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Filmfestival

Vom 7. bis 17. Februar findet die diesjährige Berlinale statt, Stars und Sternchen aus dem Filmgeschäft geben sich die Ehre am Potsdamer Platz.

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Vom 7. bis 17. Februar findet die diesjährige Berlinale statt, Stars und Sternchen aus dem Filmgeschäft geben sich die Ehre am Potsdamer Platz.

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11/10/13

Das Fleisch der Wassermelone

Ein Film von Tsai Ming-Liang - Mittwoch, 13. Februar 2008 um 22.55 Uhr




Ein weiteres Meisterwerk des taiwanesischen Regisseurs Tsai Ming-Liang, zwischen Pornographie, Lustlosigkeit und … Wolkenbrüchen

Tsai Ming-Liangs Bilder sind sicher das Mutigste und Witzigste, was der diesjährige Wettbewerb zu bieten hatte (Berlinale 2005)




Tian Bian Yi Duo Yun
(The Wayward Cloud)
Regie: Tsai Ming-Liang
(Taiwan 2005, 1 Stunde 55 Minuten)
Darsteller Lee Kang-Sheng, Chen Shiang-Chyi, Lu Yi-Ching…
Auf der Berlinale wurde der Film 2005 mit drei Preisen ausgezeichnet





Interview mit Tsai Ming Liang

Interview geführt von Julien Welter


Synopsis : Shiang-Chyi und Hsiao-Kang sind sich bereits zufällig in einem früheren Film von Tsai Ming-Liang („What time Is It there?“ in 2001) begegnet. Als die junge Frau aus Taipeh fortzieht, verlieren sie sich aus den Augen. Bei ihrer Rückkehr ist Hsiao-Kang verschwunden. Kurze Zeit später führt sie der Zufall erneut zusammen. Doch nichts ist so, wie früher! Die Zeiten haben sich geändert, Hsiao-Kang verkauft keine Uhren mehr. Er dreht Pornofilme. In Taipeh hat es ewig nicht geregnet. Die Wasserknappheit verändert das Verhalten der Menschen und wird zur Obsession. Gibt es in dem brutalen Chaos noch Raum für die Liebe?

Kritik: Tsai Ming-Liang beschäftigt sich in seinen Filmen immer mit dem einen Thema. Auch sein Stil bleibt mit seiner Vorliebe für Plan-Sequenzen und auffallend spärlichen Dialogen konstant. Sein jüngster Film “The Wayward Cloud“ (frei übersetzt „Die Wolke am Horizont“) wirkt daher fast wie eine, um die beiden stets wiederkehrenden Themen konstruierte Retrospektive: das feuchte Element und die Verwirrung der Gefühle. Beide dienen hier dazu, Figuren und Objekte in Szene zu setzen, die man aus früheren Werken Tsai Ming-Liangs kennt: die Wassermelone (aus „Vive l’amour – Es lebe die Liebe“), dem Schweigen der Protagonisten Sprache verleihende musikalische Zwischenspiele (aus „The Hole“) oder das Kino als Spiegel der Wirklichkeit. In „The Wayward Cloud“ wirkt der Pornofilm wie eine Parallelgeschichte, in Tsai Ming-Liangs vorherigem Werk „Goodbye, Dragon Inn“, ist die Handlung in ein Lichtspieltheater verlegt, in dem ein chinesischer Martial-Art-Kassiker aufgeführt wird
Trotz der Verweise auf Themen, Personen und Objekte aus seinen früheren Filmen, ist Tsai Ming-Liangs Arbeit kein Sich-im-Kreis-drehen oder Wiederholen. Mit jedem Film offenbaren sich die wiederkehrenden Charaktere mehr, liefert der Regisseur einen weiteren Beweis seines plastischen Erfindungsreichtums. Man fragt sich, wie dieses vertraute, wegen der Schweigsamkeit der Protagonisten noch stärker empfundene Hin-und-Her zwischen Statismus, Groteske und Drama noch erstaunen kann. Das gelingt Tsai Ming-Liang, indem erstmals sein Verlangen, Sexualität zu zeigen, erstmals gleichberechtigt neben dem Wunsch erscheint, das stets wiederkehrende feuchte Element (in seiner doppeldeutigen Symbolik als lebensspendendes, durststillendes Element einerseits und überall einsickerndes, den Zerfall von Gebäuden und Menschen verursachendes, zerstörendes Nass andererseits) darzustellen. Über die Darstellung von Verlangen und Verfall hinaus kommt Tsai Ming-Liang Werk einer ewigen, konstanten Re-Disposition von Sinn und dramatischer Dichte gleich. Hut ab vor Tsai Ming-Liang. .

Julien Welter



Synopsis : Inmitten einer sommerlichen Hitzewelle, die Taiwans Hauptstadt Taipeh heimgesucht hat, begegnen sich der ehemaligen Uhrenverkäufer Hsiao Kang (Lee Kang-Sheng) und Shiang Chyi (Chen Shiang Chyi) aus Tsai Ming-Liangs letztem Film „What Time is it There ?“ wieder. Sie weiß nicht, dass er zwei Stockwerke über ihr in seiner Wohnung inzwischen seinen Lebensunterhalt als Pornodarsteller verdient.

Kritik: Launisch und unberechenbar sind die Wolken am hochsommerlichen Himmel über Taipeh. Sie zeigen sich einfach nicht mehr, obwohl die Menschen ein bisschen Abkühlung dringend vertragen könnten in der stickigen Hitze der Millionenstadt. Nur auf die Zimmerdecke des ehemaligen Uhrenverkäufers Hsiao-Kang sind sie auf den blauen Hintergrund gemalt. Unter diesem kitschigen Schäfchenwolkenhimmel hat sich Hsiao Kang, der früher einmal seine Uhren vor einem inzwischen abgerissenen Flügel des Bahnhofs feilbot, aufs Vögeln spezialisiert. Um des Profites willen. Gelangweilt filmt ihn sein dreiköpfiges Porno-Team mit seiner japanischen Pornodarstellerin in allen erdenklichen Positionen und vorzugsweise mit Melone. Diese hat die Darstellerin zwischen ihre Scham geklemmt und wird nun von dem Sexakrobaten Hsiao Kang geleckt, befingert und schließlich von seiner Berufskollegin verspeist.
Melonen gibt es reichlich in diesem Film, beinahe mehr als die auch nicht eben knappen Wasserflaschen, die sich die Menschen als Notvorrat gegen die unerträgliche Hitze angelegt haben. Manchmal zieren sie als Motiv die Sonnenschirme in den den Film leitmotivisch durchziehenden Musicalpassagen, im Fernsehen finden Melonenesswettbewerbe und Kernweitspuckwettbewerbe statt oder sie schwimmen gar in einem zur Kloake geronnenen Kanal, weil die Menschen ihrer überdrüssig geworden zu sein scheinen. Nur Shiang Chyi macht die Melone zum Fetisch und kredenzt den Saft schließlich ihrem Geliebten, den er aber heimlich aus dem Fenster gießen wird.
Die Liebenden aus „What Time is it There?“ begegnen sich also wieder. Shiang Chyi ist aus Frankreich zurückgekehrt und trifft ihren Hsiao-Kang auf einer Parkbank, wo er sich von seinem Schweiß treibenden Pornodreh erholt. Die beiden greifen ihre zarte Romanze wieder auf, ebenso wie auch die Motive von Tsaio Ming-Liangs Film wiederauftauchen – das Wasser, die nackten Körper, die selben Darsteller, die Naturkatastrophe. Im Grunde genommen fügen sich alle Tsai Ming-Liang-Filme ein in einen einzigen großen Film, nur dass mit unterschiedlichen Variablen gearbeitet wird. Gesprochen wird wenig, kryptisch stehen die langen, stehenden, meist weitwinklig gefilmten Einstellungen nebeneinander, eine Überraschung folgt der nächsten, ein Suchteffekt stellt sich ein. Dazwischen immer wieder die von Tsai Ming-Liang geliebten Musicaleinlagen aus den 50er und 60er Jahren, die von einer anderen, romantischeren Zeit künden, als die Liebe noch mit großen Worten besungen wurde. Diese Kombination aus schnödem Hyperrealismus – so geht die japanischen Pornodarstellerin an einem Schraubverschluss einer Plastikflasche zugrunde, mit der sie sich vor der Kamera befriedigen musste – und stilisiertem Kitsch, erzeugt eine seltsame Spannung zwischen Komik und Tragik, zwischen Groteske und Melodram, Lakonie und Tristesse. Tsai Ming-Liangs Bilder sind sicher das Mutigste und Witzigste, was der diesjährige Wettbewerb zu bieten hatte und dies ohne jedes pornographisch-sensationalistische Kalkül.

Martin Rosefeldt

Erstellt: 04-02-08
Letzte Änderung: 11-10-13