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WISSENSCHAFT - 04/05/12

DER BESSERE THERAPEUT

Wenn Pferde als Therapeuten dem Menschen überlegen sind, so ist das kein Wunder: Sie sind Spezialisten der Körpersprache, die alle Säugetiere ab ihrer Geburt lernen. ARTE in der faszinierenden Welt der Equotherapie

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„Das Sprechen mit den Pferden, das ist so wie Musik“, sagt Luise. Und geht noch weiter: „In der Musik, da spüre ich nur mich selbst. Wenn ich mit den Pferden zusammen bin, ist es ein Stück mehr Kommunikation, weil die Pferde mir Rückmeldung geben.“ Luise ist 16 Jahre alt und Patientin des Vereins E.motion, dessen Arbeit im Fokus der Dokumentation „Die heilende Sprache der Pferde“ steht. Luise litt unter Mutismus: Sie war komplett verstummt und kapselte sich von der Außenwelt ab. In der Pubertät mündet Mutismus oft in Magersucht. So auch bei ihr. Keine Therapie half, kein Mensch brachte Luise dazu, sich wieder zu öffnen. Erst die Pferde schafften es.

ARTE Dokmentation

DIE HEILENDE
SPRACHE DER PFERDE
Do • 31.5. • 22.45

E.motion ist ein gemeinnütziger Verein auf dem Gelände des Otto-Wagner-Spitals in Wien. Menschen mit den verschiedensten Krankheitsbildern kommen hierher zur Behandlung, ungefähr 400 im Jahr: autistische Kinder wie Sarah oder Samuel, Wachkomapatienten wie die kleine Juli, Menschen mit Behinderung nach Unfällen wie Bettina oder Monika, die beide ebenfalls im Wachkoma lagen. Ihre Fortschritte auf dem Weg der Heilung sind erstaunlich. Das Problem: Die Equotherapie ist aufwendig und teuer. Da europaweit wenig Geld in die Forschung gesteckt wird, sind breit angelegte Studien, die den Erfolg wissenschaftlich untermauern, rar. Eine solche Studie hat der Verband der Hippotherapeuten zusammen mit der Uniklinik Aachen 2010 ins Leben gerufen. 120 Kinder mit spastischen Lähmungen wurden dabei 16 Monate lang begleitet. Eine Gruppe ritt, die andere nicht. Schon nach ein paar Monaten zeigten sich die Erfolge bei der reitenden Gruppe. Der leitende Arzt der Studie, Martin Häusler, resümiert: „Bei vier von fünf Kindern hat sich die Motorik verbessert, außerdem viele andere, leider nicht messbare Dinge.“

Austausch ohne Worte. Roswitha Zink, Geschäftsführerin und Therapeutin bei E.motion, hat schon 2006 in Zusammenarbeit mit dem Individualpsychologen und Entwicklungsforscher Thomas Stephenson, Uni Wien, ein Forschungsprojekt begonnen. Mittels Videoanalyse wird der Erfolg der Therapie messbar gemacht und ihr Potenzial aufgezeigt. „Entscheidende Prozesse, die wir von der Mutter-Säugling-Beziehung kennen, sind hier sichtbar, erfassbar, erforschbar“, äußert sich der Wissenschaftler fasziniert. Die Krankenkassen auf Sparkurs sind aber noch nicht mit im Boot.
Doch warum sind Pferde derart gute Therapeuten? Die Verhaltensbiologie gibt Aufschluss: Als niedrig-reproduktives Herdentier mit höchstens einem Fohlen pro Jahr, oft nur alle zwei, drei Jahre, muss das Pferd dafür sorgen, dass die Schwachen der Gruppe überleben. Zum Schutz vor Gefahren kooperieren die Herdenmitglieder. Als soziale Wesen sind sie kommunikativ mit differenzierten Möglichkeiten des Ausdrucks. Stephenson erklärt das Besondere: „Die Kommunikation des Pferdes ist wie beim Kleinkind unmittelbar und direkt, ohne Strategie.“ Genau das schätzen kranke Menschen besonders: akzeptiert zu werden mit ihren Defiziten, einen Austausch, der keine Worte braucht. Ein weiterer Aspekt, der Pferde zum idealen Therapiepartner macht, ist, dass sie Menschen tragen können: „Es ist ein urmenschliches Bedürfnis, getragen und gewiegt zu werden”, so Roswitha Zink.

Spezialisten im Dechiffrieren. Für die Ausbildung der Pferde hat E.motion mehrere Methoden verfeinert und weiterentwickelt. Die Pferde müssen vor allem lernen, sich auf die spezifische Körpersprache des Menschen zu konzentrieren. Jedes Pferd hat eine vertrauensvolle Bindung zu seinem Trainer, denn in der Arbeit des Dreiergespanns Pferd-Therapeut-Patient wird diese Bindungs- und Beziehungsarbeit zentraler Faktor. „Wichtig ist, zu erreichen, dass das Pferd sich frei fühlt, seine Gefühle kundzutun und nicht auf Signale trainiert ist wie im Zirkus. Nur dann bekomme ich seine Eigenmotivation, aus der ich Informationen über den Patienten ablesen kann“, erklärt die Therapeutin. Bei vielen psychischen Krankheiten sind Bindung und Beziehungen zentrale Themen. Mit dem Pferd können sie viel ungehemmter und spielerischer angegangen werden. Und: Das Pferd lässt sich nicht täuschen, reagiert sogar auf doppelbödige Kommunikation: „Wenn Luise zum Beispiel versucht, das Pferd zu sich zu bitten, aber in Wirklichkeit eine Aggression verbirgt, wird das Pferd auf Abstand bleiben. Luise wirkt sehr sanft, aber ein Mädchen, das unter Magersucht leidet, verfügt auch über ein großes Aggressionspotenzial, das sich in erster Linie gegen sie selbst richtet“, erklärt Roswitha Zink. Doch Luise ist auf einem guten Weg. Sie ist wieder angekommen im Leben. Und nicht nur sie: Bettina kann nun wieder arbeiten, Monika ein paar Schritte gehen. Die zwei- und vierbeinigen Therapeuten haben es möglich gemacht.

NINA VEY FÜR DAS ARTE MAGAZIN


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KURZ ERKLÄRT:

EQUOTHERAPIE
Unter Equotherapie versteht man die pferdegestützte Therapie, die auch psychische Faktoren einer Erkrankung miteinbezieht. Die Therapie findet am Boden oder auf dem Pferd statt, je nachdem, was geübt werden soll oder was der Zustand des Patienten zulässt

HIPPOTHERAPIE
Die Hippotherapie ist eine physiotherapeutische Maßnahme auf dem Pferd. Der rhythmische dreidimensionale Gang des Pferdes überträgt Schwingungsimpulse auf den Rumpf des Patienten. Die Haltung wird gestärkt, verkrampfte Muskulatur entspannt sich

Erstellt: 22-08-11
Letzte Änderung: 04-05-12