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China: Gesellschaft

In einer vierteiligen Dokumentation zeichnen Philip Short et Adrian Maben das Porträt eines Mannes, der China von mittelalterlichen Strukturen befreit hat, (...)

China: Gesellschaft

02/09/09

Chinas Kinder unter Druck

Pekings Polizei fährt Extraschichten. Im Visier der Fahnder: Lärmende Baustellen. Ein Sondererlass der Regierung schreibt vor, dass in dieser Nacht in ganz China Ruhe herrschen muss. Der Grund dafür ist das chinesische Zentralabitur am nächsten Morgen. Chinas Schüler müssen schlafen; Millionen Wanderarbeiter, die täglich in Chinas Boom-Metropolen pilgern, legen eine Zwangspause ein.

Shuo macht trotz der ungewohnten Stille in Peking kein Auge zu. Seit Monaten lernt er Tag und Nacht für das „Gaokau“, das chinesische Abitur. Die Durchfallquote liegt bei 50 %, für 3 Millionen Jugendliche ist es einer der wichtigsten Tage im Leben. Denn nur wer diese Prüfung besteht, bekommt einen der begehrten Studienplätze. Es ist ein Tag voller Anspannung und Hoffnung, auf den auch die meisten Eltern 18 Jahre lang hingearbeitet haben.

Nichts wird dem Zufall überlassen. Sobald die Pekinger Schulbehörde eine Woche vor dem entscheidenden Tag die Prüfungsorte bekanntgegeben hat, besichtigen Shuo’s Eltern die Klassenräume, in dem ihr Sohn die wichtigste Prüfung seines Lebens bestreiten wird, und buchen, wie Tausende andere Eltern auch, ein Hotelzimmer, in dem er in der Mittagspause die nötige Ruhe finden soll. All ihr Erspartes haben die Tians in die Ausbildung ihres Sohnes investiert.

Gemeinsam verdienen sie knapp 500 Euro im Monat, das gesamte Gehalt der Mutter geht an Nachhilfelehrer für den Sohn. Auf dem Spiel steht ihre gesamte Existenz, denn fällt der Sohn durch das Abitur, haben auch sie vor der Familie, den Nachbarn, den Freunden das Gesicht verloren. Für Chinesen ein Albtraum!

"Schnell und effizient wie ein Computer"
© NDR
Nirgendwo sonst auf der Welt investieren Eltern soviel Zeit, Mühe und Geld in die Bildung ihrer Kinder. In China ist der Konkurrenzkampf riesig, die Jagd um die besten Noten beginnt bereits im Kindergarten – noch ahnt die dreijährige Tong Tong nicht, was auch ihr einmal bevorsteht. Sie ist noch nicht ganz wach, da werden beim Waschen schnell ein paar Englischvokabeln abgefragt. Tong Tongs ehrgeizige Mutter gönnt der Kleinen keine Pause. Die Familie aus Pekings reicher Oberschicht investiert pro Monat 2000 Euro in die Bildung ihrer Tochter.

Im Elitekindergarten „Goldene Wiege“ pauken die Dreijährigen bereits den Stoff der ersten Klasse, neben chinesischen Schriftzeichen stehen auch Englisch und Mathematik auf dem Lehrplan. Zum normalen Spielen bleibt in dieser Lernfabrik keine Zeit, eine unbeschwerte Kindheit gilt vielen ehrgeizigen chinesischen Eltern als reine Zeitverschwendung. "Schnell und effizient wie ein Computer", so wünscht sich auch der Gründer der Kindergartenkette die künftige Generation: „Wir wollen keine 2’86 PCs mehr. Die sind zu langsam, stürzen ständig ab. Wir wollen Kinder, die wie ein Pentium Prozessor funktionieren“.

Die Medaillenhoffnungen von morgen
© NDR
Große Hoffnungen lasten auch auf den Kindern, die sich in einem der chinesischen Sportinternate quälen. In Xiantao, 500 Kilometer westlich von Peking, quält sich der achtjährige Jin schon vor dem Frühstück. Höchstleistungen mit leerem Magen sind hier Alltag: 3 Stunden hartes Training und 6 Stunden Schule stehen täglich auf dem Programm.

Totale Disziplin ist oberstes Gebot, das Niveau ist hoch, im Klassenraum wie in der Turnhalle: Jin und seine Klassenkameraden fügen sich dem strengen Regiment, sie empfinden es als eine Ehre, Teil der 400 000 ausgewählten Kinder zu sein, die in Talentschmieden wie dieser gedrillt werden. Immerhin sind sie Chinas Medaillenhoffnungen von morgen und leiden für Ruhm und Ehre des Vaterlands. Und auch in diese Ausbildung setzen die Familien oft ihre ganze Hoffnung –und Ersparnisse.

Gewinner und Verlierer
Die Modernisierung Chinas und der enorme Wirtschaftsboom spalten das Milliardenvolk in Gewinner und Verlierer. Wer dem schulischen Leistungsdruck, dem knallharten Konkurrenzdenken nicht standhält, gilt als Verlierer. Die Flucht in virtuelle Realitäten ist eine der Möglichkeiten, der Last des Alltags zu entkommen. Bereits jeder achte Chinese ist internetsüchtig, vor allem betroffen sind männliche Jugendliche.

So auch Xing: Im Therapiegespräch gesteht der schüchterne Junge seinem Arzt, das Internet sei der einzige Ort für ihn gewesen, wo niemand etwas von ihm erwartet habe. Ohne seinen Computer fühlt er sich verloren. Aber auch hierfür gibt es eine Lösung. In eigens dafür eingerichteten Entzugsanstalten können sich die jungen Männer therapieren lassen, Pekings Militärkrankenhaus Nummer 7 setzt wie viele andere Einrichtungen auf medikamentöse Behandlung und militärischen Drill.

Im kommunistischen China ist gute Bildung Luxus
© NDR
Auch Xiao Yan gehört wohl zu den Verlierern. Wie viele andere Mädchen auf dem Land musste die Elfjährige schon früh erwachsen werden. Seit ihre Mutter Wanderarbeiterin ist, ist sie daheim für den Haushalt zuständig. Eine mühsame Angelegenheit, denn in dem abgelegenen Dorf im Süden Chinas gibt es weder Strom noch Wasser. Bereits vor der Schule jätet sie Unkraut und bereitet das Frühstück für die gesamte Familie zu, eingelegte Gurken mit Reis.

Die Kleine ist wissbegierig und träumt von einer Ausbildung, doch Xiao Yans Familie lebt noch wie im Mittelalter und in China sind Mädchen auf dem Dorf bis heute nicht viel Wert. Das Geld der Familie reicht nur, um ein Kind auf die höhere Schule zu schicken, und die Wahl wird wohl auf den kleinen Bruder Xiao Yun fallen, ganzer Stolz des Vaters.

Noch aber freut sich die Elfjährige auf den Unterricht, einzige Abwechslung in ihrem arbeitsreichen Alltag. In der kilometerweit entfernten Dorfschule gibt es vier Klassen mit insgesamt 200 Schülern verschiedenster Altersgruppen. Auch wenn die Kinder gerne kommen, kann das Unterrichtsniveau nicht mit dem in der Stadt mithalten.

Gute Bildung ist im kommunistischen China nach wie vor kommerzieller Luxus. In China leben fast 120 Millionen Analphabeten, Tendenz steigend. Eine Ursache hierfür liegt darin, dass viele Eltern auf dem Land ihre Kinder früh von der Schule nehmen, damit sie zuhause helfen können. Ein Schicksal, mit dem sich wohl auch Xiao Yan abfinden muss.

Erstellt: 27-06-08
Letzte Änderung: 02-09-09