Man wird die Bilder nicht los
Zwei Frauen. 31 und 75, aus Berlin und aus Hamburg. Die eine ist eine bemerkenswerte Schauspielerin, die andere war 1962 Opfer der Hamburger Flut. Im Dokudrama „Die Nacht der großen Flut“ spielt die eine die andere. Das ARTE Magazin sprach mit Christiane Paul und Gerda Brandt über Grenzerfahrungen.
Als 1962 in Hamburg die Deiche brachen, kam es zur Katastrophe. Raymond Leys berührendes Dokudrama „Die Nacht der großen Flut“ erzählt von individuellen Schicksalen. Christiane Paul verkörpert im Film die junge Gerda Brandt – ihre bisher schwierigste Rolle, sagt sie.
ARTE: Frau Paul, was haben Sie gedacht, als Sie Anfang September die Bilder der Hurrikan-Katastrophe in den USA sahen?
Christiane Paul: Die Situation in New Orleans ist in gewisser Weise vergleichbar mit der Hamburger Flut von 1962 – natürlich in ganz anderen Ausmaßen. New Orleans liegt zu großen Teilen unter dem Meeresspiegel und ist einfach vollgelaufen, wie eine Schüssel. So wie die Behelfsheimsiedlung, in der die Brandts wohnten.
ARTE: In Raymond Leys Dokudrama „Die Nacht der großen Flut“ spielen Sie die 31-jährige Gerda Brandt. Wie ist es Ihnen gelungen, sich Ihrer Rolle zu nähern?Christiane Paul: Ich habe mir die Interviews angeschaut, die der Regisseur mit den Zeitzeugen geführt hat, habe einiges über die Sturmflut gelesen, mir Fotos und auch eine Dokumentation angesehen. Und ich habe mich mit Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt, um zu begreifen, was jemand wie Gerda Brandt eigentlich erlebt hat. Schließlich habe ich sie persönlich getroffen. Insgesamt war es eine sehr umfangreiche Vorbereitung.
ARTE: Was hat Sie an Gerda Brandt beeindruckt?
Christiane Paul: Dass sie sich trotz aller Schicksalsschläge etwas sehr Positives und Lebensbejahendes erhalten hat. Obwohl sie den Zweiten Weltkrieg erlebt hat, war es die Flut, die sie traumatisiert hat. Ihr Mann wurde danach schwer krank, sie hat ihn lange gepflegt, und dann ist auch noch ihr Sohn sehr jung verstorben. Trotzdem ist sie ein sehr positiver, warmer und offener Mensch geblieben, noch immer mit einem gewissen Schalk.
ARTE: „Die Nacht der großen Flut“ war Ihr erstes Dokudrama. Zeitzeugenberichte und Spielszenen wechseln sich ab – ein umstrittenes Genre. Wie stehen Sie zu dieser Art, Geschichte zu inszenieren?
Christiane Paul: Eigentlich interessiert mich Fiktion mehr, und wenn es um historische Fakten geht, sehe ich mir eher eine Dokumentation an. Aber unser Film hat es geschafft, mich in seinen Bann zu ziehen und mich für das Genre Dokudrama zu begeistern. Vor allem die Zeitzeugen haben mich berührt. Hier berichten Menschen sehr eindrucksvoll vor der Kamera, was ihnen damals widerfahren ist. Und durch die Spielszenen wird das Erzählte lebendig. So kann das Dokudrama eine Möglichkeit sein, auf spannende Weise Zeitgeschichte zu vermitteln.
ARTE: Hat sich Ihre Arbeit als Schauspielerin in dem Dokudrama von Ihrer Arbeit in einem rein fiktionalen Film unterschieden? Christiane Paul: Ganz pragmatisch gesehen, hat man im Vergleich zum konventionellen Film weniger Drehtage. Aber dann war da meine Angst: Wie gehe ich mit einer Figur um, die wirklich existiert? So habe ich mich zunächst intensiv mit Frau Brandt beschäftigt, habe versucht, herauszufinden, was für ein Mensch sie ist. Gerda Brandt hatte eine ungeheure Lebensfreude! Sie war mit ihrem Mann auch mal einen trinken, dann haben sie die Nacht durchgefeiert. Anfang der 60er Jahre hatten sie sich in materieller Hinsicht gerade wieder berappelt. Gerda hatte einen angesehenen Job in einer kleinen Fabrik, sie war eine, die gesagt hat, wo’s lang geht. Sie konnte sehr willensstark und energisch sein. Aber letztlich ist die Filmfigur meine Interpretation von Gerda Brandt. Um meine eigene Figur zu spielen, musste ich mich von der realen Person wieder trennen. Meine bisher schwierigste Rolle.
ARTE: Welche Szenen fielen Ihnen besonders schwer?
Christiane Paul: Die Szene auf dem Dach – als sich Gerda Brandt für das Leben ihres älteren Jungen und gegen ihre acht Monate alte Tochter entscheidet –, aber auch das Wiedersehen mit ihrem Mann bei den Sanitätern nach der Rettung. Diese Szenen waren sehr schwierig, da ging es um existenzielle Entscheidungen in einer lebensbedrohlichen Situation – wie spielt man das?
ARTE: Gerda Brandt entscheidet geradezu strategisch, wer überleben soll. Sie sind selbst Mutter einer dreijährigen Tochter, können Sie ihr Handeln verstehen?
Christiane Paul: Das ist schwierig, ich war nie in einer vergleichbaren Situation. Aber ich denke, dass man in so einem Moment intuitiv handelt und auch das Richtige tut. Ich glaube, Gerda Brandt hat richtig gehandelt. Mit ihrer Klarheit hat sie letztlich ihre Familie durchgebracht.
Das Gespräch führte Maike van Schwamen
Christiane Paul, geb. 1974 in Berlin, hatte ihre erste Hauptrolle 1991 in „Deutschfieber“. Sie spielte u.a. in: „Im Schwitzkasten“ (2004), „Väter“ (2001), „Im Juli“ (1999), „Knockin’on Heaven’s Door“ (1996), „Das Leben ist eine Baustelle“ (1995) und erhielt u.a. die Goldene Kamera und den Bayerischen Filmpreis.
Interview mit der Zeitzeugin Gerda Brandt
ARTE: Frau Brandt, wie kamen Sie zu Ihrer Rolle in dem Dokudrama „Die Nacht der großen Flut“?
Gerda Brandt: In einer Anzeige im „Hamburger Abendblatt“ wurden Zeitzeugen gesucht. Da habe ich spontan zum Telefonhörer gegriffen.
ARTE: Christiane Paul spielt die Gerda Brandt im Film als eine sehr lebensfrohe und resolute Frau …
Gerda Brandt: Resolut! Das ist absolut richtig.
ARTE: Sie bezeichnen sich selbst im Film als „Löwin meiner Kinder“. Man hat das Gefühl, Sie hätten geradezu strategisch für die Rettung Ihrer Kinder gekämpft …
Gerda Brandt: Ja, das stimmt. Ich habe auch nach der Rettung, das ist im Film nicht zu sehen, meine Familie auf verschiedene Orte verteilt, so waren alle versorgt.
ARTE: Nach der Rettung der Familie sagt Gerda Brandt im Film „Alles geht den Bach runter“. Der Traum des Wirtschaftswunders war geplatzt. Wie lange hat es gedauert, bis Sie Ihren Optimismus wiederfanden?
Gerda Brandt: Das hat lange gedauert. Man merkt erst hinterher, was für ein Paradies man verloren hat. Wir hatten es nicht leicht da draußen, nach dem Krieg in der Behelfsheimsiedlung. Es waren harte, nasse Winter. Und trotzdem, man konnte sich aufeinander verlassen. Wir hatten eine gute Nachbarschaft, das war gewachsen aus der Nachkriegszeit. Wir lebten in einer kleinen Puppenstube, haben gespart und nach und nach angeschafft, was wir brauchten. Bald wären wir komplett gewesen, hätten ein sorgenfreies Leben gehabt.
ARTE: Sie mussten in jener Nacht mit ansehen, wie Ihre Tante ertrank, ohne dass Sie ihr helfen konnten. Wie sind Sie diese Bilder wieder losgeworden?
Gerda Brandt: Richtig los wird man sie nie. Man kann sie abrufen, sie sind im Gehirn verankert. Nachdem ich gestern Abend zum ersten Mal den Film gesehen habe, war ich auch heute Nacht nur bei der Flut. Ich bin aufgewacht, habe daran gedacht, habe geträumt, war dabei. Obwohl ich selbst mit mir geschimpft habe: Es ist vorbei und du hast schlimmere Nächte erlebt. Schlaf endlich richtig!
ARTE: Was haben Sie gedacht, als Sie die Bilder aus New Orleans gesehen haben?
Gerda Brandt: Nicht zu fassen, was dort passiert ist – es wurde ja lange vorher gewarnt! Diese Kaltschnäuzigkeit, mit der die US-Regierung mit den Menschen dort umgeht … Das ist die eigentliche Katastrophe!
ARTE: Fühlen Sie sich heute sicher in Hamburg?
Gerda Brandt: Es wurde viel getan. Die Deiche sind tüchtig erhöht worden und es gibt Fluttore. Trotzdem: Da unten würde ich nicht wieder wohnen wollen. Auf dem Deich schon, aber nicht da unten. Letztendlich … hundertprozentige Sicherheit gibt es nirgends.
Das Gespräch führte Maike van Schwamen
Gerda Brandt wurde 1930 in Hamburg geboren. Sie heiratete jung und lebte nach dem Krieg mit ihrer Familie in einer Behelfsheimsied-lung auf der Elbinsel Wilhelmsburg in Niedergeorgswerder. In der Nacht der Sturmflut von 1962 verlor sie ihre Tante und ihr Zuhause. Ihren Mann, der 1976 verstarb, bezeichnet sie als ein „spätes Flutopfer“.
ARTE Plus:
Die Hamburger Sturmflut von 1962: Hamburg 16./17. Februar: Die Stadt wird von einer schweren Sturmflut überrascht; die Deiche werden überströmt und brechen an über 60 Stellen; große Teile der Elbniederungen werden überflutet, ein Sechstel des Hamburger Stadtgebiets steht unter Wasser; 100.000 Menschen sind von den Wassermassen eingeschlossen, 315 sterben in den Fluten. Mit dem ersten Einsatz der Bundeswehr für zivile Zwecke schreibt der junge Innensenator Helmut Schmidt Geschichte.






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