Synopsis: Der Dokumentarfilm „Das Netz“ versucht die Zusammenhänge der Hippie-Kultur, der Kunstszene New Yorks, wissenschaftlichen Technologien und fortschreitender Technologie in den 70er Jahren zu beschreiben.
Kritik: Who the f*** was Theodore John Kaczynski? Wer das nicht weiß, wird in den beiden Stunden des Films Gelegenheit genug bekommen, seine Wissenslücke zu schließen. Genau da liegt auch schon das Problem. Gemäß dem neutralen Titel erwartet der Zuschauer eine Art Entstehungsgeschichte des Internets, aber die wird ihm nicht geboten. DAS NETZ konzentriert sich auf Theodore John Kaczynski, kurz Ted Kaczynski, auch der „Unabomber“ genannt. Ted Kaczynski kündigt 1969 seine Anstellung als Mathematikprofessor in Berkely, und zieht sich in eine kleine Hütte in die Wälder Montanas zurück. Von dort aus baut er Bomben und plant Anschläge gegen Professoren und Autoren, die maßgeblich an der Entwicklung des Internets beteiligt sind. Erst 1996 wird er mit Hilfe seines Bruders vom FBI in seiner Hütte verhaftet. Er wurde zu vier Mal lebenslänglich und 30 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Ted Kaczynski lehnt jedes Interview in seiner Zelle ab. Aber der Filmemacher Lutz Dammbeck wollte ihn unbedingt als Antagonisten in seinen Film einbauen. So kam er auf die nervige Idee, Briefe Ted Kaczynskis an Lutz Dammbeck von einem deutschen Sprecher im Off vorlesen zu lassen. Erklärt wird dies im Film natürlich nicht, denn Dammbeck setzt auf die Intelligenz seines Zuschauers.
Selbst gemalte Diagrammen sollen erklären, wie was mit was und wer mit wem zusammen hängt. Sie sollen dem Film eine Struktur verleihen. Da sieht man etwa den Filmemacher mit Laptop im Flugzeug, während er auf einen Zettel mit rotem dicken Filzer seine ‚mindmaps’ zeichnet. O-Ton Dammbeck: „Was habe ich bisher? Ich habe einen Mathematiker, über dessen Systemkritik keiner meiner Interviewpartner reden will. Und ich habe Ingenieure und Künstler, die von Technologie besessen sind. All das gehört offensichtlich zu einem System, dessen Konturen ich erst erahne. Anscheinend ein geniales Feedback-System, das jeden Angriff und jede Störung umgehend als Energiezufuhr für seine weitere Perfektionierung nutzt. Wer braucht so etwas, wer denkt sich so etwas aus?“
Wer diese Art des sehr subjektiv gefärbten Dokumentarfilms mag, der wird sich bei DAS NETZ gut aufgehoben fühlen. Dammbeck gelingt es, interessante Querverbindungen zwischen LSD, schräger 70er Jahre Kunst, Hippie-Happenings, Philosophie, Politik, Soziologie und natürlich der Computertechnologie zu schaffen. Das Ziel der Erforschung ist dabei seine eigenwillige Methode, die interdisziplinäre Assoziationen fördert.
Wer mehr darüber wissen will, findet eine umfangreiche Webpage zum Film unter:
t-h-e-n-e-t.com.
Wer allerdings einen Dokumentarfilm über die Entstehungsgeschichte des Internets erwartet, der wird bei DAS NETZ enttäuscht werden.
Nana A.T. Rebhan