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08/06/04

Comme une image

von Agnès Jaoui
mit Jean-Pierre Bacri, Marilou Berry, Laurent Grevill, Agnès Jaoui
(Frankreich, 1 Std. 50 Min., 2004)
Wettbewerb
Synopsis: Lolita Cassard ist auf die ganze Welt böse. Erstens sieht sie nicht so aus wie die Mädchen in den Hochglanzmagazinen und außerdem sucht sie vergeblich die Zuneigung ihres Vaters, der Schriftsteller ist und sich wenig für andere interessiert.
Kritik: Das Festival von Cannes 2004 erweist sich Tag für Tag als äußerst hochrangiger Wettbewerb, und der zweite Film von Agnès Jaoui „Comme une image“ reiht sich hier nur allzu gut ein. Während ihr Film „Le goût des autres“ eher komödiantische Züge hatte, schlägt Jaoui mit „Comme une image“ eine andere Richtung ein. Hier ist die Atmosphäre düsterer, und im Mittelpunkt steht diesmal die Analyse von Vater-Tochter-Beziehungen. Jaoui zeichnet im Film die Sorgen und Leiden ihrer Hauptfigur Lolita Cassard (Marilou Berri) nach, einem zwanzigjährigen Mädchen voller Komplexe und ohne Liebe, die als Kind wie die Comicfigur „Henriette“ von Dupuy und Berberian ausgesehen haben muss. Überhaupt hat Jaoui viel mit den beiden Comicautoren gemeinsam: Genau wie sie nähert sich die Regisseurin psychologischen Fragestellungen mit melancholischem Humor und bevorzugt bei der Gestaltung der Charaktere und der Sprache eine klare Linie.
Die Arbeit mit den Schauspielern ist daher zentrales Element im filmischem Schaffen von Agnès Jaoui, der es in „Comme une image“ gelingt, den Akteuren eindringlich ihre ganz präzise Vorstellung von schauspielerischer Umsetzung und Komik vorzugeben. Vor allem mit Jean-Pierre Bacri hat sie ein wunderbares „Arbeitsinstrument“ an der Hand. Er spielt den Vater, dem alles egal ist, ein egoistischer Typ, der sich in seiner Position als berühmter Schriftsteller gefällt und eher hinter hübschen Mädchen herschaut, als sich für seine traurige Tochter Lolita zu interessieren.
Drei weitere Personen erweitern das Spektrum: Karine, die Freundin von Etienne in Lolitas Alter, sowie Pierre und Sylvia, ein Paar kurz vor der Trennung: Er ist erfolgreicher Schriftsteller, sie Gesangslehrerin, die Lolitas Vater verehrt. Genau wie Alain Resnais liebt Jaoui sich überlagernde Geschichten und Schicksale, doch konzentriert sie sich immer auch auf das Thema der Einsamkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen. Hinzu kommt in „Comme une image“ der präzise Blick der Regisseurin für Machtbeziehungen (am Beispiel der Verlagswelt), für das Diktat der Schönheit und das unsterbliche Bedürfnis nach Liebe eines jeden Menschen, das sie schon in „Goût des autres“ in den Mittelpunkt gestellt hat.
Mit ihrem zweiten Film legt Agnès Jaoui ein Werk von großer Dichte und Intensität vor, das einmal mehr das Interesse der französischen Kinowelt an dieser Regisseurin rechtfertigt. Ob Jaoui in Cannes dafür belohnt wird?
Olivier Bombarda

Erstellt: 19-05-04
Letzte Änderung: 08-06-04