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ULRICH TUKUR - 17/12/09

DER QUERDENKER

Manche Schauspieler werben für Rasierschaum, machen Ayurvedakuren, gehen um elf ins Bett. Ulrich Tukur raucht, trinkt, singt und liebt die Nacht. Porträt eines Rastlosen, der laut sagt, was er denkt.

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„Der Kapitalismus frisst uns alle an. Ein Alptraum. Und das liegt nur an einem: an der Raffgier von Menschen.“ In einem Hamburger Hotel lässt sich Ulrich Tukur temperamentvoll über den ARTE-Zweiteiler „Gier“ aus, in dem er die Rolle des Hochstaplers und Finanzbetrügers Dieter Glanz spielt: ein charismatischer und dreister Lügner, der seine Kunden mit Reichtum und Freundschaft lockt. „Glanz ist ein Rattenfänger. Es ist hochinteressant, sich über diese Figur auszulassen, warum tut er das und warum kann er nicht mehr aufhören? Er ist ein leerer Mensch, der nur durch die Befüllung anderer Menschen existiert.“ Ein brandaktuelles Thema. Aber etwas Positives berge die Wirtschaftskrise ja vielleicht auch, nach all den Jahrzehnten der deutschen Trägheit, so Tukurs Hoffnung: „Dass die Leute, die nichts zu verlieren haben, wie auf einem Vulkan tanzen und endlich wieder die Funken schlagen lassen!“ So wie in den 1920er Jahren: „In jedem Bereich – der Bildenden Kunst, Architektur, Musik – glühte, brannte es! Weil alle genau wussten, dass es bald vorbei sein würde.“
Tukur gestikuliert, spricht mal laut und dann fast flüsternd. Plötzlich holt er sein Akkordeon heraus und trägt eine italienische Nachtgeschichte aus seiner neuen Revue vor. Seine Sehnsucht nach einer anderen, wilderen Zeit kommt im Gespräch immer wieder durch.

St. Pauli, Paris, Shanghai.
Auf seine neue Rolle als Wiesbadener Tatortkommissar angesprochen, reagiert Tukur händeringend: „In einer durchzechten Nacht vor zwei Jahren haben die mich weich-getrunken. Eigentlich wollte ich so was nicht spielen, aber die waren so sympathisch, so risikofreudig.“ Ulrich Tukur ist ein rastloser Kerl. Neben den Dreharbeiten nimmt er eine CD auf, probt mit seiner Band „Rhythmus Boys“ in St. Pauli, macht kurz Pause in seiner Wahlheimat Italien, dreht Filme in Hollywood, Shanghai, Paris und steht immer wieder auf der Bühne. Dazwischen gibt er Interviews, ganz ohne den gewöhnlichen PR-Filter: „Filmleute sind manchmal unglaublich, eine Gruppe von Hornochsen. Ich muss oft darüber lachen, die halten sich allen Ernstes für das Zentrum der Welt. Dabei kann man im Film völlig talentlos über die Runden kommen. Man wird schön ausgeleuchtet, geschnitten und synchronisiert. Trotzdem halten sich manche für Stars. Im Theater würden die nicht zwei Minuten überleben. Auf der Bühne zahlst du bar.“

Laut und leise, abscheulich und angenehm. Nach einigen Rollen in Theater und Film hatte Tukur seinen Durchbruch mit 26 Jahren in Peter Zadeks „Ghetto“-Inszenierung. Über drei Stunden mimte er den abscheulichen SS-Sturmbannführer Kittel: „Da platzte in mir ein Knoten. Ohne diese Erfahrung hätte ich mich später nie an Hamlet oder Marc Anton getraut. In solchen Rollen sieht man ja ins Schwarze der Menschen.“ So eindringlich und laut sich Tukur auf der Theaterbühne austobt, so nuanciert spielt er seine Gefühlszustände auf der Leinwand. Als Chemiker Kurt Gerstein in Costa-Gavras „Der Stellvertreter“ sieht Tukur als einer der ersten Menschen durch ein Guckloch in eine Gaskammer. Als er sich den anderen Offizieren zuwendet, spiegeln sich auf seinem Gesicht abwechselnd Unglaube, Zweifel, Wut, Kontrolle, blanker Horror. Jede einzelne Emotion auf seinem blassen Gesicht ist klar erkennbar.
Tukur faszinieren ambivalente Charaktere der deutschen Geschichte. Hinzu kommt, dass man ihm diese Rollen oft anbietet, da er „schrecklich deutsch aussieht“, so Peter Zadek. Er brillierte als Andreas Baader ebenso wie als Dietrich Bonhoeffer, war deutscher Kunstkritiker in „Séraphine“ oder der sadistische Stasioffizier Anton Grubitz in „Das Leben der Anderen“. Für die Rolle des Hamburger Kaufmanns „John Rabe“ erhielt er 2009 den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller. „Einige Kritiker sahen den Film als faschistisches Werk. Man darf unsere Geschichte nur noch auf eine bestimmte Weise evaluieren oder man bekommt aufs Dach!“ brodelt Tukur. „Der Film ist ungemütlich, ja, er unterläuft die liebgewonnene Perspektive, die wir im Laufe der Zeit eingenommen haben. Wie unbequem: ein Mann, der sich Nazi nennt und genau das Gegenteil ist.“

Mit Galgenhumor durchs Leben. Man merkt Tukur an, dass er das Leben zu kurz findet, um artig den Mund zu halten. Der Zeit will er etwas Größeres entgegensetzen als Angst und Angepasstheit. Zum Beispiel Humor. Statt einer Dankesrede zum Deutschen Filmpreis rezitierte Tukur stoisch das Rezept für ein chinesisches Kuttelgericht, das er während des Drehs in China gegessen hatte. Humor war es auch, was ihn an John Rabe interessierte: „Er war kein Held, sondern ein ganz normaler Mann, ein alter Hanseat. Besonders mochte ich seinen Galgenhumor. Das Leben ist absurd, die einzige Freiheit ist, dass man als Mensch lacht.“
2010 hat Tukur wieder viel vor: mehrere Filme, ein Engagement am Theater, eine Tournee mit seiner neuen Revue „Mezzanotte“. Musik, Film, Theater – Hauptsache Publikum. Tukur in einer Rasierschaumwerbung? Niemals. Tukur ist Schauspieler.

JANA BUCHHOLZ

ARTE PLUS


TAUSENDSASSA ULRICH TUKUR:

Mit seiner Band „Rhythmus Boys“ ist Ulrich Tukur vom 1. bis 5. Januar in der Laeiszhalle in Hamburg zu sehen. Ihre letzte CD „Musik hat mich verliebt gemacht“ erschien 2006. Erst kürzlich gründete Tukur mit Sommeliers, Wirten und Winzern den „St. Pauli Weinclub“. Sechs Themenabende soll es rund um das „Gottesgeschenk“ jährlich geben – als Plattform für Weinliebhaber. Tukur lesen oder hören: „Die Seerose im Speisesaal: Venezianische Geschichten“, List Tb. 2008; „Das Hohe Lied der Liebe“ (Buch und CD), Ulrich Tukur (Hrsg., Sprecher)

Erstellt: 09-12-08
Letzte Änderung: 17-12-09