Wenn unsere Kinder uns in zehn Jahren fragen, was wir gegen den Klimawandel getan haben, können wir eines sicher nicht sagen: Wir hätten davon nichts gewusst.Die Entscheidung zum „strategischen Konsum“ war zunächst ein elitäres Phänomen, eine Gegenreaktion auf Kampagnen wie „Geiz ist geil“. Viele waren sich nicht sicher, ob Geiz wirklich so geil ist. Kann ein Toaster „Made in China“ nur 9,90 Euro kosten, obwohl er um die halbe Welt geschippert wurde? Tief im kollektiven Unterbewusstsein war klar, dass diese billigen Geräte auf Kosten anderer produziert wurden – und auf Kosten der Umwelt. Bestätigung brachten Berichte über die Regenwaldrodung in Brasilien, Kinderarbeit in Indien, Hungerlöhne in China.

Dokumentation • SA • 5.12. • 17.55
MIT OFFENEN KARTEN:
KLIMAKONFERENZEN: VON KYOTO NACH KOPENHAGEN
Magazin • SA • 5.12. • 11.45 (Teil 1) und 20.00 (Teil 2)
X:ENIUS: PASSIVHAUS – ENERGIESPAREN UM JEDEN PREIS?
Magazin • FR • 17.12. • 8.10

Das sind gute Nachrichten. Strategischer Konsum ist Konsum, der etwas bewirken will und das auch tut. Der Konsument wird sich seiner Wirkungsmacht immer bewusster. Er will mitreden und gestalten und das ist für Unternehmen eine Chance für Innovationen und neue Geschäftsfelder. Wir bekommen die Welt,
die wir uns kaufen oder nicht kaufen. Reicht strategischer Konsum, um die Probleme der Welt zu lösen und eine Klimakatastrophe zu verhindern? Sicher nicht, aber er ist ein wichtiger Beitrag. CLAUDIA LANGER
NEIN
Je deutlicher sich abzeichnet, wie schwierig eine Einigung der Politiker auf der Kopenhagener Klimakonferenz diesen Monat sein wird, desto naheliegender die Idee, dass das entscheidende Veränderungspotenzial beim Individuum liegt. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die prominente Rolle, die dem „kritischen Verbraucher“ in der Klimadebatte zugeschrieben wird, ist völlig unangemessen. Den ernsthaften Versuch eines nachhaltigen Lebensstils unternimmt bisher lediglich eine kleine Minderheit, die über eine Kombination aus höheren Bildungsabschlüssen und überdurchschnittlichen Einkommen verfügt. Der finanzielle wie zeitliche Zusatzaufwand dieser Öko-Avantgarde zahlt sich durch eine emotionale Rendite aus: Sie entsteht schon durch das Gefühl, einen positiven Beitrag für die Zukunft der eigenen Kinder geleistet zu haben. Gewinnbringend ist aber auch der beständige Vergleich mit anderen, scheinbar weniger umweltbewussten Menschen – sei es in der eigenen Nachbarschaft oder in Nordamerika. Ein sichtbares Zeichen zu geben, gelingt mit dem Kauf eines Hybrid-Autos einfach besser als mit der Einschränkung des Fleischkonsums.
Doch die Bilanz der letzten 30 Jahre fällt relativ bescheiden aus. Versuche einer ökologischen Lebensführung haben zwar mit dazu beigetragen, das Konzept der Nachhaltigkeit populär zu machen. Davon aber, dass kritische Konsumenten die Unternehmen zu einer signifikant ökologischeren Produktpolitik gezwungen hätten, kann nicht die Rede sein. Der Pro-Kopf-Ausstoß an Treibhausgasen hat sich kaum verändert. Eine Individualisierung umweltpolitischer Verantwortung weist dementsprechend in die falsche Richtung. Weitaus zielführender ist es, durch politische Rahmensetzungen Anreize für Forscher und Unternehmen zu schaffen, eine Vielzahl von energieeffizienten und klimafreundlichen Lösungen zu entwickeln – und diesen im großen Maßstab zum Durchbruch zu verhelfen. Ein Beispiel: Seit die EU beschlossen hat, den Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtverbrauch bis 2020 auf 20 Prozent zu steigern, investieren auch die großen Energieversorger massiv in diesen Sektor. Nicht weil sie plötzlich „grün“ geworden wären, sondern weil dieses Geschäftsfeld aufgrund politischer Grundsatzentscheidungen ökonomisch lukrativ zu werden verspricht.
Dem Weltklima ist unser Bewusstsein egal, entscheidend sind nur unsere Emissionsbilanzen. Klimafreundlicher Konsum schadet sicher nicht, aber er raubt Zeit und Aufmerksamkeit für die wirklich wichtigen Arenen. Die Zukunft des Weltklimas entscheidet sich nicht an der Supermarktkasse, sondern in den Parlamenten und an den Verhandlungstischen der internationalen Klimadiplomatie. Wenn der Einzelne auf Belange des Gemeinwesens Einfluss nehmen will, sollte er sich nicht in erster Linie als Verbraucher verstehen, sondern sich vor allem als Bürger engagieren. OLIVER GEDEN
ARTE PLUS
ARTE-GASTAUTORIN CLAUDIA LANGER ist Gründerin der Internet-Plattform utopia.de, die sich für einen öko-korrekten Konsum Einsetzt. Vorher war sie erfolgreiche Werberin u.a. für Levi's, MTV und die Deutsche Bank.
ARTE-GASTAUTOR OLIVER GEDEN ist Kulturanthropologe und Politikwissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Die Energie- und Klimapolitik der Europäischen Union" (2008)
UN-KLIMAGIPFEL KOPENHAGEN (7.-18.12.2009)
Teilnehmer: Vertreter aller 192 Länder, die die UN-Klimarahmenkonvention unterschrieben haben. Die EU spricht mit einer Stimme. Worum es geht: Abschluss eines neuen globalen Klimaabkommens für ein gemeinsames Handeln gegen den Klimawandel. Es soll 2013 in Kraft treten und das Kyoto-Protokoll mit seinen vergleichsweise geringen Verpflichtungen ersetzen. Das Kyoto-Protokoll ist bisher das einzige völkerrechtlich verbindliche Instrument der Klimaschutzpolitik. Ziel des Abkommens: Weltweite Verminderung der Treibhausgase, um eine Erderwärmung von mehr als 2°C zu verhindern.







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