassen.

Herr Dr. Hofmann, vielen Dank für das Gespräch.


Dr. Michael Hofmann ist Professor für Germanistik an der Universität Paderborn. Einer seiner Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegt auf der deutsch-türkischen Gegenwartsliteratur.



Das Interview führte Nina Strupeit, März 2005

Erstellt: 16-03-05
Letzte Änderung: 17-03-05