Schriftgröße: + -
Home > Welt > ARTE Journal

ARTE Journal

ARTE Journal bietet den europäischen Blick auf die wichtigsten Ereignisse des Tages.

> Präsidentschaftswahlen 2012

Präsidentschaftswahlen 2012

Der Kampf um den Elysée-Palast, hautnah mitverfolgt: unser Dossier.

> Präsidentschaftswahlen 2012 > Frankreich: Pascal Perrineau über den Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon

Präsidentschaftswahlen 2012

Der Kampf um den Elysée-Palast, hautnah mitverfolgt: unser Dossier.

Präsidentschaftswahlen 2012

ARTE Journal - 16/04/12

Das Phänomen Mélenchon

Er ist die Überraschung des Wahlkampfs: Jean-Luc Mélenchon könnte am 22. April beim ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl den dritten Platz erreichen. Mit 13 bis 17 Prozent in den Umfragen wirbelt der Kandidat der Linksfront das klassische politische Schachbrett in Frankreich durcheinander. Bevor am Sonntag die beiden Favoriten, François Hollande und Nicolas Sarkozy, in Paris auf zwei Megaveranstaltungen um die grösste Anhängerschar buhlen werden, lässt Mélenchon sein Charisma an diesem Samstag in Marseille auf die begeisterte Menge wirken.
Denn der Mann ist ein Phänomen. Politisch hat er keine Berührungspunkte mit den deutschen Piraten, aber vergleichbar ist die Begeisterung der Menschen: frischen Wind und klare Worte bringt Mélenchon in die Politik, mit seinem Mantra der sozialen Gerechtigkeit scheint er vielen Franzosen aus dem Herz zu sprechen. Nathalie Daiber stellt Ihnen in der Reportage überzeugte Mélenchonisten vor und sprach mit dem Politologen Pascal Perrineau über das Phänomen Mélenchon.





Weitere Artikel zum Thema

Nathalie Daiber für ARTE Journal: Warum zieht Jean-Luc Mélenchon immer mehr Wähler an? Liegt das nur an seiner Persönlichkeit?
Pascal Perrineau, Politologe: Nein, das geht über seine Persönlichkeit, sein Rednertalent und seine Qualitäten als Volkstribun hinaus. Es gibt im linken Lager in Frankreich eine immer noch lebendige revolutionäre Tradition, den Glauben, dass ein radikaler Bruch möglich ist, dass man die Spielregeln von Politik und Wirtschaft tiefgreifend verändern kann. Diese Tradition trägt Jean-Luc Mélenchon. Manche glaubten sie mit dem Niedergang der kommunistischen Partei entschlummert, aber dem ist offenbar nicht so. Die kommunistische Partei ist tot, aber das neo-kommunistische Denken lebt, und Jean-Luc Mélenchon verkörpert es perfekt.



ARTE Journal: Auch weil er gegen die Angst angeht? Er ist ja der einzige, der aus der Logik der Krise ausbricht. Ist das Teil seines Erfolgs?
Pascal Perrineau: Sein Erfolg beruht tatsächlich darauf, dass er als Held in einem politischen Kampf auftritt und sagt: „Alles ist möglich, man kann die Globalisierung radikal umdrehen, man kann die Grundregeln der Wirtschaft verändern, wenn man es nur wirklich will.“ Er verkörpert diese Überzeugung, und er tut es mit einem echten Talent für die Rolle des Volkstribuns. Das Talent allein würde nicht reichen, aber er verkörpert eben etwas mit diesem Talent, das manche auch demagogisch und populistisch nennen.



ARTE Journal: Er hat viel Erfolg bei jungen Wählern. Weil die sich von der Krise besonders bedroht fühlen?
Pascal Perrineau: Das ist eine jüngere Entwicklung. Mélenchon sprach lange – und spricht auch weiterhin – vor allem ältere Männer an, die sich der historischen Linken zugehörig fühlen, viele davon im öffentlichen Dienst und eher aus Bourgeoisie und Mittelstand als aus dem Arbeitermilieu. Das ändert sich im Augenblick ein bisschen. Mélenchon entwickelt eine neue Dynamik, er spricht vermehrt auch bestimmte Teile der Arbeiterklasse und junge Leute an. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass er bei einem Teil der Jugend doch recht deutlich hinter der rechtsradikalen Marine Le Pen liegt.



ARTE Journal: Ich dachte eigentlich, mit der alten Linken sei es vorbei. Die Kommunisten waren noch auf die Arbeiterkasse abgestellt. Mélenchon war doch eigentlich eher urban, modern, cool, also eher auf ein studentisches Publikum ausgerichtet?
Pascal Perrineau: Stimmt. Wenn man sich seine jugendlichen Anhänger näher anschaut, findet man weit mehr Schüler und Studenten als Lehrlinge oder junge Leute, die schwer zu kämpfen haben, um nach einer praxisorientierten Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Mélenchon wirkt weniger auf die jungen Leute, die praktische Probleme haben, als auf die, denen sein Stil gefällt und das Versprechen einer Rückkehr der Utopien, das er trägt. Das sind die Hauptgründe für den Erfolg von Mélenchon beim gebildeteren Teil der Jugend.



ARTE Journal: Für mich als Deutsche steht François Hollande schon ziemlich weit links. Ich wundere mich, dass er vielen Leuten nicht links genug ist. Und die radikal linke Position von Jean-Luc Mélenchon, die ist für mich fast unverständlich.
Pascal Perrineau: Mélenchon profitiert gerade auch davon, dass manche linke Wähler von François Hollande enttäuscht sind. Ein Teil der Sozialisten, für die François Hollande noch vor ein, zwei, drei Monaten die natürliche Wahl war, schwanken heute zwischen ihm und Mélenchon. Es gibt einfach in der französischen Linken radikalere Strömungen als in der deutschen, britischen, spanischen oder sogar italienischen Linken. Für einen Teil der französischen Wähler bedeutet links wählen eben: wirklich radikal links wählen. Darauf setzt Mélenchon auch recht geschickt, indem er unterstreicht: Nur wer weit links ist, ist überhaupt links. Das kann einen Teil der sozialistischen Wähler verführen, die eigentlich hinter François Hollande stehen müssten. Hollande leidet unter dem Image vom „Pudding-Sozialisten“, das ihm nicht die Bürgerlichen verpasst haben, sondern seine internen Konkurrenten in der sozialistischen Partei. Jean-Luc Mélenchon wirkt dem gegenüber mit seinem entschlossen vorgereckten Kinn natürlich als der harte, der echte Linke.



ARTE Journal: Werden die Mélenchon-Wähler aus dem ersten Wahlgang dann in der Stichwahl geschlossen hinter Hollande stehen?
Pascal Perrineau: Laut Umfragen wird der überwiegende Teil der Mélenchon-Wähler in der Stichwahl tatsächlich für Hollande stimmen. Problematisch könnte es allerdings werden, wenn Mélenchon wirklich einen sehr hohen Stimmenanteil einfährt. Das könnte Hollande, der ja gemäßigt erscheinen will, schaden. Dann würde nämlich die gesamte französische Linke radikaler erscheinen als jetzt und auch Hollande müsste ein wenig weiter nach links rücken. Und davor könnte dann sowohl den gemäßigten Franzosen als auch unseren Partnern in der EU mulmig werden.



Sehen Sie auch




Erstellt: 14-04-12
Letzte Änderung: 16-04-12