Die Lebenserwartung steigt jedes Jahr um mehrere Wochen. In den letzten Jahren haben Forscher neue Erkenntnisse gewonnen, die sie zu der Überzeugung bringen, dass der Mensch 120 Jahre und älter werden kann. Den Weg zum Jungbrunnen könnte ein kleines Lebewesen weisen, das tausendfach in jeder Handvoll Erde steckt: der Wurm C. Elegans. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass – obwohl er nur ein Wurm ist - rund zwei Drittel seines Erbgutes identisch sind mit dem des Menschen. Um das Geheimnis des Alterns zu lüften, manipulierten die Forscher das Erbgut des Wurms. Das Ergebnis: Er wird plötzlich sechs mal so alt wie zuvor - und bleiben zudem gesund und kräftig. Ein bahnbrechende Entdeckung. Aber leider nicht eins zu eins auf den Menschen übertragbar. Noch weiß die Wissenschaft zu wenig über die Gene des Menschen und warum wir Altern. Aber sie haben schon einiges herausgefunden. Die Ursache dafür, warum aus Kindern in 80 Jahren Greise werden, liegt in den Zellen. Im Laufe des Lebens nimmt ihre Zahl ab, die chemischen Prozesse in den Zellen laufen nicht mehr so reibungslos ab. Münchener Wissenschaftler verglichen Form und Aufbau alter und junger DNA - und konnten nachweisen, dass das Erbgut im Laufe des Lebens Schäden bekommt. Durch diese Schäden funktioniert die Zelle nicht mehr richtig und stirbt. Der Körper hat aber auch die Fähigkeit Schäden zu reparieren und dadurch das Altern zu verzögern.
Wenig essen, viel Bewegung - Schlüssel für ein langes Leben?
In den Mitochondrien der Zellen wird Nahrung durch eine chemische Reaktion mit Sauerstoff in Energie umgewandelt, die die Zellen zum Leben brauchen. Dabei werden allerdings auch aggressive Sauerstoffteilchen freigesetzt, sogenannte freie Radikale, die die DNA schädigen können. Diese allmählich zunehmende Zerstörung bewirkt, dass unser Körper altert. Weniger Nahrung bedeutet weniger Sauerstoffradikale und dadurch auch eine geringere Zellschädigung.
Dass eine reduzierte Nahrungsaufnahme das Leben verlängern kann, zeigen auch Beispiele aus der Tierwelt. Elefanten fressen, bezogen auf ihr Gewicht, relativ wenig - und werden 80 Jahre alt. Mäuse dagegen, die relativ viel fressen, nur zwei Jahre. Genetisch manipulierte Mäuse, die extrem dick sind, werden nicht nur schneller krank als ihre dünnen Artgenossen, sondern altern auch schneller. Die Muschel Arctica hingegen wird bis zu 375 Jahre alt. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen kann sie sich besonders tief im Sediment eingraben und dadurch ihre Stoffwechselrate absenken. Die Tiere haben eine niedrige Stoffwechselrate, sie fressen weniger, bilden weniger Sauerstoffradikale – und werden dadurch uralt. Allerdings: Bei ihrer Hungerkur vegetiert die Muschel reglos im Meeresboden. Ein hoher Preis für langes Leben!
Zur Zeit gibt es über 120 Millionen Übergewichtige in den USA. US-Amerikaner essen im Durchschnitt 1000 Kalorien zu viel pro Tag. Amerikanische Wissenschaftler prophezeien für ihr Land, dass die Lebenserwartung erstmals wieder sinken wird. Wieviel Nahrung jeder benötigt, ist individuell unterschiedlich. Aber die Vorgänge in den Zellen sind bei jedem gleich. Wer weniger isst, lebt gesünder - und wahrscheinlich auch länger. Eine Bestätigung haben Wissenschaftler auch auf der Insel Okinawa im Pazifischen Ozean gefunden: Auf der zu Japan gehörenden Insel werden die Menschen ungewöhnlich alt. Die Alten von Okinawa sind zwar alle leicht untergewichtig, aber fit und kräftig. Sie ernähren sich vor allem von frischem Gemüse, Seetang und Fisch. Hinzu kommt, dass selbst hochbetagte Greise auf Okinawa sich jeden Tag bewegen.
Künstliche Vitamine
Ausdauersport ist bei uns beliebt, um sich fit zu halten und um gesund zu bleiben. Das Wissen über die Vorgänge in den Zellen spricht jedoch eher gegen exzessive sportliche Betätigung. Denn wer sich viel bewegt, atmet mehr. Wer mehr atmet - so manche Forscher - dessen Zellen bilden auch mehr freie Sauerstoffradikale und die schädigen das Erbgut. Tatsächlich sind Extremsportler nicht gerade bekannt dafür, sehr lange zu leben.
Wer sich viel bewegt, so lautet daher oft die Empfehlung, sollte auch mehr Vitamine zu sich nehmen, um seine Zellschädigungen in Grenzen zu halten. Das Geschäft mit künstlichen Vitaminen ist riesig; über drei Milliarden Euro werden jährlich mit dem Verkauf von Vitaminen allein in Europa umgesetzt. Die angeblichen "Wunderstoffe" gehen mit den freien Radikalen in unseren Zellen eine chemische Verbindung ein. Diese werden dadurch gebunden und völlig harmlos.
Machen künstliche Vitamine das Leben wirklich länger und gesünder, wie es die Pharmaindustrie verspricht? Am Institut für Ernährung in Potsdam beschäftigen sich Forscher seit Jahrzehnten mit Vitaminen und ihrer Wirkung. Die Angst vor Vitamin-Mangel halten sie für unbegründet. Unsere Nahrung halte genügend Nährstoffe bereit. Auf Okinawa ernähren sich die Menschen vitaminreich. Aber ganz natürlich, ohne Vitamin-Pillen. Zu viel Vitamine können zudem schaden - und keine wissenschaftliche Studie konnte bisher belegen, dass sie das Altern verlangsamen können.
Resveratol und Co-Enzym Q- Pillen gegen das Altern ?
Eine weitere Hoffnung im Kampf gegen das Altern wird in den Stoff Resveratrol gesetzt: Resveratrol kommt vor allem in der Schale von roten Trauben vor - und im Rotwein hält es sich sehr gut. Täglich müsse man nur vier bis sechs Gläser Wein trinken. Da aber eine tägliche Flasche Rotwein die Leber schädigen würde, haben amerikanische Forscher Resveratrol aus dem Rotwein heraus gefiltert. Nun wird der Stoff in Pillenform vertrieben.
Resveratrol soll direkt in den Zellen wirken, dort die Zahl freier Radikale verringern. Vor allem aber kann der Stoff angeblich bestimmte Gene anschalten, die dann vermehrt Reparaturenzyme produzieren und dadurch Schäden an der DNA reparieren. Wenn dies tatsächlich klappt, würde der Alterungsprozess in den Zellen gestoppt. Aber Beweise für diese Vorgänge gibt es noch nicht. Für den Münchener Chemieprofessor Thomas Carell ist auch Resveratrol nicht die gesuchte Wunderpille. An das Versprechen eines langen Lebens glaubt er nicht.
Die Reparaturfähigkeit der Zellen spielt offensichtlich eine wichtige Rolle beim Altern. Weltweit richten zur Zeit fast alle Altersforscher ihr Augenmerk auf diese Fähigkeit. In den Tiefen der Meere sind Altersforscher auf Korallen gestoßen, die die Reparatur ihrer Gene perfektioniert haben. In tropischen Meeren wachsen sie oft dicht unter der Wasseroberfläche und sind dort extremer Sonnenstrahlung ausgesetzt. Eigentlich müsste ihre DNA dadurch fortwährend massiv zerstört werden. Dies ist aber nicht der Fall. Die Wissenschaftler entdeckten bald, dass auf den Korallen Bakterien nisten, die ebenfalls der aggressiven Sonnenstrahlung widerstehen. Sie produzieren einen Stoff namens Co-Enzym Q. Ein Stoff, der ihnen vermutlich hilft die Strahlungsschäden zu reparieren. Je mehr Strahlung auftritt, desto mehr Co-Enzym Q produzieren die Bakterien. Coenzym Q war schnell überall in Supermärkten zu kaufen - ob es aber in menschlichen Zellen tatsächlich wirkt, ist fraglich. Spannend wäre es wenn wir, so wie die Bakterien, Reparaturenzyme selbst vermehrt produzieren könnten. Bisher haben Wissenschaftler zum Beispiel erkannt, daß regelmäßiger, aber mäßiger Sport diese Fähigkeit verbessert. Offenbar treibt der leicht vermehrte oxidative Stress unsere Zellen an, Reparaturenzyme herzustellen.
Psychostress
Auch Psychostress trägt zur vorzeitigen Alterung bei. Stress aktiviert in den Zellen bestimmte Proteine. Diese Proteine aktivieren bestimmte Gene und diese wiederum starten die Immunabwehr der Zelle. Die Zelle schickt Gifte aus, um den vermeintlichen Angreifer zu töten. Doch diese Gifte schädigen auch die Zelle selbst - und lassen sie schneller altern. Je stärker und anhaltender der Stress, desto stärker altern unsere Zellen. Ein Leben ohne Psychostress kann lange währen. Das zumindest zeigen die Alten von Okinawa. Sie führen ein ruhiges, beschauliches Leben. Weitab von der Hektik der Großstädte. Eingebunden in eine dörfliche Gemeinschaft. Gegen das Altern gibt es kein Rezept. Stress etwa kann man nicht immer verhindern. Aber wir können versuchen ihn auszugleichen und so Zellschädigungen verringern. Sport kann dabei helfen und steigert zugleich die Reparaturfähigkeit der Zellen.
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Mit Material aus der Sendereihe
Dem Jungbrunnen auf der Spur
28.11. bis 30.11., 19.00 Uhr
Dokumentationsreihe, Deutschland 2005, BR, Erstausstrahlung






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