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Jahrhundertaufnahmen Jazz

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17/11/05

Claudio Monteverdi: "L’Incoronazione di Poppea"

Claudio Monteverdi (1567 - 1643)

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Hat nicht jeder Klassikfan mindestens einen Lieblingskomponisten, dem er in besonderer Weise verfallen ist? Dessen Musik ihn stets zu Tränen rührt? Bei mir ist es Claudio Monteverdi. Jedes Mal, wenn ich den Schlussgesang aus der Oper „L’Incoronazione di Poppea“ („Die Krönung der Poppea“) höre, steigt das Wasser in meinen Augen, so überwältigend ist dieses Liebesduett. Es ist das erste – und eines der wunderbarsten – der Musikgeschichte überhaupt: Über einer chaconneartig repetierten, absteigenden Basslinie erheben sich in „Pur ti miro, pur ti goro“die Gesangsstimmen. Sie umkreisen und verschlingen sich in kanonischer Führung, reiben sich in schmerzlich schönen Dissonanzen und verschmelzen apotheotisch, während der Text ein Liebesglück beschwört, das über den Tod hinauszielt. Einen vergleichbar überirdisch entgrenzten Liebesschluss hat erst wieder Richard Wagner im „Tristan“ komponiert. Wobei Monteverdi eine genial-zynische Pointe bereit hält: Die Liebenden, die so bewegend zueinander finden, sind ein Horror-Paar: Nero und Poppea, der über Leichen gehender Tyrann und die machtgeile Hure.

Von 1567 bis 1643 hat Claudio Monteverdi gelebt. Er stand zu Beginn seiner Musikerkarriere im Dienst des Herzogs von Mantua und übernahm schließlich eines der ehrwürdigsten künstlerischen Ämter seiner Zeit: Er wurde Kapellmeister am San-Marco-Dom zu Venedig. Monteverdi gehört zu den Erfindern der Kunstform Oper und hat sie gleich selbst zu früher musikdramatischer Erfüllung geführt. So sinnlich und expressiv und Ich-bewußt war der singende Mensch bis dahin noch nicht in Erscheinung getreten. Der berühmte Bittgesang des Orfeo in Monteverdis gleichnamiger Oper formuliert emphatisch einen neuen Anspruch: Orfeo singt zum Steinerweichen, versetzt den Fährmann Caronte am Ufer des Styx in einen Schlaf und schafft Ungeheuerliches – den Eintritt ins Reich der Toten. Die Szene steht für die Utopie, dass die neue Gesangskunst jede Grenzen zu überschreiten vermag. Und Monteverdi geht am kühnsten voran: Atemberaubend sind in „Orfeo“ die musikdramatischen Details. Wenn Euridice nach Orfeos verhängnisvollem Blick zurück regelrecht erkaltet . Oder wenn zu Beginn der Oper die Botin mitten hinein ins Schäferidyll die Nachricht vom Tode Eurydices überbringt: Man glaubt, mitsterben zu müssen.

Sieben Jahre vor seinem Tod hat Monteverdi ein musikalisches Vermächtnis veröffentlicht – sein 8. Madrigalbuch. Die Stücksammlung markiert den letzten und höchsten Stand seines Komponierens, sie bildet gleichsam die Summe der musikdramatischen Entwicklungen. Ihr vorangestellt ist eine Präambel „An den, der es liest“, Monteverdi erläutert darin, warum die Zeit reif sei für einen „stile concitato“, den erregten Stil. Der Musik fehle der Ausdruck des Zorns, die musikalische Welt sei viel zu sehr „molle“ (weich) und „temperato“ (gemäßigt). Im Zustand des Außer-sich-seins lässt er deshalb die Stimmen in repetierten Sechzehntelnoten erbeben. Er entdeckt das Tremolo und das Pizzikato der Streicher als klangmalerisches Ausdrucksmittel und komponiert expressive Dynamikeffekte wie den „Arcata morenda“, den Decrescendostrich. Monteverdis Errungenschaften werden freilich nicht als manieristische Verzierungen eingeführt sondern als „wilde“, avantgardistische Mittel zur Ausdrucksvertiefung, die in den Sängern hochempfindsame leidenschaftsdurchglühte Charaktere hervorkehren.

Man kann das im 8.Madrigalbuch hören im Drama „Il Combattimento di Tancredi e Clorinda“ oder im Madrigal „Hor che’l ciel e la terra“ mit seinem schier unfassbaren Stimmungswandel: Aus der tiefsten Agonie der verstummten Natur erwacht das Herz eines Liebenden und schwingt sich Stufe um Stufe aufwärts bis zum Himmel der Empfindungen. Auch ein Stück, nach dem man regelrecht süchtig werden kann, ist das „Lamento della Ninfa“ der Klagegesang einer verlassenen Nymphe – Musik von unsagbarer, süßer Traurigkeit.

Monteverdis Musik hat in den letzten 30 Jahren eine große Renaissance erlebt. Die Interpreten haben die Stücke für die Gegenwart neu entdeckt und die Entwicklungen der historischen Aufführungspraxis führen zu technisch und musikalisch immer qualitätvolleren CD-Produktionen. Eine herausragende Einspielung der „Poppea“ ist die von John Eliot Gardiner. Das achte Madrigalbuch hat René Jacobs – ungemein farbig und die Ausdrucksextreme auskostend – mit dem Concerto Vocale Gent veröffentlicht. Aber auch die introvertiere Version des italienischen Monteverdi-Spezialisten Rinaldo Alessandrini mit seinem Concerto Italiano ist überaus hörenswert.


Claudio Monteverdi: L’Incoronazione di Poppea
Sylvia Mc Nair, Anne-Sophie von Otter, Dana Hanchard, Michael Chance,
The English Baroque Soloists; John Eliot Gardiner
DG 447 088







Claudio Monteverdi: Madrigali guerrieri ed amorosi
Concerto Vocale Gent, René Jacobs
Harmonia mundi 901736.37








Claudio Monteverdi: Madrigali guerrieri ed amorosi
Concerto Italiano, Rinaldo Alessandrini
Opus 111; Vol.1.: OPS 30187, Vol.2: OPS 30196

Erstellt: 02-06-05
Letzte Änderung: 17-11-05