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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

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17/11/05

Conlon Nancarrow: Studies for Player Piano

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Seit er Musik schreibe, träume er davon, die Interpreten loszuwerden, erklärte einst der Komponist Conlon Nancarrow (Foto: ©John Fago). Er hatte keine Lust mehr, darauf Rücksicht zu nehmen, was ein Musiker auf seinem Instrument zu spielen in der Lage ist und was nicht. Deshalb beschloss er nur noch für eine Maschine zu komponieren. Nancarrow kaufte sich ein selbstspielendes mechanisches Klavier, wie er es noch aus seinen Kindertagen gekannt und geliebt hatte, stanzte die Noten seiner Stücke fortan auf lange Papierrollen und fütterte damit seinen Musikautomaten. Der Komponist war nun völlig unabhängig von den technischen Möglichkeiten eines Instrumentalisten und konnte sich musikalische Verrücktheiten ausdenken, bei denen sich ein Pianist Knoten in die Finger machen müsste.

Nancarrow schrieb in seinen studies for player piano beispielsweise einen zwölfstimmigen Kanon, in dem jede Stimme einem eigenen, unabhängigen Tempo folgt. Er komponierte löchrige Rhythmen, kurios eiernde Metren und liess seine Klimperkiste manchmal über 150 Töne pro Sekunde ausspucken. Seine Erfindungen klingen beim ersten Hören nach verschrobenen Spielereien eines durchgedrehten Do-it-yourself-Bastlers, aber sie sind in Wirklichkeit von überragender kompositorische Qualität. Nancarrow war ein scharfsinniger Musikdenker, genial unorthodox im kontrapunktischen Satz und ein ewiger Abenteurer des Rhythmischen. Für den Komponistenkollege György Ligeti gehört er zu den überragenden Musikern des vergangenen Jahrhunderts, die studies for player piano hält er für „die größte Entdeckung seit Anton Webern und Charles Ives“.

Dabei hat es 40 Jahre gedauert, bis Nancarrows Kompositionen überhaupt von der musikalischen Welt wahrgenommen wurden. Der Amerikaner – 1912 in Texarcana/Arkansas geboren und 1997 in Mexiko gestorben – war öffentlichkeitsscheu und ein Eigenbrötler aus Überzeugung. Auf eine akademische Musikausbildung liess er sich nie so recht ein („Ich war immer nur an Kontrapunkt interessiert.“), in jungen Jahren schlug er sich als Jazztrompeter und Gelegenheitsmusiker durch. Er kämpfte im spanischen Bürgerkrieg gegen den Franco-Faschismus, wurde anschließend in den USA der McCarthy-Ära zur „unerwünschten Person“ erklärt und emigrierte nach Mexiko City. Dort kaufte er sich vom bescheidenen Erbe seines Vaters zwei mechanische Klaviere, richtete sich eine Werkstatt ein und werkelte im Verborgenen vor sich hin. . Die Stanzarbeiten waren äußerst zeitaufwendig und mühsam, manchmal musste er über ein Jahr an einem Werk von fünf Minuten Länge arbeiten.
Seine Study No.1 stammt aus dem Jahr 1951. 50 Stücke hat er bis zu seinem Lebensende geschrieben

An öffentliche Aufführungen seiner Musik dachte Nancarrow nicht, erst recht nicht glaubte er an einen internationalen Erfolg seiner Arbeiten. Durch Schallplattenaufnahmen wurde die Musikszene schließlich dennoch auf den Einsiedler aus Mexico aufmerksam. Er erhielt Einladungen zu Festivals und kam in den 80er Jahren sogar nach Europa. Überall wurden seine Player-Piano-Vorführungen gefeiert. Das Instrumentenungetüm ratterte und wackelte bei den Konzerten und schien schier zu bersten ob der rasenden Tonkaskaden und geschredderten Rhythmen.

So altmodisch und umständlich Nancarrows Musik erzeugt wird, so raffiniert ist sie doch ertüftelt in ihren Tempospreizungen und -stauchungen, den polymetrischen Vertracktheiten und Stimmführungsverknäuelungen. Die ersten Studies klingen noch entfernt nach Ragtime, Boogie-Woogie und Blues. Später werden die satztechnischen Konstruktionen immer aberwitziger und die Formverläufe unübersichtlicher. Man sieht dann beim Hören die dichtgedrängten, schwarzen Notenbüschel vor sich, von denen die Partiturseiten in konventioneller Notation nur so wimmeln würden. Aber die Studies leben nicht nur von der Faszination am Überkomplizierten. Es gibt Stücke, die verströmen einen chaplinesken Witz, andere sind sehr poetisch und verträumt. Und manche verquere Tastenraserei wirkt wie ein Ebenbild für das entfesselte und durchdrehende Zeitalter der Moderne. Obwohl Nancarrows Kompositionen doch weit weg von aller Hektik in einem staubigen Lagerschuppen entanden sind.

Conlon Nancarrow: Studies for Player Piano, Wergo 6907

Erstellt: 17-11-04
Letzte Änderung: 17-11-05