In dem Gedicht „Die Geburt von Europa und dem Stier“ heißt es „Ein Feuerchen brennt/ damals schon und heute wieder/ Europas Sterne kommen nieder“. Wie mit wenigen Pinselstrichen evozieren diese Worte eine mythische Geographie, die sommerleicht ist, wie ein Tag im leuchtenden August.

Gemeinsame Arbeiten von Zehra Çirak und Jürgen Walter sind auf der Homepage www.jürgen-walter.com einsehbar.

In ihrem literarischen Werk ist auch immer etwas verspielt Musikalisches vorhanden, in ihren Sätzen wohnt eine unbändige Lust, die sichtbare Welt frei zu phantasieren, mit den Worten auf eine behende, harlekineske Art zu singen. Dahinter verbirgt sich immer der Wunsch, die Existenz in all ihren Facetten wahrzunehmen. Das geschieht oft durch eine luftige Perspektive und manchmal ist es, als greife Zehra Çirak dabei in das Gedächtnis der Menschen mit einer großen Sprachhand hinein und hole dort allerlei noch Ungesehenes hervor.
Synästhetische Weltwahrnehmung ist hier das Leitmotiv, es ist die Art zu schauen, die nur mit verknüpften Sinnen möglich ist. Deshalb haben ihre Miniaturen und Gedichte bei aller Verspieltheit immer auch etwas Wesenhaftes. In den Texten dieser Autorin münden die Sinne gleichsam in die Wörter, direkt in die Sätze hinein, gestalten sie mit, formen sie auch. Und ein in sich widerspruchsvoller Satz wie „Ich höre Licht“ erscheint einem in diesen Sprach- und Lebensbewegungen als die reine Logik. Zehra Çirak schreibt auf eine Art und Weise, dass man die Identität als eine Leiter begreift, auf der man einmal hoch-, einmal herunterklettert. Es gibt die Herkunft, die erste Erde, aber es gibt auch den Aufstieg, die zweite Erde.
Vom Himmel fielen Buchstaben herniederAber beides gehört zusammen, ist nicht zu trennen. Sehr bewusst distanziert sich diese Autorin von klischeehaften Zuweisungen, verzichtet lieber auf öffentliche Aufmerksamkeit als mit einer falschen Etikettierung hausieren zu gehen.
manch einen hat es getroffen
manch anderer fand sich berufen
und machte sich die Arbeit des
Buchstabenauflesens.
Zehra Çirak ist Dichterin, nicht mehr nicht weniger. Bezeichnungen wie „türkisch“ oder „deutsch“, all das ist zu eng für sie, sie ist in der Gesamtheit ein Plural aus beidem. Sie ist 1960 in Istanbul zur Welt gekommen und lebt seit 1963 in Deutschland, seit 1982 in Berlin. 1987 erschien ihr erster Gedichtband, dem gleich mehrere renommierte Auszeichnungen folgten. Seitdem hat sie zahlreiche Preise und Stipendien erhalten und hat ihr dichterisches Werk mit Darstellungen und Performances auf der Grundlage ihrer eigenen Texte erweitert. Letzteres in Zusammenarbeit mit dem vor Inspiration sprudelnden Bildenden Künstler Jürgen Walter, mit dem sie Leben und Werk seit über zwanzig Jahren verbindet.

ARTE Zuschauer sind in die Türkei gereist und haben uns Entwürfe für eine elektronische Postkarte geschickt.
Aus den schönsten Einsendungen sind literarische E-cards mit Zitaten von Zehra Çirak entstanden, die Sie verschicken können

Auf der Grundlage gemeinsamer kreativer Prozesse ist beispielsweise Jürgen Walters Objekt „Der Fluchtkoffer“ entstanden. Dazu hat Çirak einen der bewegendsten Texte in diesem Band verfasst. In diesen Koffer, über den es heißt, er sei „ein Koffer voller Liebe“, packt ein Kind „seinen Nachhauseweg“ ein. Das Kind, erfahren wir, plant seinen Ausbruch, seinen endgültigen Fortgang von den Eltern. Auf dem Nachhauseweg, beim Herumgehen und Spazieren, fühlt es sich selbst am besten. Das Alleinsein hilft. Aber es führt kein Weg daran vorbei, in die ganze Freiheit auszubüchsen. Und doch, da eine Flucht nun bald zu gelingen scheint, packt es am Ende, „ins Geheimfach des Fluchtkoffers ein Foto von den Eltern ein“. Das Bild jener Menschen also, vor denen es flieht. Dieser unschuldige Blick ist es, der in Zehra Çiraks Sprache berührt und betört. Dahinter verbirgt sich die Lust, mit diesem Blick die anderen zu berühren, frei zu sein, aber: zusammen mit den Anderen.
Eine Rezension von Marica Bodrožić

Am 19.10.2008 um 15.00 Uhr bei ARTE:
Schreiben in einer fremden Sprache. (Westfoyer, Halle 3.1)

DVD Empfehlung:
Die Kunst der Wissenschaft. Neun mal drei Stühle zu Ehren der Wissenschaft. Performances von Zehra Çirak und Jürgen Walter. Ein Film von Harald Ortlieb. Mit Texten auf CD und Abbildungen aller 27 Objekte.
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Die Grafik für die Seite kommt diesmal von dem ARTE Zuschauer Philippe Bichon. Er hat mehrere Entwürfe für elektronische Postkarten geschickt. Mehr Lust auf Türkeiimpressionen von Philippe Bichon? Klicken Sie auf unsere Rubrik „Reiseskizzen aus der Türkei“.






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