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MUSIK - 22/04/09

DEMOKRATISCHE TÖNE

Ihr Programm: Frühbarock und Wiener Klassik. Ihre Haltung: 1980er Jahre, basisdemokratisch – ein Besuch beim Freiburger Barockorchester, das in der Haydn-Oper „Orlando Paladino“ in Berlin zu erleben sein wird.

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Solides Handwerk ist die Voraussetzung für hohe Kunst. Das macht jedenfalls das Freiburger Barockorchester (FBO) ohrenfällig, an einem sonnigen Nachmittag im Adolph-Kolping Saal seiner Heimatstadt, wo sich einst Gesellen zur katholischen Erbauung trafen.

Auf der Bühne eine Gruppe Mitvierziger im Studentenlook der 1980er Jahre: T-Shirt, Holzfällerhemd, Jeans. „Lasst uns den Abschnitt noch einmal durchspielen“, sagt Geigerin Anne Katharina Schreiber. Eher mühsam schleppen sich die Streicherakkorde dahin: „Nein“, unterbricht sie sanft, aber bestimmt: „Ich fände es schön, wenn da noch ein Bogen drin wäre.“ Und sie singt die Phrase vor. Zwei Minuten und zwei Anläufe später: Endlich kommt Bewegung ins Spiel, vergnügt schaut man sich an und auch Torsten Johann an der Orgel gibt plötzlich Gas. Schreiber ist zufrieden. Heute früh hatte sie erfahren, dass sie ohne den Gastdirigenten Ivor Bolton das Händel-Oratorium „Jephta” proben werden. Kein Problem für das FBO. „Bei uns herrscht Basisdemokratie“, sagt Frau Schreiber stolz. „Wir sind kein dirigiertes Orchester und kommen auch ohne Chef aus“, betont sie selbstbewusst. Später im Gespräch aber wird die quirlige Künstlerin einräumen: „Wenn dann tatsächlich ein Dirigent dasteht, gibt das einen Energieschub.“

ARTE SCHWERPUNKT

ZUM 200. TODESTAG VON JOSEPH HAYDN

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So wie bei Stardirigent René Jacobs, unter dem sie demnächst Jospeh Haydns „Orlando Paladino“ in der Berliner Staatsoper aufführen werden. „Ein toller Musiker“, strahlt Schreiber und gibt ihrer Freude Ausdruck, dass Jacobs diese Aufführung mit dem FBO realisieren wird. Es wird die erste Haydn-Oper für das Orchester sein. Konzertmeister Gottfried von der Goltz erinnert an die Aufnahme von Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“, die sie mit René Jacobs vor wenigen Jahren produzierten und die ein Bestseller wurde. Von der Goltz bewundert Jacobs. Es sei große Kunst, „Haydns Partitur mit der ihm eigenen Menschlichkeit und dem Humor zu füllen und dabei den wechselnden Affekten, der Launenhaftigkeit seiner Musik zu folgen.“

Schillernde Charaktere
Gespannt ist von der Goltz auf die Inszenierung des „Orlando Paladino“ von Nigel Lowery und Amir Hosseinpour: Wie werden sie das Libretto umsetzen, das wie eine Kreuzung aus Seifenoper und Fantasy-Epos anmutet? Mit einem irren fränkischen Ritter, einem arabischen Haudegen, einem schwächlichen Sarazenenprinzen, einer trägen Schäferin und einer trickreichen Zauberin hat es ein ziemlich schräges Personal zu bieten. Ein bisschen skeptisch ist er da schon, aber auch zuversichtlich, dass sie alle es schaffen werden, die größte Stärke der Musik, ihre Assoziationskraft, zu erhalten.

Schließlich habe man die Grundsätze der elf Kommilitonen von der Freiburger Musikhochschule nicht vergessen, die auf jener Silvesterparty 1986 beschlossen, ein Barockorchester zu gründen: Weg von der Aufführungstradition aus dem Geist des 19. Jahrhunderts und seinen eitlen Maestri, hieß es damals, weg vom gängigen, kommerziell orientierten Konzertrepertoire, seiner Ästhetik, seinem Instrumentarium. „Wir wollten Alte Musik, entlegene Werke authentisch aus dem Jetzt heraus begreifen und mit historischen Instrumenten vermitteln“, sagt von der Goltz. „Old stuff up to date“ (Altes Zeug ganz modern), wurde zum Motto des Orchesters. Die ersten Jahre sind ebenso inspirierend wie aufreibend. Jedes Detail wird ausdiskutiert, Honorare in einen Topf geworfen und ein strenges Rotationsprinzip eingeführt, das jedem Mitglied das Recht sichert, das Ensemble zu dirigieren. Es ist die Blütezeit der Partei „Die Grünen“, die in Freiburg eine Hochburg hat. Die Freiburger „Barockies“, wie sie sich nennen, repräsentieren diesen Zeitgeist Freiburgs, der noch immer ziemlich grün durch die Stadt weht. Zahlreiche Sonnenkollektoren stehen für nachhaltiges Bewusstsein, vier Waldorfschulen hat die 220.000-Einwohner-Stadt, – die Millionenmetropole München bringt es gerade einmal auf zwei – und auch der Wochenmarkt grünt hier grüner als in vielen anderen Städten.

Utopie in der Realität verankern
Auffallend an der Freiburger Idylle: die vielen Rechtsanwaltskanzleien. Auch Utopien möchten rechtlich abgesichert werden. Deshalb gründet auch das FBO 1990 eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts und macht die Musiker zu Teilhabern. Sie akzeptieren es, dass sie weniger verdienen als Kollegen in kleinen städtischen Orchestern, die beinahe unkündbar sind. Die Stadt Freiburg und das Land Baden-Württemberg steuern dem Orchester insgesamt 460.000 Euro pro Jahr zu, etwa 15 Prozent des Gesamtumsatzes. Der gewaltige Rest muss durch Aboreihen eingespielt werden. 2008 bewilligte das Land zwar eine Million Euro für die Umgestaltung der profanierten Kirche St. Elisabeth, die ab 2010 dem Orchester einen festen Sitz bieten wird, doch der Existenzkampf wird nie aufhören. Schreiber aber weiß, was sie am FBO hat: „In staatlichen Orchestern wird man als Geigerin sofort auf Linie gebracht, darf sich nicht bewegen oder mit persönlichem Ausdruck spielen.“ Hier aber kann sie sich einbringen. Debatten schrecken sie dabei nicht: „Es gibt Leute, die fürchten die Vollversammlung des FBO. Es ist eine kleine Schule der Demokratie. Man lernt, wie schwer es ist, Mehrheitsentscheidungen zu treffen“.

Anstrengende Demokratie
„Demokratie ist anstrengend“, seufzt auch von der Goltz. Und nicht jeder ist bereit, das ewige Ringen um Gerechtigkeit und Wahrheit mitzutragen. Mitbegründer Thomas Hengelbrock etwa. „Thomas hat den Demokratie-Gedanken sehr stark vorangetrieben“, erinnert sich Schreiber. „Doch irgendwann fühlte er sich gebremst, er wollte dirigieren.“ Mitte der 90er verließ er das Orchester und gründete sein eigenes. „Auch mir wurden meine Grenzen gezeigt“, grinst von der Goltz. „Aber wir haben uns zurechtgerückt.“ Mit Petra Müllejans teilt er sich die künstlerische Leitung des Orchesters; sie beide gehören dem sechsköpfigen Gremium an, das über Programm, Besetzung und Anzahl der Proben entscheidet. Das Repertoire reicht vom italienischen Frühbarock bis zur Wiener Klassik, hat aber auch Schönberg und Wagner im Bestand und ist offen für Experimente.

Vor zwei Jahren feierte das FBO sein 20. Jubiläum. Sängerin Cecilia Bartoli grüßte mit gemalter Torte, Dirigent Trevor Pinnock notierte „FBO: Geheimnis ewiger Jugend“. René Jacobs aber erhob sein Glas aus dem griechischen Urlaubsort „auf eine neue ruhmvolle Jahreszeit für das FBO!“ Gemeinsam mit ihm und Haydn geht es einem weiteren Höhepunkt in der Berliner Staatsoper entgegen.

TERESA PIESCHACÓN RAPHAEL


ARTE PLUS


Kurzbiografie Joseph Haydn:
geb. am 31.3.1732 in Rohrau, Niederösterreich; Komponist der Wiener Klassik; ab seinem achten Lebensjahr talentierter Chorknabe in Wien; ab 1749 freier Musiker; 1757 erste Stelle als Kapellmeister bei Graf Carl Joseph Franz Morzin; ab 1761 bei der ungarischen Familie Eszterházy; 1790 in Pension geschickt, daraufhin Aufführung zahlreicher Sinfonien in London; 1797 Umzug nach Wien, wo er 1809 stirbt

Orlando Paladino:
Premiere am 8. Mai, Aufführungen bis 17. Mai: Tickets unter www.staatsoper-berlin.org oder telefonisch: 030/20354555

Buch-Tipps:
„Joseph Haydn: Leben und Werk“, Hans-Josef Irmen, Böhlau 2007; „Unser Haydn. Große Interpreten im Gespräch“, Walter Dobner, Böhlau 2008

CD-Tipps:
„Haydn. Sinfonien 91&92 / Scena di Berenice“, Bernarda Fink, Freiburger Barockorchester, René Jacobs, Harmonia M 2009 (erscheint am 15. Mai); „Haydn. Sinfonien (Lim. Edition)“, Antal Dorati, Philharmonia Hungarica, Decca 2009; „Joseph Haydn für Kinder: Paukenschlag und Kaiserlied und Haydn-Hits für Kinder“, Marko Simsa, Jumbo Neue Medien 2009

Erstellt: 09-12-08
Letzte Änderung: 22-04-09