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NATUR - 19/05/09

DER SEXMUFFEL

Eine Pinta-Riesenschildkröte namens Lonesome George ist das Symbol des Artenschutzes auf Galapagos. Forscher suchen seit Jahren nach einer Partnerin für ihn – doch George hat keine Eile.

Lonesome George ist etwa einen Meter lang, 90 Kilo schwer und um die 80 Jahre alt. Wohnhaft ist die Pinta-Riesenschildkröte in der nach Charles Darwin benannten Forschungsstation auf dem Galapagos-Archipel. Hätte der Begründer der modernen Evolutionstheorie 1835 während seines Besuchs der Inselgruppe auch auf der Insel Pinta Halt gemacht, so wäre er womöglich noch Georges Eltern begegnet.

George ist aber noch viel mehr als eine Pinta-Riesenschildkröte. Er ist der Letzte seiner Art. Das macht ihn zum berühmtesten Einwohner von Galapagos, zur Touristenattraktion und zum Symbol für den Artenschutz. „Dieses Geschöpf berührt alle, die es sehen oder von ihm hören. Die Misere des Tieres verkörpert die praktischen, philosophischen und ethischen Herausforderungen, die mit der Erhaltung unseres Planeten verbunden sind“, schreibt Henry Nicholls in seinem Buch über Lonesome George. Für ein Reptil ist das eine ziemlich gute Leistung, schließlich haben normalerweise kuschelige Tiere mit großen Augen die besseren Chancen, zu bedauerten Ikonen zu werden. So wie Knut, der Eisbär, den Umweltminister Sigmar Gabriel zum Symbol für den Klimaschutz machte, oder der Große Panda, den die Naturschutzorganisation WWF für ihr Logo wählte.

100.000 Menschen besuchen inzwischen jedes Jahr den Archipel. Mit dem Tourismus wuchs die Zahl der Einwohner; Anfang des 20. Jahrhunderts lebten gerade einmal 600 Menschen auf den Inseln, 2005 waren es bereits 27.000 – eine Bedrohung für das Ökosystem. George hatte lange allein auf seiner Insel gehaust, bevor er 1971 entdeckt wurde. Es war eine Sensation. Pinta-Schildkröten galten als ausgerottet, die meisten von ihnen hatten Seeräubern und Walfängern als Proviant gedient.

ARTE SCHWERPUNKT
DARWIN

Ein Gespenst in unseren Genen
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Schöpfung versus Evolution
Dokumentation • SA • 6.6. • 10.55
Darwins Reise ins Paradies der Evolution
Dokumentarfilm • SA • 6.6. • 21.00
Naturwunder Galapagos
Dokumentationsreihe • ab MO • 8.6. • 20.15

20 Jahre lang suchte man eine adäquate Partnerin für den inzwischen Lonesome George getauften Junggesellen, dann wagten die Forscher ein Experiment: Sie setzten zwei Schildkröten-Weibchen von der Insel Isabela in sein Gehege. Ähnlich wie die Darwin-Finken – eines der berühmtesten Beispiele für die Mechanismen der Evolution – haben sich die Riesenschildkröten auf den verschiedenen Inseln von Galapagos unterschiedlich entwickelt. Da sich die Tiere noch miteinander fortpflanzen können, sprechen Biologen nicht von verschiedenen Arten, sondern von Unterarten. Theoretisch also hätte George mit den Isabela-Damen durchaus Nachwuchs zeugen können. Praktisch interessierte er sich aber nicht im Geringsten für sie. Vielleicht wisse er nicht, wie er auf sie zugehen solle, meinten manche, schließlich habe er ziemlich lange allein gelebt. Vielleicht fehle auch die Konkurrenz anderer Männchen. Man versuchte, ihm auf die Sprünge helfen. Die Schweizer Biologin Sveva Grigioni bemühte sich vier Monate lang um den Sexmuffel, bearbeitete ihn von Hand, lockte ihn mit Pheromonen. „Mit jedem Tag interessierte er sich mehr für die Weibchen“, erinnert sie sich. „Er machte Anstalten, mit ihnen zu kopulieren, aber es sah so aus, als ob er nicht recht wüsste, wie es geht.“ Dann musste die Biologin zurück nach Europa – und George versank wieder in Lethargie.

Bedrohliche Ereignisse lenkten die Forscher von ihren Bemühungen ab: Als sich Mitte der 1990er Jahre der Konflikt zwischen Artenschützern und Fischern zuspitzte, geriet George zwischen die Fronten. Die Einheimischen hatten eine neue Geldquelle entdeckt: Seegurken. Diese Meerestiere gelten in Asien als Delikatesse und Aphrodisiakum, und die Fischer sahen, dass sie an einem einzigen Tag mehrere hundert Dollar verdienen konnten. Das Geschäft explodierte – eine neue Bedrohung für eine weitere gefährdete Art. Die Regierung Ecuadors verbot daraufhin die Raubfischerei, was dazu führte, dass die Fischer die Forschungsstation besetzten und drohten, George zu töten: Er war zum Symbol des Artenschutzes geworden. Marinesoldaten konnten die Wissenschaftler, ihre Familien und George befreien und inzwischen bemüht man sich um einen Interessenausgleich.

Neue Aufregung gab es 2007: Man fand Pinta-Gene im Erbgut eines Männchens der Insel Isabela und wollte nun den ewigen Junggesellen aufgeben und anderweitig für Pinta-Nachkommen sorgen. Georges Reaktion: 2008 paarte er sich mit einem Isabela-Weibchen. Die Fachwelt geriet in Aufruhr. Aber Georges erster Sex nach Jahrzehnten endete enttäuschend: Die Eier waren unbefruchtet. Einige Jahrzehnte dürfte er noch Zeit haben, um Vater zu werden. Partnerinnen von der Insel Española wären vielleicht die bessere Wahl, nach neuen Analysen sind sie die engsten Verwandten der Pinta-Riesenschildkröten. Aber selbst wenn es George nie gelingen sollte, Nachkommen zu zeugen, so hinterlässt er doch etwas genauso Wichtiges: Geschichten, die den Artenschutz populär machen. STEFANIE SCHRAMM



STEFANIE SCHRAMM


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Fakten zu Galapago:
Der Archipel besteht aus 19 größeren und über 200 kleinen oder kleinsten Inseln; sie gehören zu Ecuador und liegen ca. 1.000 km westlich davon im Pazifik. Der Name leitet sich vom spanischen Wort galápago (Wulstsattel) ab und bezieht sich auf die Panzer der dort beheimateten Schildkröten. 40 Prozent der Arten, die auf Galapagos heimisch sind, kommen nur dort vor. Seit 2007 sind die Inseln als gefährdetes Weltnaturerbe eingestuft.


Erstellt: 09-12-08
Letzte Änderung: 19-05-09