
Es fehlt eine wesentliche Dimension, ohne die eine gute Komödie aber nicht auskommt
Synopsis: Ein französische Mittelstandsfamilie verbringt die Sommerferien in einem alten Strandhaus am Meer in der Nähe von Marseille. Sohn und Tochter sind im Teenageralter und erkunden gerade die eigene Sexualität, was zu einigen Verwicklungen und Missverständnissen führt.Kritik: Wenn es stimmt, dass französische Sommerkomödien immer am Meer spielen und erotisch aufgeladen sind, dann bedient dieser neue Film des Regisseur-Duos Ducastel und Martineau („Drôle de Félix“, 2000) dieses Klischee spielerisch und manchmal auch selbstironisch. Meeresfrüchte und besonders eine bestimmte Muschelart, roh gegessen, scheinen jedenfalls für Vater Marc (Gilbert Melki) und Mutter Beatrix (Valeria Bruni Tedeschi rettet den Film gerade noch vor der völligen Banalisierung) ein sensationelles Aphrodisiakum zu sein, immerhin haben sie als langjähriges Ehepaar noch Sex, auch wenn Beatrix sich dabei mehr amüsiert als erregt. Sohn Charly macht sich wiederum einen Spaß daraus, die Eltern glauben zu lassen, er sei ebenso schwul wie sein Freund Martin und verbraucht zum Missfallen seines Vaters ständig das warme Wasser, weil er unter der Dusche gern onaniert. Auch das Töchterchen denkt nur an Sex, bevor sie mit ihrem Freund zu einem Kurztrip nach Portugal aufbricht. So weit, so unterhaltsam.
Als dann Mutters Langzeit-Geliebter auftaucht, mit dem sie heimliche, schnelle Treffen arrangiert, und Vaters früherer Geliebter ihn zu einem homoerotischen Rückfall verführt, gerät der anfangs amüsante, dann aber eher penetrante Reigen außer Kontrolle, und alle heimlichen Leidenschaften werden gebeichtet. Plötzlich müssen alle Familienmitglieder feststellen, dass sie eigentlich nur sehr wenig voneinander wussten, aber da die Komödie nicht zur Tragödie werden soll, spricht man sich eben kurz aus und zeigt liebevolles Verständnis. Im nächsten Sommer, so die nicht gerade originelle Schlusspointe, sind alle wieder im Ferienhaus vereint, nur eben mit dem neuen homo- oder heterosexuellen Partner, und einen neuen Boiler für mehr heißes Wasser gibt es noch dazu.
So erinnert „Crustacés et Coquillages“ an manche Filme der siebziger Jahre, wie z.B. „Pourqoi-pas ? („Warum nicht?“) von Coline Serreau, mit der damals wenigstens noch relativ neuen Botschaft: Ob homo-, bi- oder tri-sexuell, ob promiskuitiv oder in einer Dreiecksbeziehung - lebe einfach offen nach deinen Bedürfnissen und lass dich nicht von bürgerlichen Regeln einengen, dann findest Du Glück und sexuelle Selbstbestimmung. Schön wär’s, es hat schon damals nicht funktioniert, und es dürfte auch heute nicht besser funktionieren, weil es da doch immer mindestens einen Leidtragenden gibt. Aber daran will dieser Film mit seiner aufgesetzt heiteren Oberflächlichkeit gar nicht erst erinnern - und verliert so eine wesentliche Dimension, ohne die eine gute Komödie aber nicht auskommt.
Thomas Neuhauser
Eine bemerkenswerte Komödie aus Frankreich – modernes Vaudeville
Synopsis: Es ist Sommer. Zum ersten Mal reist Marc mit seiner Frau Beatrix und den Kindern in das Haus am Mittelmeer, in dem er als Teenager immer die Ferien verbrachte. Die Tochter Laura wartet sehnlichst auf die Ankunft ihres Freundes, der sie mit seinem Motorrad aus der Familientristesse befreien soll. Ihr Bruder Charly wartet auf Martin, der sich in Charly verliebt hat, aber Charly ist nicht schwul. Beatrix spürt die angespannte Atmosphäre zwischen den Jungen und bildet sich ein, ihr Sohn wäre schwul. Sie erzählt Marc von ihrer Vermutung, den das ziemlich mitnimmt. Mit der Ankunft von Matthieu, dem Liebhaber von Beatrix, kompliziert sich die Situation.Kritik: Nach ihrer eher sanften Interpretation des Genres Musikfilm (Jeanne et le garçon formidable) und Road Movie (Drôle de Félix) haben sich Olivier Ducastel und Jacques Martineau nun auf eine Komödie eingelassen. Das Ergebnis ist reines Vaudeville: Türen knallen, Missverständnisse führen zu Verwicklungen und Lachern……. Wie immer hütet sich das Tandem Ducastel/Martineau das Genre zu überzeichnen. Behutsam und fantasievoll gehen sie mit Stereotypen um. Das Absurde erwächst aus der Wiederholung des Alltäglichen, des Banalen (der Gebrauch von Handys, das Benutzen einer Dusche).
Die Wirkung ist das Ergebnis ihres untrüglichen Gefühls für das richtige Timing. Ohne das ist eine Komödie nicht komisch. Hierin sind die amerikanischen Komödien Vorbild. Olivier Ducastel und Jacques Martineau scheinen eingehend studiert zu haben, worin der Erfolg amerikanischer Komödien begründet liegt und offensichtlich fällt es den beiden nicht schwer, ihre Beobachtungen in der eigenen Arbeit umzusetzen. Dem Spiel der Darsteller ist die sanfte Hand, die dahinter stand, anzumerken. Valeria Bruni-Tedeschis umwerfende Weiblichkeit bildet einen starken Kontrast zu der nüchternen Art von Gilbert Meli, der seit seinem Erfolg in “La Vérité si je mens“ (Would I lie to you?) nur gelegentlich von der Rolle des Machos loskommen kann.
Details, wie die Unterlegung der Szene, in welcher die Kamera den überaus autoritären Marc bei seinen sexuellen Tagträumen überrascht, mit der Musik von Nino Rato aus Fellinis „Casanova“ sind cineastische Highlights mit Seltenheitswert. Doch Selbstgefälligkeit ist keine Eigenschaft von Olivier Ducastel und Jacques Martineau. Ihre Auseinandersetzung mit dem Genre Komödie geschieht mit einer Offenheit, die für französische Filmemacher ebenso bemerkenswert wie ungewöhnlich ist. Das wird vor allem auch in der letzten Szene des Films deutlich, wo es zur großen Aussprache zwischen Mark und Béatrix kommt. Frontal der Kamera zugewandt (nicht im Profil, obwohl diese Einstellung vorteilhafter gewesen wäre) wirken die Darsteller absolut wahrhaftig.
Julien Welter






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