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> JUNI 2009 > PREKÄR UND FREI

GESELLSCHAFT - 19/05/09

DER FEINE UNTERSCHIED

Noch Boheme, bereits prekär oder schon Unterschicht? In den Milieus der Kreativen in den Großstädten sind diese Grenzen durchlässig geworden. ARTE Magazin-Gastautorin Christiane Rösinger lebt, wovon sie schreibt.

Ich finde es doch seltsam, dass in Fernsehen und Radio immer noch „ein schöner Feierabend“ gewünscht wird und dass die Nachrichtensprecher jeden Sonntagabend den kollektiven Beginn der Arbeitswoche ankündigen, obwohl in meinem Umfeld kaum noch jemand regelmäßig arbeitet. Aber je weniger gearbeitet wird, desto mehr muss Arbeit scheinbar simuliert werden, muss so getan werden, als sei die 40-Stunden-Woche der Normalfall. Dabei gibt es, neben den Menschen ohne Arbeit, doch immer mehr Unterbeschäftige, Nicht-Arbeitsuchende, Leute, die in irgendeiner Art künstlerisch tätig sind und viel Zeit haben. Das sind wir.

Wir gehören nicht zu den Arbeitslosen, denn wir sind ja nicht arbeitslos im eigentlichen Sinne. Wir haben oft ein Studium vorzuweisen, aber keine Erwerbsbiografie. Wir waren fast nie irgendwo angemeldet, haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, Umschulungen, Weiterbildungsmaßnahmen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder Kombilohn. Wir kommen in keiner Statistik vor und unsere Tätigkeiten liegen außerhalb des Bereichs der staatlich subventionierten Kunst. Auf wundersame Weise schlagen wir uns seit vielen Jahren als Freelance-Proletarier irgendwie durchs Leben und gehören nun einer leicht verarmten Großstadtboheme an, ich nenne sie Lo-Fi-Boheme*. Die Old und New Economy, die Erlebnis- und Dienstleistungsgesellschaft gingen irgendwie an uns vorüber. Ich-AG, Mini- und Ein-Euro-Jobs sind für uns ein alter Hut.

ARTE DOKUMENTARFILM
PREKÄR, FREI UND SPASS DABEI
DO • 25.6. • 22.20
Die beständige Unsicherheit unserer Lebensverhältnisse war lange Zeit kein Thema: Niemand sprach gerne über seine zeitweilig desolate Lage, was bisweilen zu dem Gefühl führte, die Einzige zu sein, die es nicht hinkriegt. Erst durch den Modebegriff der „Prekarisierung“ wurde öffentlich diskutiert, wie viele sich so durchwursteln. Dabei taugt der Begriff eigentlich gar nicht für die Beschreibung unterschiedlicher Lebensentwürfe. Ursprünglich meinte das Wort „Prekarisierung“ die Zunahme der Zahl von Arbeitsplätzen mit geringer Arbeitsplatzsicherung, niedrigem Lohn, befristeten Verträgen und mangelndem Kündigungsschutz. Ausgehend vom französischen „précaire“ – unsicher, heikel, schwierig – entstand der Begriff des „Prekariats“ in der soziologischen Diskussion. Bereits 1998 hatte der französische Soziologe Pierre Bourdieu einen Vortrag mit dem Titel „Prekarität ist überall“ gehalten. Darin beschrieb er „Prekarität als Teil einer neuartigen Herrschaftsform, die auf der Errichtung ?einer zum allgemeinen Dauerzustand gewordenen Unsicherheit fußt und das Ziel hat, die Arbeitnehmer zur Unterwerfung, zur Hinnahme ihrer Ausbeutung zu zwingen”.

Heute leben nicht nur Arbeiter prekär, sondern auch immer mehr Menschen in sogenannten „Kreativberufen“, also Grafiker, Fotografen, Webdesigner und Journalisten. In diesen Bereichen wurde die Festanstellung nach und nach durch „freie“ – sprich „prekäre“ – Beschäftigungsverhältnisse ersetzt. Künstlerische Arbeit und Projekte leben vom Prinzip der Selbstausbeutung. Den prekarisierten Künstler wiederum kennt man ja spätestens aus Henri Murgers Roman „Das Leben der Boheme“, der Giacomo Puccini als literarische Vorlage seiner Oper „La Bohème“ diente. Nun hustet sich die heutige Boheme nicht mehr tuberkulös durch zugige Pariser Dachwohnungen, muss aber immer noch höchste Flexibilität bei minimaler Absicherung leisten, um zu überleben.
Die Lo-Fi-Boheme gab es schon vor dem Prekariat und es wird sie auch hinterher wieder geben, denn natürlich ist das Leben in unseren Kreisen trotz latenter Verarmung viel angenehmer als das einer prekären Beschäftigung bei einer Billig-Drogeriekette. Wir sind nicht Bohemiens geworden, weil wir den Anschluss verloren haben, oder wegen der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Wir wollten immer schon so leben: Wir wollten nicht arbeiten gehen. Es ist eine Ironie des Schickals, dass wir jetzt viel mehr arbeiten müssen als die „normalen“ Beschäftigten. Unser Alltag kann sehr anstrengend sein, wir können es uns nicht leisten, den allerkleinsten, unrentabelsten Auftrag auszuschlagen, wir dürfen nie krank werden, wir kennen keine Urlaubsreisen und wir hoffen, dass es in 30 Jahren noch die staatliche Grundsicherung gibt.

Natürlich führen wir zwischendurch auch ein schönes Leben: ausschlafen, lange Zeitung lesen, flanieren und in Cafés sitzen; Was-Trinken-Gehen, Auf-Konzerte-Gehen, In-Clubs-Gehen, Nach-Hause-Gehen. Gleichzeitig ist alles, was wir tun, auch hochspezialisierte Arbeit: sich informieren, schreiben, Projekte machen, Kultur schaffen, sich vernetzen, eine Band haben, Kinder großziehen. Wir müssen Erlebnisse haben, um sie verwerten zu können, Demütigungen erleben, um daran zu wachsen, zwischenmenschliche Schwierigkeiten überwinden, um soziale Kompetenz anzuhäufen. Diese Anstrengungen werden von unserer leistungsorientierten Gesellschaft natürlich überhaupt nicht honoriert. Dafür sind wir frei und ungebunden. Und wer braucht schon überflüssige Dinge wie Urlaub, exotische Städtereisen, Rücklagen fürs Alter, Zentralheizung, Fitnessabo oder Markenkleidung? Währt aber eine Phase der Unterbeschäftigung zu lange, kann es auch in der Boheme leicht zum gefürchteten Unterforderungs-Burnout kommen. „Ist das noch Boheme oder schon Unterschicht?“ fragt man sich dann, wenn die eigenen TV-Gewohnheiten plötzlich denen der verkommenen Nachbarschaft gleichen, wenn man mit ähnlich trübem Blick bei Aldi in der Schlange steht.

Um den Burnout zu vermeiden und unabhängig von staatlichen Transferleistungen zu sein, empfiehlt es sich für den freiberuflichen Bohemien, einen ausgewogenen Jobcocktail zu mixen. Dieser sollte sich zusammensetzen aus 50 Prozent künstlerischer, also unbezahlter Arbeit, wie etwa die eigene Band oder das Verfassen einer Trilogie; aus 35 Prozent freiberuflicher, kaum vergüteter Tätigkeit bei einer kulturellen Institution, wie das Schreiben für linke Tageszeitungen; und, um den Anschluss ans wahre Leben nicht zu verlieren, aus 25 Prozent tatsächlich bezahlter Arbeit, den sogenannten Brotjobs, idealerweise im bohemistisch-alternativen popkulturellen Umfeld: Kinokarten verkaufen, Gästelisten überwachen, Türstehen, Getränke verkaufen, Ladenhilfe.
Doch ist die Boheme mitnichten ein klassenfreier Raum. Auch in unseren müßiggängerischen Zirkeln gibt es die feinen Unterschiede, lohnt es sich, einmal ganz genau nachzufragen, wovon die Leute wirklich leben. Denn auch die Business-Class-Bohemiens und die computeraffine digitale Boheme können nicht hexen, hinter ihrer Sorglosigkeit steht dann doch oftmals die Immobilie, der Börsengewinn, das Erbe, die Eltern. Und viele der unterbeschäftigten Jungakademiker und Medienschaffenden werden doch irgendwann ihren Platz in der Gesellschaft finden, auch wenn sie nicht ganz den komfortablen Lebensstandard ihrer Eltern – hohes Einkommen, Immobilienbesitz und hohe Rücklagen – werden erreichen können.

Letztlich wünschen wir uns wohl alle hin und wieder, irgendeine wohlwollende Institution würde uns eine bescheidene, aber ausreichende monatliche Apanage überweisen, eine kleine Anerkennung für unsere Kulturleistungen und Werke – ohne die unsere Gesellschaft doch viel ärmer wäre.

CHRISTIANE RÖSINGER

* abgeleitet von Low-Fidelity, im Gegensatz zu High-Fidelity. Lo-Fi war ein Musikstil in den 1990er Jahren, für den schrottreife Computer und billige Instrumente benutzt wurden.

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ARTE Gastautorin Christiane Rösinger:
Die Sängerin und Autorin wurde 1961 in Rastatt geboren. 1988 gründerte sie u.a. mit Funny van Dannen die Berliner Band Lassie Singers. Seit 1998 ist sie Kopf der Nachfolgeband Britta. In den 1990er Jahren war Christiane Rösinger eine der Betreiberinnen der legendären „Flittchenbar“ am Berliner Ostbahnhof. Neben ihrer Arbeit als Musikerin schreibt sie Beiträge für verschiedene Zeitungen, u.a. die „taz“ und „FAZ“; außerdem hat sie eine Radiokolumne auf dem österreichischen Sender fm4. 2008 erschien ihr Buch „Das schöne Leben“ (Fischer Verlag).

Links: Informationen zu Christiane Rösingers Band Britta finden Sie unter www.flittchen.de;
Die Radiokolumne auf FM4 gibt es unter http://fm4.orf.at/roesinger

Erstellt: 09-12-08
Letzte Änderung: 19-05-09