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Ars Electronica 2005 - "Hybrid - Living in Paradox" - 04/10/05

Cyberarts 2005: Global-Player - Jens Brand's Satelliten-Tuner

"Die Erde ist eine Scheibe" heisst es in der als Werbeprospekt gestalteten Broschüre zu Jens Brand's G-Player 4, der keine Messeneuheit sondern Medien-Kunst ist.

Mit der Scheibe ist jedoch keine zynische Hommage an die Ketzer des italienischen Astronoms Galileo Galilei gemeint, welcher einst mittels damaliger neuer "Medien" wie dem Fernrohr zur Erkenntnis gelangte, dass die Erde eine Kugel ist, nein, Brand meint die Schallplatte Erde: "Der GP4 kann in jede HiFi-Anlage integriert werden. Besuchen Sie uns für eine Vorführung in Europas erstem GP-Store. Hören Sie sich die Erde aus der Sicht der Satelliten an. Egal, ob Sie sich für METEOSAT, ORBVIEW oder einen anderen der künstlichen Himmelskörper interessieren, der P4 zeigt Ihnen wo es lang geht. wenn sich alles um die Erde dreht." Silbernes Alu-Design, 8 kg Gewicht, analoge und digitale Ausgänge in Miniklinke oder Coaxial-Kabel, grünes Bedienungs-Display, Geräuschspannungsabstand 88 DB bei einem Klirrfaktor von 0,03%. — Während sich im GPS-Zeitalter fast alles um Visualisierung von abstrakten Satelliten-Daten und Koordinaten dreht, setzt der 1968 geborene Medienkünstler auf seine 'Jugenderfahrung Stereoanlage' und entwirft ein Gerät, mit dem man sich die Erde einmal anhören kann.

Im Ausstellungstrakt hängt eine banale Weltkarte an der Wand, auf einem weissen Podest steht das Gerät, drahtlose Kopfehörer liegen bereit. "Der G-Player funktioniert wie ein regulärer CD- oder Schallplattenspieler. Abgespielt wird jedoch weder Vinyl noch Compact-Disc, sondern die Erde", heisst es. Der G-Player kann die reale Position von über 1000 offiziell bekannten Satelliten abrufen. Ähnlich wie die Nadel über eine Schallplatte, so fährt der Satellit die Erdoberfläche ab. Der G-Player interpretiert die Höhenverläufe und setzt sie direkt in Klang um. Die Anzeige gibt den Namen des angewählten Satelliten, die Flughöhe und die Position über der Erde in Längen- und Breitengraden preis. Die topografischen Daten werden wie Audiodaten interpretiert. Gebirge erzeugen keine höheren Frequenzen, sondern dynamischere Strukturen als flache Landschaften – physikalisch ähnlich dem Verhalten der Schallplattennadel zu den Unebenheiten der Rille.

Jens Brand's Satelliten-Player, der mittels eines virtuellen drei-dimensionalen Planetenmodells das Abhören der auf der Erdoberfläche gezogenen imaginaren Spur eines ausgewählten Flugkörpers in Echtzeit erlaubt, tritt ironisch vorherrschenden Trends in der Medienkunst entgegen: Zum einen konzipiert er die digitalen Informationen als fühlbare, analoge Realität, und setzt sie in die Plattenspieler-Metapher um, wo sich Abtast-Nadeln physisch-materiell den Weg durch das unwegsame Universum der gepressten Rillen bahnen. Zum anderen umgeht er das Primat des Visuellen, das stets auf einen schnellen Überblick und auf rasches Konsumieren ausgerichtet ist. Beim Hören jedoch ist Musse, Zeit, Geduld, Kontemplation gefragt. Denn entsprechend der Logik des G-Players sind die Meere Regionen ohne Klang. Und weil 70 Prozent der Erdoberfläche von Wasser bedeckt sind, ist der G-Player überwiegend "still" – eine Herausforderung in Zeiten sintflutartiger Reizüberflutung fürs Auge.


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Reportage von Jens Hauser
September 2005
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Erstellt: 14-09-05
Letzte Änderung: 04-10-05