Schriftgröße: + -
Home > Welt > Psychisch krank im Job

Die überforderte Gesellschaft

Für immer mehr Menschen wird der ganz normale Alltag zur Qual. Arbeitsverdichtung, fehlende Perspektive und Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes führen zu Stress und manchmal eben auch zu totaler Erschöpfung.

> Chat

Die überforderte Gesellschaft

Für immer mehr Menschen wird der ganz normale Alltag zur Qual. Arbeitsverdichtung, fehlende Perspektive und Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes führen zu (...)

Die überforderte Gesellschaft

30/03/12

Chat


Am 20. März 2012 bietet ARTE ab 21.00 bis 22.30 Uhr einen Chat mit Prof. Dr. Johannes Siegrist an. Er hat sich als Medizinsoziologe vor allem mit gesundheitlichen Folgen von ungleicher und ungerechter Behandlung sowie fehlender Anerkennung auseinandergesetzt.


Vielen Dank für das große Interesse an unserem Chat. Es blieben noch einige wichtige Fragen offen, die Herr Siegrist im Nachhinein bearbeitet hat. Lesen Sie hier seine Antworten, die nach Themengebieten gegliedert wurden:


Was kann man als Partner / guter Freund eines / einer Betroffenen tun? Kann man in einem solchen Fall überhaupt helfen?

Frage: Habe Burnout erfolgreich überstanden und habe jetzt eine liebe Kollegin, die in ein Burnout gerutscht ist und trotzdem zur Arbeit kommt. Wie kann ich ihr behutsam helfen, dass sie den Mut aufbringt, sich eine Auszeit zu nehmen? (marianne 20 März 23:33)
Antwort von Prof. Siegrist: Sind Sie nicht selbst ein gutes Vorbild für Ihre Kollegin? Hat sie ihr Problem schon einmal mit einem Arzt oder einem anderen verständnisvollen Therapeuten besprochen? Schafft sie eventuell aus eigener Kraft, ihre Erschöpfungskrise zu überwinden?

Frage: Wie geht man mit einem Partner um, der Burnout hat und einen komplett zurückweist? (Nick 20 März 23:33)
Antwort von Prof. Siegrist: Wenn trotz einer guten Beziehung die Zurückweisung ‚komplett’ ist, hilft am ehesten ein gemeinsames Beratungsgespräch bei einem Therapeuten.

Frage: Hallo! Zwei mir nahestehende Personen leiden unter Burnout (diagnostiziert): Mein Arbeitskollege im Büro und mein Bruder, welcher zwar Medikamente nimmt, aber trotzdem schwere Depressionen hat und zeitweise auch suizidale Gedanken... Wie kann ich betroffenen Personen am besten helfen? Gibt es hierzu Tips oder entsprechende Seiten im Netz? Kann man als "Außenstehender" überhaupt helfen??? (Daniela 20 März 23:36)
Antwort von Prof. Siegrist: Wer unter schwerer Depression mit suizidalen Gedanken leidet, benötigt eine psychiatrisch-fachärztliche Behandlung, möglichst bestehend aus einer Kombination von medikamentöser Therapie und Psychotherapie. Für Angehörige gibt es Selbsthilfegruppen mit vielfältigen Hilfestellungen. ARTE kann Internet-Adressen vermitteln.

Frage: Mein Partner hat Burnout. Wir haben seit 6 Jahren eine Fernbeziehung. Seit er erkrankt ist, will er mich nicht sehen und zieht sich auch emotional von mir zurück. Wir telefonieren aber meistens jeden Tag zusammen. Aber vielfach ist es so, dass alles was ich sage falsch ist. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll? (Elvira 20 März 23:37)
Antwort von Prof. Siegrist: Nochmals: ‚Burnout’ ist keine Krankheit, sondern ein kritischer Zustand der Erschöpfung infolge zumeist arbeitsbedingter Überforderung. Vielleicht gelingt es Ihnen, das Gespräch auf Schwierigkeiten im Beruf oder aber Verhaltensweisen des Partners, die ein burnout verstärken, zu bringen. Wenn er jedoch nicht bereit oder in der Lage ist, über seine Schwierigkeiten und eigenen Emotionen mit Ihnen zu sprechen, können Sie ihn hoffentlich dazu bewegen, therapeutische Hilfe aufzusuchen.

Frage: Wie geht man mit einem Burnout erkrankten Partner um, wenn er einen zurückweist und wegen seines Selbsthasses verlassen will? (Nick 20 März 23:38)
Antwort von Prof. Siegrist: Siehe meine Antwort zu Elvira, 20. März 23.37.

Frage: Guten Abend, Herr Prof. Siegrist, mein Partner wurde über Jahre wegen einer bipolaren Störung mit Lithium behandelt. Wegen unerwünschter NW wechselte er die Medikation. Durch einige einschneidende Ereignisse ( beruflich ) wurde eine Manie ausgelöst, nach der er Arbeit ( Arzt in Führungsposition ), Führerschein, Freunde, etc verlor. Ich nahm ihn nach Abklingen der Manie bei mir auf. Er rutschte in die Depression, wehrte jede mögliche positive Entwicklung und bewusste Gedankenarbeit ab. Sein Vater bewirkte, ihn zu sich zu nehmen und ihn in einer Klinik zur Behandlung unterzubringen, was er bislang ablehnte. Dort versuchte er einen Suizid und ich veranlasste 600 km entfernt die Notversorgung durch den Rettungsdienst und somit Einlieferung in eine geschützte psychiatrische Abteilung. Nun ist er seit 5 Wochen - inzwischen in der offenen Abtlg. - dort, weigert sich aber, an jeglicher Unterstützung zum Aufbau positiver Gedanken und somit Übernahme zur eigenverantwortlichen Bestimmung seines Lebens. Jegliche Anregungen ( immer noch gute Lebensbasis und weiteres Zusammenleben mit der Partnerin, die er angeblich liebt ) in Form reflektierend-analytischer Gespräche, positive Affirmationen und Visualisierungen, Meditation, etc, sogar auch provokative Maßnahmen wurden bisher von ihm nicht angenommen....im Gegenteil...es scheint, als ob er mit all seinen Widerständen ( typischer Satz: Ich will ja, aber ich kann nicht ) seine "geschützte Hospitalisierung " pflegt und lieber einen langsamen seelischen Tod sterben möchte als wieder Verantwortung für sein Leben ( wenn auch hier und da mit Hindernissen, aber auch allen schönen Anteilen ) zu übernehmen. Mir scheint, dass er aus dieser "ich bin so hilflos" Tour einen gewissen Profit für sich herauszieht, was vielleicht mit Macht und Kontrolle über andere zu tun hat. Um mich selbst zu schützen, habe ich mich jetzt ganz von ihm distanziert ( was er angeblich nicht will ). Er tut gar nichts, um die Beziehung zu retten....er kommt mir gar nicht entgegen. Was kann ich noch tun, selbst wenn unsere Beziehung nicht mehr zu retten ist, er aber für sich wieder Zugang zum Leben findet, das Leben wieder zulässt? Vorab herzlichen Dank für eine eventuelle Antwort. (rescuebee 20 März 23:44)
Antwort von Prof. Siegrist: Da ich kein Therapeut bin, kann ich Ihnen nicht wirklich einen fundierten Rat geben, außer der persönlichen Meinung, dass Ihr –temporärer- Rückzug wahrscheinlich eine gesunde Reaktion darstellt. Ihr Partner muss letztlich mit eigener Anstrengung und ärztlicher Hilfe aus dieser Schwierigkeit herausfinden.

Frage: Alle sprechen von den Betroffenen mit Burnout. Wie ist es eigentlich mit den Angehörigen? Das ist auch ganz schwer mit so einem Partner. Man kann nur alles falsch machen. Hat da jemand einen Ratschlag für mich? (ulrike 20 März 23:44)
Antwort von Prof. Siegrist: siehe meine Antwort zu Elvira, 20. März 23.37.

-------

Was kann man tun, wenn man beruflich selbständig ist und von Burnout betroffen? Wer finanziert eine Kur? Und wie soll man sich überhaupt eine Auszeit nehmen, da man in dieser Zeit viele Aufträge verliert?

Frage: Bin selbständig! Wer finanziert mir eine Kur? Bin ich lange weg, verliere ich Aufträge. Mache ich mit Privatleben und Arbeit so weiter, bin ich irgendwann hin. (Gil 20 März 23:32)
Antwort von Prof. Siegrist: Zunächst würde ich kritisch prüfen, was sich in letzter Zeit in der Arbeitssituation geändert hat. Haben Sie vielleicht zu viele Aufträge angenommen? Konnten Sie die notwendige Entspannung nicht mehr erreichen? Ist der Leidensdruck jetzt so groß, dass aus Ihrer Sicht nur eine Kur (und welche?) hilft? Sind alle andern Ansätze der Selbsthilfe oder der ambulant-therapeutischen Unterstützung schon geprüft worden? Im Übrigen beteiligt sich m. W. auch eine private KV an den Kosten einer Reha-Maßnahme, wenn ein ärztliches Attest vorliegt.

Frage: Ich habe seit kurzem die Diagnose: hyperkinetisches Herzsyndrom. Ich vermute, das ist ein Resultat von den Jahren davor. Depressionen, Burnout. Ich bin ratlos - bin noch jung...nochmal eine Verhaltenstherapie? Bin selbstständig und kann nicht wirklich weniger arbeiten. Mache mir den Druck selber. Übernimmt die DAK auch Kururlaube? Und wie oft kann man Therapien in Anspruch nehmen auch als Selbstständiger? (col 20 März 23:38)
Antwort von Prof. Siegrist: Ich bin kein Therapeut und kann Ihre Schilderung nicht bewerten. Vielleicht gelingt es Ihnen doch, Ihre Arbeitssituation und Ihre eigene Einstellung zur Arbeit zu überprüfen? Arbeit ist wichtig, aber sie soll nicht das eigene Leben gefährden. Zu den Kurlauben geben die Beratungsstellen der Kassen sicher kompetente Auskünfte.

Frage: Ich bin bereits seit ein paar Monaten in psycho-therapeutischer Behandlung, vor zwei Wochen kam der Vorschlag der Therapeutin: Klinikaufenthalt!! Jetzt habe ich Angst, ich kann mir das finanziell gar nicht erlauben, ich bin selbständig und bin gar nicht abgesichert ... wer ist da zuständig? Wer übernimmt meine Unterhaltskosten? Soweit ich weiß, zahlt die Krankenkasse erst nach sechs Wochen ... (jella 20 März 23:39)
Antwort von Prof. Siegrist: An Ihrer Stelle würde ich Ihre Befürchtungen mit Ihrer Therapeutin besprechen. Außerdem geben die Beratungsstellen der Krankenkassen kompetente Auskünfte. Wenn Siue bez. Klinikaufenthalt ganz unsicher sind, können Sie sich eventuell eine fachärztliche Zweitmeinung einholen.



Wo bekommt man kompetente und vor allem schnelle Hilfe? Oft muss man lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Wer vermittelt Betroffene? Wer ist überhaupt zuständig?

Frage: Wo bekommt man schnelle und kompetente Hilfe?? (markus 20 März 21:58)
Antwort von Prof. Siegrist: Das kann ich so allgemein nicht beantworten. Wenn schwere depressive Symptome vorliegen, ist ein rascher Arztbesuch erforderlich. Bei leichteren Beschwerden kann manchmal schon der Freundeskreis oder eine vertrauenswürdige Person am Arbeitsplatz weiterhelfen.

Frage: Im Sept. 2011 bin ich einfach zusammengebrochen! Nichts ging mehr! Körperliche und geistige Ausfallerscheinungen. es hat sich über Jahre "angekündigt". Meine neue Hausärztin hat reagiert und mich krankgeschrieben. Der Arzt davor hatte 5 Jahre "nur" gute Ratschläge. Den neuen Job habe ich in der Probezeit verloren. Mittlerweile bekomme ich Fluoxetin UND Fluanxol, bin arbeitslos und Mutter einer 5jährigen Tochter. Einen Termin beim Psychologen habe ich im August 2012!!!!!!!!!!!!! Das Arbeitsamt drängt mich zu Bewerbungen aber ich kann mich gar nicht überzeugend darstellen. Das Müttergenesungswerk hat mir telefonisch Unterstützung gegeben, aber eine weitere AU bringt das nicht. Der Neurologe meint, er könne mich nicht krankschreiben, da ich keinen Job habe. 3h/Tag könne ich arbeiten. Kann ich nicht! Trotz der Medikamente gibt es Tage, an denen gar nichts geht. Im Prinzip bin ich alleinerziehende Mutter von 2 Kindern: a) meiner Tochter und b) ihrem Vater. Wo kann ich schnell Hilfe finden?????? (biblu 20 März 22:16)
Antwort von Prof. Siegrist: Da ich kein Therapeut bin, kann ich keinen zuverlässigen Rat geben. Eigentlich haben Sie die richtigen Anlaufstellen bereits in Anspruch genommen. Versuchen Sie es weiter. Nebenbei bemerkt: Für den erwachsenen Vater Ihrer Tochter müssen Sie sich aus meiner Sicht nicht verantwortlich fühlen, Belasten Sie sich nicht zusätzlich mit diesen Erwartungen an sich selbst.

Frage: Guten Abend, es hat mich sehr gefreut, Ihre Rede zu hören...ich habe neulich auch die selben Gedanken ausgesprochen....das Problem liegt in der Gesellschaft....Sozialpolitik...ich habe ca. seit einem Jahr Burnout...ich höre nur immer, man sollte was ändern..ja, mag sein, aber was bringt es, wenn alles andere beim alten bleibt? Selbst in einer Therapie gibt s Zeitdruck, voll überterminiert alles... Wie kann man so eine Therapie aufbauen und so, dass ein Burnout Patient mit anderen z.B. Essgestörten zusammengepackt wird...passt doch nicht. Wie kann ich eine Therapie speziell für Burnout finden? Und WANN? Danke (eine betroffene 20 März 22:45)
Antwort von Prof. Siegrist: Nochmals: Burnout ist keine Krankheit, sondern ein kritischer Erschöpfungszustand, der meist Folge einer längeren beruflichen Überforderung ist. Nur wenn die Symptome schwer und hartnäckig sind, sollte man durch einen kompetenten Arzt abklären lassen, ob eine behandlungswürdige Depression vorliegt. In diesem Fall gibt es gut gesicherte Therapien, die jedoch nicht in Gruppensitzungen gemeinsam mit Patienten mit anderen Krankheitsbildern bestehen. Erkundigen Sie sich über kompetente therapeutische Angebote, u.a. auch bei Ihrer Krankenkasse.

Frage: Wie finde ich einen Therapieplatz? Ich habe schon mehrere Therapeuten angerufen diese nehmen keine Patienten mehr an!? (Janina 20 März 23:08)
Antwort von Prof. Siegrist: Schnell einen Therapieplatz zu finden, ist leider wegen der großen Nachfrage ein strukturelles Problem. Es hängt aber von der Schwere der Symptomatik ab, wie schnell man Hilfe erhalten kann. Haben Sie Ihre Kasse um Mithilfe bei der Suche gebeten? Haben Sie eine Überweisung vom Hausarzt zu einer fachärztlichen Behandlung erhalten? Haben Sie sich über die verschiedenen Netzwerke und Selbsthilfegruppen über Angebote erkundigt?

Frage: Gute und schnelle Hilfe gibt‘s doch nur für Promis, die sich mit einem fetten Bankkonto mal bequem eine Auszeit leisten können. Unsereins wird von den gesetzl. Krankenkassen als Simulant hingestellt. (markus 20 März 23:37)
Antwort von Prof. Siegrist: Siehe meine Antwort zu Janina 20 März 23.08. Die gesetzlichen Krankenkassen tun eine Menge, um möglichst allen Versicherten die Hilfe zu gewähren, die sie brauchen.



Wie kommt man an das Cogmed-Computertraining (Gedächtnis-/Konzentrationstraining)? Wo wird es angeboten?

Frage:Nach einem Burnout vor 2 Jahren arbeite ich wieder 6 Std. tgl. in einem sozialen Beraterberuf. Beim Film vorhin sprang mich das angesprochene Problem der Konzentrationsschwierigkeiten und speziell der mangelnden Merkfähigkeit an, das mich aktuell zunehmend betrifft und das ich mit der Stress- oder Burnout Problematik so nicht (mehr) in Verbindung gebracht habe. Das angesprochene Cogmed Training klang sehr interessant. Wie und wo ist es möglich, dieses Programm zu absolvieren? (Sozi52 20 März 23:04)
Antwort von ARTE: In Deutschland gibt es eine Praxis für Verhaltenstherapie in München, die es anbietet: www.cogmed.com. Für weitere Informationen siehe auch: http://www.cogmed.com/deutsch bzw. http://www.cogmed.com/francais.

Frage: @Prof. Dr. Johannes Siegrist: In dem Beitrag wurde ein Bsp. über Konzentrationsprobleme und ihre Behandlungsmöglichkeiten gezeigt. Wo bekomme ich weitere Informationen darüber? (Mel.P 20 März 23:32)
Antwort von ARTE: Siehe die Antwort zu Sozi52 20 März 23:04

Frage: Hallo, wie komme ich an das erwähnte Cogmed Gedächtnistraining? (Daniel 20 März 23:36)
Antwort von ARTE: Siehe die Antwort zu Sozi52 20 März 23:04

Frage: Ich interessiere mich für das Trainingsprogramm " cogmed". Kann man es im Internet gratis finden? (rebecca 20 März 23:39)
Antwort von ARTE: Siehe die Antwort zu Sozi52 20 März 23:04



Was halten Sie von Kunsttherapie?

Frage: Die Wartezeiten auf leistbare Hilfe sind eine Zumutung. Das System kollabiert und wir sehen zu. was halten sie von Kunsttherapie? (claudia 20 März 23:35)
Antwort von Prof. Siegrist: Es stimmt, dass Wartezeiten bei ambulanter psychotherapeutischer Behandlung leider ein strukturelles Problem sind. Allerdings erfordert nicht jede psychische Problemlage eine Psychotherapie. Kunst- und Musiktherapie kann eine sinnvolle Lösung sein, allerdings wäre auch in diesem Fall zuvor eine ärztliche Abklärung ratsam.



Wie kann man Burnout vorbeugen?

Frage: Nachdem ich nun mehr zufällig diesen Themenabend sah, stellt sich für mich die Frage, wie ich der Falle entgehen kann. Ich bin Student in einem Studiengang in einer Universität, die zu den besten in meinem Fach in Europa zählt. Die Sendung habe ich nur zufällig gesehen, "da ich ja leider für so einen kleinen lästigen Tumor mein Laufrad anhalten musste. Krebs? Dafür habe ich keine Zeit! Drei Tage Krankenhaus müssen reichen.“ (Student 20 März 23:38)
Antwort von Prof. Siegrist: Nutzen Sie die Chance, an einer sehr guten Universität studieren zu können. Wenn Sie nicht schwer krank sind, haben Sie aus meiner Sicht keinen Grund zu Pessimismus.

Frage: Ich bin Student und arbeite neben dem Studium als Freiberufler. Wenn ich die Zustände auf dem Arbeitsmarkt beobachte, bekomme ich Panik überhaupt einen geeigneten Beruf als Einstig zu finden. Ich möchte nicht die gleichen Fehler begehen und mich branchenüblich "verheizen" lassen. (chriz 20 März 23:38)
Antwort von Prof. Siegrist: Es gibt so viele positive Beispiele, wie man in einem Beruf –erst recht als Akademiker – zufrieden sein kann. Es ist besser, sich daran zu orientieren als an den negativen Beispielen.



Sind Pendler besonders gefährdet? Kann man also den Arbeitsweg als belastenden Faktor ansehen?

Frage: Ist man als Pendler besonders Burnout gefährdet? Muss man den Arbeitsweg für sich selbst als Belastung anerkennen? (Kai 20 März 23:21)
Antwort von Prof. Siegrist: Nein, nicht automatisch. Es hängt von der Dauer und den durch Verkehr geschaffenen Belastungen ab, ob Pendeln die Gesundheit gefährdet. Man kann die Zeit ev. auch produktiv nutzen – Nachrichten und Musik hören, in der Bahn lesen etc. Distanz zwischen Arbeitsplatz und Zuhause kann auch heilsam sein, weil man ‚abschalten’ kann.

Frage: Hallo! Ich arbeite als IT Projektmanager bei einem Software Dienstleister und bin mir nicht sicher ob ich ein Problem habe. In 1-2 Monaten soll ich zum Teamleiter befördert werden, allerdings werde ich seit mindestens 8 Monaten schon so behandelt als wäre es normal, dass ich bereits jetzt alle teamübergreifenden Dinge erledige. Ich gelte als der "Erfahrene" im Vergleich mit den anderen 3 Managern in meinem Büro. Man verlässt sich auf mein Urteil.Obwohl meine Arbeitszeit sich normalisiert hat im Laufe der letzten 12 Monate, fühle ich mich dennoch total gestresst, da ich nur von einer Mail zur nächsten hetze, um meine Arbeit zu schaffen. Es gibt so gut wie keine Ruhepausen und ich empfinde den Alltag als extrem stressig. Nach 8h ca. bin ich sehr oft am Ende meiner geistigen Leistungsfähigkeit. Unliebsame Routineaufgaben schieb ich oft nach hinten, worüber mein Arbeitgeber nicht erfreut ist. Dazu muss ich sagen, dass meine Bezahlung kaum marktgerecht ist und ich pendele am Tag ca. 1,5-2h zur Arbeit. Kann diese Arbeitsverdichtung zu einem Burnout führen? Muss man den Arbeitsweg als "beastenden Faktor" betrachten? (Kai 20 März 23:24)
Antwort von Prof. Siegrist: Zum Arbeitsweg siehe meine Antwort zu Kai 20. März 23.21. Zu „total gestresst“: Günstig wäre, wenn Sie jemanden fänden, der Sie bei der Gestaltung der neuen Führungsrolle berät. Wichtig ist, die Arbeit nach Dringlichkeit strukturieren und bestimmte Dinge auch delegieren zu können.



Kann man von einer psychischen Erkrankung geheilt werden? Oder hat man sie ein Leben lang?

Frage: Sehr geehrter Herr Professor Siegrist, habe ich richtig verstanden, dass eine Überforderung auch zum Ausbruch einer manisch-depressiven Erkrankung führen kann? Kann man von dieser Krankheit geheilt werden, oder wird man sie sein Leben lang behalten? Muss man dann immer Medikamente nehmen? Vielen Dank für Ihre Mühe und freundliche Grüße, M. Blumberg (Marion Blumberg 20 März 23:21)
Antwort von Prof. Siegrist: Es ist kein Naturgesetz, aber wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass eine jahrelange Überforderung bei der Arbeit, vor allem dann, wenn ihr keine angemessenen Belohnungen folgen, das Risiko des Ausbruchs einer depressiven Episode deutlich erhöht. Depressionen sind nach heutigem Kenntnisstand bei kompetenter ärztlicher Behandlung gut therapierbar. Etwa 70 Prozent der Erkrankten sind nach einem Jahr wieder gesund.

Frage: Sind Panik-/ Angststörungen heilbar? Ich bin seit 18 Jahren davon betroffen und in permanenter Behandlung. (Enrico Sch. 20 März 22:01)
Antwort von Prof. Siegrist: Meines Wissens werden Panik- und Angststörungen am ehesten durch kognitive Verhaltenstherapie günstig beeinflusst. Es gibt v.a. an einigen Abteilungen der Klinischen Psychologie an Universitäten Beratungs- und Behandlungsmöglichkeiten, ev. auch in Kliniken der Christoph Dornier-Stiftung.



Wie kann man am besten wieder in den Beruf einsteigen? Wie lange sollte man warten?

Frage: Hatte 2006 Burnout und war ca. 1 Monat im KH. Danach wieder voll gearbeitet und seit 3 Jahren arbeitslos/suchend und habe Angst vor einem Neuanfang, dazu Grübelzwang und z.T. Ängste und nehme Tavor... was kann ich machen, damit ich wieder ins Arbeitsleben komme? (Jan 20 März 22:51)
Antwort von Prof. Siegrist: Wichtig ist, die Angst zu überwinden und Selbstvertrauen zu gewinnen. Dazu benötigen Sie vermutlich therapeutische Hilfe. Erkundigen Sie sich auch nach Kursangeboten oder Begleitung durch therapeutisch geschulte Sozialarbeiter.



Gibt es einen Zusammenhang zwischen Burnout und Prokrastination (Aufschieben von Dingen)? Wenn ja, wie kann man das durchbrechen?

Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Burnout und Aufschieben (Prokrastination)? Wenn ja, wie durchbricht man dies? (sob 20 März 22:40)
Antwort von Prof. Siegrist: Dazu sind mir keine Studien bekannt.



Wie lange dauert es durchschnittlich von der Erkennung des Burnout-Syndroms bis zu einem möglichen Wiedereinstieg in den Beruf (und ins Leben)?

Frage: es wäre schön zu hören, wie lange die Betroffenen benötigt haben von der Erkennung der Erkrankung bis zum Wiedereinstieg in den Beruf oder gar "in die Gesellschaft" (xenia 20 März 22:35)
Antwort von Prof. Siegrist: Wenn es sich bei der Erkrankung um eine ärztlich diagnostizierte Depression handelt, sollte die berufliche Wiedereingliederung möglichst früh in Angriff genommen werde, eventuell schrittweise. Heute gibt es mehrere Hilfestellungen zum beruflichen Wiedereingliederungsmanagement, sowohl von den Kassen wie z. T. auch von den Betrieben. Denken Sie daran, das nach einem Jahr rund 70% der an Depression Erkrankten geheilt sind, wenn sie eine gute ärztliche Behandlung/Betreuung erhalten.



Gibt es spezielle Bewerbungsseminare für Burnout-Patienten?

Frage: Ich habe nach einem Burnout freiwillig meinen Job gekündigt. Sollte ich so etwas bei kommenden Bewerbungen angeben oder lieber nicht? Gibt es spezielle Bewerbungsseminare für Burnoutpatienten? (renate 20 März 23:35)
Antwort von Prof. Siegrist: Hierzu gibt es m. W. keine Verpflichtung, denn Burnout ist keine Krankheit, sondern ein kritischer Zustand der Erschöpfung, meist infolge beruflicher Überforderung. Wenn Sie sich leistungsstark fühlen, sehe ich keinen Grund, bei Bewerbungen auf diese Angelegenheit einzugehen. Bewerbungsseminare gibt es m. W. bei Arbeitsämtern, JobCenters, wohl auch auf dem privaten Anbietermarkt.



In der Doku war die Rede von externen Mitarbeiterberatungen, für die Firmen eine Pauschale zahlen. Wird so etwas gefördert?

Frage: @siegrist: Aber ist das nicht auch wieder eine kurzfristige Maßnahme? Ich gehe mit Ihrer Aussage ja konform, dass sich nicht nur die Strukturen in den Unternehmen ändern müssen, sonder die Struktur in der Gesellschaft, gerade nach eingetretenen Wirtschaftskrisen. Die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen ist ja an sich ein guter Anfang, was mich aber sehr angesprochen hat und auch ein sehr guter Weg ist, sind die externen Mitarbeiterberatungen...dort sprach man von Pauschalen, die die Firmen dort zahlen. Wird das von irgendeiner Seite gefördert? (Nils 20 März 23:39)
Antwort von Prof. Siegrist: Diejenigen Unternehmen, die sich für gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einsetzen, haben hierzu eine große Palette von Möglichkeiten. Externe Beratungs- und Hilfsangebote sind ein solches Instrument, das noch u wenig genutzt wird. Zum Teil zahlen die Krankenkassen solche Leistungen, das kann man verhandeln.



Was kann man als Mutter eines (13-jährigen) Sohnes tun, der an Burnout leidet, wenn die Schule ihn trotz allem zusätzlich unter Druck setzt?

Frage: Ich bin Mutter eines 13 jährigen Sohnes. Der Jugendpsychologe hat eine beginnende Depression mit evtl. Burnout diagnostiziert! Schule ist ratlos. und setzt ihn nur noch mehr unter Druck. Was kann ich als Mutter tun? (hanni 20 März 23:19)
Antwort von Prof. Siegrist: Da ich kein Therapeut bin, kann ich Sie nicht konkret beraten. Eventuell weiß ein Facharzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine weiterführende Lösung.



Wie bekommt man einen Job-Coach (wie in der Doku), der bei einem Wiedereinstieg ins berufliche Leben hilft?

Frage: Bin zurzeit in exakt dieser Situation. Bin OP-Schwester. Wegen schwerer Asthmaerkrankung Rückkehr in meinen alten Job nicht möglich. Arbeitgeber tut sich sehr schwer mit dem Problem, fühle mich sehr hilflos und alleine, auf der Suche nach Alternativen. Wie bekommt man einen Job-Coach? (ina 20 März 23:17)
Antwort von Prof. Siegrist: Hierzu stehen im Prinzip fachlich qualifizierte Sozialarbeiter zur Verfügung. Kranken- und Rentenversicherungen, eventuell auch arbeitsmedizinische Dienste müssten m. W, hier vermitteln können.



Ist es möglich, Burnout nur durch eine Gesprächstherapie zu bekämpfen?

Frage: Nach dem Abitur in diesem Jahr wollte ich in das wahre Leben durchstarten, aber durch eine Anhäufung negativer Ereignisse in den letzten Jahren wurde ich depressiv. Nun funktioniert nichts mehr. Das erste Uni- Semester ist verloren. Statt in der Uni sitze ich nun in einer Selbsthilfegruppe oder trödele durch den Tag. In einer Woche habe ich endlich einen Arzttermin. Ist es überhaupt möglich, ohne die Einnahme von Psychopharmaka aus der Krankheit herauszukommen? Ich musste schon einmal welche einnehmen, allerdings wurde ich dadurch meist noch enttäuschter, weil ich den Sport liebe und ich durch die sedierende Tablettenwirkung weniger Leistung bringen konnte. Ist es also möglich, nur durch eine Gesprächstherapie die Krankheit zu bekämpfen? (Jonas 20 März 22:21)
Antwort von Prof. Siegrist: Ich bin kein Therapeut, aber die Art der Behandlung hängt von der Schwere der Erkrankung ab. Wichtig ist, dass Sie eine kompetente fachärztliche Betreuung finden. Hoffentlich gelingt es Ihnen, die Dinge nicht so negativ zu bewerten. Ein Uni-Semester zu ‚verlieren’, ist kein Drama; Sie können noch alles aufholen!



Helfen Antidepressiva wirklich, um neue Verhaltensweisen zu lernen und zu verinnerlichen? Oder werden körperliche Reaktionen dadurch nur unterdrückt?

Frage: Sehr geehrter Herr Professor Siegrist: Mir wurde in der Klinik gesagt, Antidepressiva wären nötig, um den Schalter im Kopf umzulegen, um neue Verhaltensweisen zu lernen und zu verinnerlichen. Ist das korrekt? Oder werden nur körperliche Reaktionen unterdrückt? (fliegendemelli 20 März 23:43)
Antwort von Prof. Siegrist: Ich bin kein Therapeut, aber bei einer behandlungswürdigen Depression besteht die beste Therapie aus einer Kombination von Psychotherapie und moderner medikamentöser Therapie. Rund 70% der an Depression Erkrankten sind nach einem Jahr wieder geheilt.



Was passiert, wenn eine Depression nicht behandelt wird? Kann man auch ohne Behandlung wieder gesund werden?

Frage: Was, wenn Burnout nicht behandelt wird, weil die Ärzte nicht helfen? (Nadja 20 März 23:36)
Antwort von Prof. Siegrist: Burnout ist keine Krankheit, sondern ein kritischer Erschöpfungszustand, meist infolge beruflicher Überforderung. Es hängt von der Schwere und Dauer der Symptome ab, ob ärztliche Hilfe erforderlich ist. Wenn ja, gibt es gute Aussichten auf Heilung. Ansonsten kann man oft auch Fortschritte erzielen, wenn man seine eigene Arbeitssituation und den eigenen Umgang mit den Anforderungen kritisch überdenkt oder auch mit Vorgesetzten und Kollegen Lösungswege einer verbesserten Arbeitssituation bespricht.

Frage: Was passiert, wenn eine Depression nicht behandelt wird??? Kann man sich selbst daraus manöverieren? (Nadja 20 März 23:44)
Antwort von Prof. Siegrist: Siehe meine Antwort zu fliegendemelli 20 März 23.43 (vorherige Frage).






Erstellt: 12-01-12
Letzte Änderung: 30-03-12