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ARTE Journal - 21/06/12

"Das Konzept des grünen Wachstums ist eine Farce"

Interview mit dem Umweltjournalisten Norbert Suchanek




20 Jahre nach der UN-Umweltkonferenz in Brasilien trifft die Weltgemeinschaft wieder in Rio de Janeiro zusammen, um über neue Strategien zum Schutz der Umwelt und zur nachhaltigen Entwicklung zu beraten. Ein Konzept steht dabei im Vordergrund: Die green economy - grünes Wachstum durch alternative Energien. Aber ist der ökologische Nutzen dieser Idee wirklich garantiert? Arte Journal sprach mit dem Umweltjournalisten Norbert Suchanek. Er lebt seit 2006 in Brasilien und hat die Entwicklungen seit der letzten Umweltkonferenz kritisch verfolgt. Für ihn ist die Idee des grünen Wachstums eine Marketing-Farce, die zu Monokulturen und Umweltzerstörung führt.

Philipp Niedring, ARTE Journal: Herr Suchanek, wie beurteilen Sie die Umweltbilanz Brasiliens seit dem letzten Umweltgipfel 1992?

Norbert Suchanek, Umweltjournalist: Die Frage ist leicht zu beantworten: Die Umweltbilanz ist extrem negativ! Fangen wir mit der Abholzung des Amazonas-Regenwaldes an. 1991 hatten wir eine Abholzungsrate von 11.000 km² pro Jahr. 1993, ein Jahr nach der Umweltkonferenz, hatten wir eine Abholzungsrate von 14800 km². Diese Raten sind gestiegen bis zur Regierung Lula da Silva. Unter dessen Regierung war die höchste Rate 28.000 km² pro Jahr. Wir haben nach Rio '92 nicht aufgehört mit der Abholzung des Regenwaldes, sondern eigentlich erst richtig angefangen. Meine Befürchtung von Rio +20 ist, dass wir den selben Weg noch einmal gehen.

Brasilien kann sich beim Thema nachhaltiger Energieversorgung als weltweiter Vorreiter präsentieren: 85 Prozent des Stroms kommen aus Wasserkraft, 40 Prozent der Autos fahren mit Bio-Ethanol. In puncto CO2-Emissionen rangiert Brasilien international auf den vorderen Plätzen.

Norbert Suchanek: Das ist richtig. Aber: Wer sagt, dass Wasserkraft ökologisch sinnvoll oder sozial verträglich ist? In Brasilien ist die Wasserkraft verantwortlich für die größten Umwelt- und Sozialtragödien: Wir haben alle großen Flüsse im Süden bereits mir Wasserkraftwerken zerstört. Wir sind dabei die großen Flüsse im Amazonasgebiet zu zerstören. Wir sind dabei - was kaum diskutiert wird - die großen Flüsse bereits in ihren Wassereinzugsgebieten mit kleineren Staudämmen kaputt zu machen. Das ist in der Region des Cerrado der Fall.
Da kommen wir zum zweiten Punkt: der „nachhaltigen" Bio-Sprit Produktion Brasiliens. Da haben wir die große Tragödie, dass diese Bio-Sprit Produktion auf Kosten der kleinbäuerlichen Bevölkerung und vor allem eines anderen Öko-Systems geht: Dem Cerrado - ein Gebiet in Zentral-Brasilien, ungefähr so groß wie Amazonien. Der Cerrado ist heute nach offiziellen Zahlen zu circa 60 Prozent ausgelöscht. Und die restlichen Flächen, die wir noch haben, sind zum großen Teil degeneriert - wegen dem Anbau von Soja und zunehmend auch von Ethanol. Das heißt, wir reduzieren Umweltschutz auf Klimaschutz - wie es bei der Rio '92 gemacht wurde und jetzt auch bei der Rio +20. Und in Sachen Umweltschutz sind wir mit Bio-Diesel und Wasserkraft auf dem falschen Weg.

Großgrundbesitzer und das big business


Worin sehen Sie die strukturellen Probleme für ein ökologisch und sozial nachhaltiges Wachstum in Brasilien?
Norbert Suchanek: Brasilien will in Allem Export- Weltmeister werden: Exportweltmeister in der Produktion von Sojaschoten, in der Produktion von Bio-Diesel, in der Produktion von Ethanol. Das nennt sich dann Bio-Ökonomie. Das bedeutet, dass ich vor allem die Großgrundbesitzer und das big business fördere. Der lokale Markt geht zu Grunde, weil wir die Kleinbauern durch das big business ersetzen. Und der Kleinbauer sitzt dann in der nächsten Favela. Aber ihm geht es inzwischen ein bisschen besser, denn er bekommt jetzt Geld vom Staat, damit er die Sojabohnen vom Großgrundbesitzer im Supermarkt kaufen kann.
Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang den Einfluss der Agrar- und Energielobby?
Norbert Suchanek: In Amazonien werden immer mehr Staudämme gebaut, weil der Süden von Brasilien offiziell mehr Strom braucht. Das ist Unsinn, denn man kann Strom nicht über eine Distanz von 4000 km transportieren. Da geht das Meiste dabei verloren - ökonomisch und ökologisch ein Wahnsinn. Für eine ökologisch nachhaltige Entwicklung brauchen wir nicht mehr Strom - wir brauchen einfach ein anderes Entwicklungskonzept.

"Green economy heißt Monokulturen"


Welchen Einfluss hat die green economy auf die Preise?
Norbert Suchanek: Wir haben extreme Preissteigerungen im Lebensmittelbereich auf Grund der green economy. Und wir haben eine erhöhte Zunahme von Menschen, die einfach ihr Land aufgegeben und stattdessen in der Stadt von der brasilianischen Sozialhilfe - der bolsa família - leben. Das Wort, grünes Wachstum, ist eine Farce. Zum Beispiel einer der größten Soja-Produzenten, Blairo Maggi. Der hat über 100.000 Hektar Soja-Meer - Monokultur! Ich brauche Pestizide. Ich brauche Phosphate, die man importieren muss.
Millionen von Hektar Monokultur heißt definitiv: Zerstörung von Wasserhaushalt, Zerstörung von biologischer Vielfalt. Die biologische Vielfalt ist unsere Zukunft - und nicht Monokultur! Green economy heißt mehr Monokultur! Natürlich wird das unter dem Deckmantel der ökologischen Verträglichkeit verkauft. Man kreiert jedes Jahr neue Namen. Und jetzt gibt es eben „kohlendioxidarmes Soja" - totaler Schwachsinn! Wir sind dabei neue Namen zu kreieren, um die green economy weiter zu pushen, weil wir eben große Gewinne haben. Es ist big business!

Das klingt nach einem sehr düsteren Zukunftsbild - noch düsterer als die Vergangenheit?

Norbert Suchanek: Für hat mich die Düsternis nach der Rio '92 begonnen. Wir sollten wieder zurück gehen in das Jahr 1972, als der Club of Rome zum ersten mal die Grenzen des Wachstums veröffentlichte. Wir sollten keine „Rio +20" veranstalten, sondern einen „Club of Rome +40".

Philipp Niedring für ARTE Journal

Erstellt: 20-06-12
Letzte Änderung: 21-06-12