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Gespräch mit...Robert Guédiguian

Wie kamen Sie vom Soziologiestudium zum Film?
Ich hatte René Féret kennen gelernt, den Regisseur des Films Histoire de Paul (Pauls Geschichtel, für den er 1975 den Jean Vigo-Preis bekam und hatte die Gelegenheit, einige Zeit mit ihm zusammen zu verbringen. Er schlug mir vor, ein Buch mit dem Titel „Alexanderplatz“ für den Film zu adaptieren, weil ich eine gewisse Nähe zu Deutschland hatte. Ich nahm das Angebot sofort an, warnte Féret aber, dass dieses Projekt allein auf sein eigenes Risiko ginge ... Tatsächlich hatte Fassbinder bereits die Rechte erworben. Aber wir haben dann trotzdem weiter zusammen gearbeitet. Immer, wenn ich mich hinsetzte und mir vorstellte, wie ich jemandem eine Geschichte erzähle, hatte ich dieses ganz starke Verlangen, zu schreiben. Hinzu kam, dass ich damals gerade aus der Kommunistischen Partei ausgetreten war. Ich befand mich sozusagen geistig „im Urlaub“, denn solange man sich politisch stark engagiert, führt man ein ganz anders strukturiertes Leben. Der Film hat dann dieses Vakuum gefüllt. Ich habe sofort meinen ersten Film selbst finanziert, um absolut unabhängig zu sein: Ich wollte nicht mit echten Schauspielern, sondern lieber mit Leuten von der Straße drehen. Vom Filmen hatte ich keine Ahnung – Einstellung, Kameraführung, Cadrage, das waren Fremdwörter für mich. Und plötzlich war ich von heute auf morgen Drehbuchautor, Produzent, Regisseur und sogar Filmdistributor in einer Person! Ich habe mich deshalb von meinem ersten Film an mit allen diesen Metiers vertraut machen müssen. Und deshalb betätige ich mich auch weiterhin als Produzent. Wir, das heißt meine Freunde von Ex Nihilo und Agat Films und ich, haben in zehn Jahren immerhin 200 Filme produziert.

Wie gehen Sie beim Schreiben Ihrer Drehbücher vor? Steht am Anfang eine Figur, eine Idee oder ein Ereignis?
Der Ausgangspunkt sind immer persönliche Eindrücke, niemals irgendwelche Ereignisse oder Begebenheiten in einem Stadtviertel. Den Anstoß gibt ein Zustand, in dem ich mich zu einem bestimmten Zeitpunkt befinde. Anschließend versuche ich dann, diese subjektive Sicht mit anderen Sichtweisen zu vergleichen und sie der Realität, in der wir leben, gegenüberzustellen. In meinen Filmen steckt deshalb also immer auch viel Autobiografisches – vieles von dem, worüber man im allgemeinen selten spricht.

Sie arbeiten ja meist mit dem selben Team. Steckt in ihren Filmen deshalb auch ein Teil Kollektivarbeit?
Strenggenommen nicht, wenn man den Begriff technisch versteht. Aber trotzdem gibt es so etwas wie einen Kapillareffekt: Ich bin von meinen Mitarbeitern geprägt – genauso wie sie von mir. Insofern steckt also schon ein Teil kollektives Schaffen darin.

Wie führen Sie Ihre Darsteller?
Ich glaube, Schauspieler darf man nicht führen. Man versucht, gemeinsam die gleiche Richtung zu gehen. Wenn man einen Schauspieler führt, dann nur, weil es irgendein Problem gibt. Weil es zwischen ihnen und mir kein Kräfteverhältnis gibt, brauche ich sie nicht zu führen. Ich halte deshalb auch nicht viel von Proben oder dem Einstudieren von Texten. Wichtig ist, in Form sukzessiver Annäherungen zu arbeiten, sich das Ergebnis immer wieder anzuschauen. Die Beziehung zwischen mir und dem Schauspieler ergibt sich aus dem Moment, aus der Begegnung unserer beiden Empfindungswelten.
Wie entstand das Filmprojekt La Ville est tranquille ?
Ausgangspunkt war ein Panoramablick über die Stadt in der Abenddämmerung, der den Eindruck vermittelt, als herrsche überall friedliche Ruhe. Doch ich hatte immer das Gefühl, dass sich hinter dieser Ruhe schreckliche Dinge verbergen, und wollte deshalb etwas über meine ganzen Ängste erzählen, sie wie in einer Inventurliste erfassen. Mir wurde rasch klar, dass mich vor allem eine grundlegende Angstvorstellung beschäftigte: Die Angst, unsere westlichen Gesellschaften könnten auseinanderfallen. Ich glaube, dass es in unserer heutigen sogenannten „Gesellschaft der zwei Geschwindigkeiten“ ebenso viele Geschwindigkeiten wie Individuen gibt. Der physische Kontakt zwischen den Menschen ist verloren gegangen. Früher gab es Parteien, Vereine, Orte, an denen sich die französische Gesellschaft traf.
Der Film ist ganz anders als die „Contes de l'Estaque" und ähnelt eher einer griechischen Tragödie ...
Verglichen mit den „Contes“ ist La Ville est tranquille wie das Negativ im fotografischen Sinne: Der Film zeigt, was im Leben schiefgeht, wenn es keine Gemeinschaft mehr gibt. Deshalb der Eindruck der Tragödie. Man muss dazu aber auch wissen, dass dieser Film zu einem Diptychon gehört, denn parallel dazu habe ich A l'attaque ! gedreht, eine überaus optimistische Komödie. Meine Gefühle sind nie zur Gänze in einem einzigen Film zu finden. Eigentlich müsste man immer meine pessimistischen und meine optimistischen Filme zusammen betrachten, um einen Eindruck von meiner Vorstellung von der Welt zu bekommen. Filme sind nur interessant, wenn sie exzessiv und exemplarisch sind.
Nur Michèle scheint den Ereignissen gewachsen zu sein …
Was ich zum Ausdruck bringen wollte ist, dass es ihr Instinkt ist, der sie das durchstehen lässt. Ich war immer schon davon überzeugt, dass Frauen mit Krisensituationen besser zurechtkommen als Männer. Die Frauen haben sich einen Instinkt bewahrt, der das Überleben, die Lebensfähigkeit und die Fortpflanzung sichert. Die Figuren im Film handeln übrigens alle eher instinktmäßig als rational.
Erzählen Sie uns etwas über die Figur des Mörders.
Mit ihm konnte ich etwas Mysteriöses, ein bisschen Spannung in den Film bringen, um den Zuschauer bei der Stange zu halten. Außerdem ist diese Figur ein sehr effizienter Archetyp des Kinos. Gleichzeitig wollte ich das Gefühl erzeugen, dass mit diesem Mann möglicherweise etwas nicht stimmt: Er wohnte in diesem Viertel, er war unglücklich in Michèle verliebt usw. Aber die Geschichte bleibt doch unklar genug, um eine geheimnisvolle Spannung zu erzeugen und sie über die gesamte Länge des Films aufrecht zu halten.
Und die Figur, die von Darroussin gespielt wird ?
Es war nicht einfach, aus Darroussin einen gemeinen und unsympathischen Charakter zu machen. Ich wollte zeigen, wie die Dinge in der Generation davor abgelaufen waren. Deshalb habe ich ihn zu seiner Familie, seinen Eltern zurückkehren lassen, die damals sehr engagiert waren, aber heute völlig desillusioniert sind.
Sie lassen den Film mit einer imposanten Kamerafahrt beginnen, die das Panorama von Marseille zeigt – das Ganze unterlegt mit klassischer Musik.
Es ist genau die Kameraeinstellung, wie sie das Fernsehen typischerweise für Reportagen über Marseille dreht: Wir wollten in diese Einstellung eine ganz andere Bedeutung hineinlegen. Wir haben den Film mit dem Blick auf Marseille aufgemacht, bevor die eigentliche Geschichte anfängt ...
Der Film ist über weite Strecken in bläuliche Töne, nächtliche Farben getaucht – auch bei den Innenaufnahmen
Entscheidend war dabei vor allem, den Farbabgleich richtig hinzubekommen. Die kalten, blaustichigen Farben waren uns wichtig, um den Effekt der Tragödie zu verstärken. Fast müssen wir uns beim lieben Gott für dieses Licht bedanken! Manchmal mussten wir lange warten, bis wir genau das Licht hatten, dass wir uns vorstellten. Und anschließend hatten wir dann sehr viel Arbeit mit dem Farbabgleich.
Würden Sie den Film heute noch einmal genauso machen?
Ich glaube, der Film würde noch sehr viel düsterer ausfallen, wenn ich ihn heute drehen würde. Was 2002 bei der Präsidentschaftswahl passiert ist, ist eine echte Tragödie. Auch die Tatsache, dass unser Land keine Perspektive hat, dass keiner ein Zukunftskonzept anzubieten hat, macht mir heute noch größere Sorgen. Die einzigen Gemeinschaften, die heute funktionieren, sind die, die sich abschotten – mit anderen Worten fundamentalistische Gemeinschaften. Ganz gleich, ob Front National, Islamisten oder jüdische Extremisten.

Ihr letzter Film, Le Promeneur du Champ de Mars, unterscheidet sich sehr stark von ihren vorausgegangenen Filmwerken
Er ist formal ganz anders. Es ist ein Film, der sich sehr intensiv mit dem Thema der Verkörperung des Sozialismus als Doktrin in der westlichen Welt beschäftigt. Er zeigt dies am Beispiel der Beziehung zwischen einem jungen Mann und einem alten Mann, der im Sterben liegt. Im Grunde ist er daher nicht einmal so weit entfernt von meinen anderen Filmen. Der Unterschied liegt lediglich im Formalen.

Erstellt: 16-09-05
Letzte Änderung: 16-09-05