Kritik: Nach über einem Jahrzehnt ist der frankophile österreichische Regisseur Michael Haneke in den deutschen Sprachraum zurückgekehrt, um seinen formal und inhaltlich sehr strengen Film zu drehen, der wie eine psychologische Studie zur Entstehung des Faschismus wirkt. In seinem Dorf sind die Autoritätsverhältnisse ganz klar definiert. Es gibt den Pastor (Burghart Klaussner), der seine Kinder mit der "schwarzen" Pädagogik des weißen Bandes erzieht, den Arzt (Rainer Bock) und den Baron (Ulrich Tukur). Sie herrschen über ihre Frauen und Kinder und selbstverständlich auch über die Bauern des Dorfes.
Einzig der Lehrer wundert sich über die mysteriösen Dinge, die geschehen, und stellt Nachforschungen über die Täter an. Da wird etwa ein dünnes Drahtseil zwischen zwei Bäumen gespannt, über das das Pferd des Arztes stolpert und diesen dabei verletzt. Eine Scheune brennt ab, und der behinderte Junge der Hebamme wird brutal zusammengeschlagen und an einen Baum gefesselt. Als der Lehrer gegen Ende des Films einen Verdachtsmoment äußert, wird ihm vom Pastor dringend geraten, sich aus der Angelegenheit herauszuhalten.
"Das weiße Band" kreiert eine absolut beklemmende Atmosphäre. Schnell wird klar, dass im Dorf jeder etwas zu verbergen hat und schon deshalb keine Ermittlungen nach den Tätern stattfinden. Die von Christian Berger geschaffenen Schwarz/Weiß-Bilder – die einen leichten Sepiaton besitzen - sind von bestechender Klarheit und erinnern auch wegen der Lichtführung und den starken Kontrasten an die Arbeiten von Sven Nykvist für Ingmar Bergman. Sie entfalten eine geradezu hypnotische Wirkung, die lange anhält. Auch inhaltlich lassen sich durchaus Parallelen zu Bergman (dem Sohn eines protestantischen Priesters) finden, was etwa die Bestimmtheit und die Wortkargheit der Figuren betrifft. Die Hierarchien zwischen den Figuren sind klar definiert und werden gerne ausgespielt, etwa wenn der Baron seiner Frau verbietet, das Zimmer zu verlassen: "Du gehst erst dann durch diese Tür, wenn ich es dir sage". Der Arzt beschimpft seine Geliebte als "hässlich, ungepflegt und widerlich." Er findet es "ekelhaft", dass diese aus dem Mund stinkt. "Hast du kein Ehrgefühl?" faucht er sie an, weil sie ihn immer noch liebt. "Neben dir kann man sich das nicht leisten," erwidert sie resigniert.

Deutschland/Österreich/Frankreich/Italien 2009, 145 Min.
Buch und Regie: Michael Haneke
Mit Ulrich Tukur, Burghart Klaussner, Steffi Kühnert, Susanne Lothar, Rainer Bock
Offizieller Wettbewerbsbeitrag

Wichtig ist es dem Autor und Regisseur Michael Haneke, dass sein Film beispielhaft ist und sich nicht nur auf Deutschland bezieht. Denn für ihn entspringen "alle Formen von Terrorismus derselben Quelle", nämlich der "Perversion von Idealen, die man in soziale Regeln übersetzt". In seiner grandiosen Sozialstudie "Das weiße Band" bezieht er sich auf die absolute Autorität in der wilhelminischen Ära, einer Zeit, in der die Kinder noch "Herr Vater" sagten und sich mit Handkuss verabschiedeten.
Nana A.T. Rebhan







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