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Jahrhundertaufnahmen Jazz

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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

Charles Mingus: "The Black Saint And The Sinner Lady"

Impulse IMP 11742 (Aufnahme: 1963)


Kreativität aus der Konfrontation
Von Harry Lachner

Jahrhundertaufnahmen des Jazz








Ursprünglich wollte er klassischer Cellist werden. Aber es war seine Hautfarbe, die dem 1922 in Nogales, Arizona geborenen Charles Mingus diese Karriere unmöglich machte. Es blieb der Jazz, es blieb der Baß. Nach etlichen Stationen - bei Kid Ory, Art Tatum, Louis Armstrong, Illinois Jacquet - landete er schließlich im Trio des Vibraphonisten Red Norvo, das er nach dem Album "Move" wieder verließ als er bei für eine Fernsehaufnahme ersetzt werden sollte: Er war der einzige Schwarze im Trio - und Schwarze sah man nicht gern im amerikanischen Fernsehen.
Mingus, seit seiner frühesten Kindheit gegenüber Diskriminierung sensibilisiert, war dies Anlaß genug für den Bruch mit der Jazz-Szene. Er ging wieder Post austragen. Es war Charlie Parker, der ihn wieder zur Musik zurückholte - und von da an entwickelte sich Mingus zu einer der innovativsten, eigenständigsten und auch eigensinnigsten Figuren des modernen Jazz. In seiner Autobiographie "Beneath The Underdog" beschreibt er sich in drei Personen gespalten: den unbeteiligten Betrachter; "das ängstliche Tier", das angreift weil es Angst hat, selbst angegriffen zu werden. Und schließlich jener Sanfte, der sich ausnützen läßt - und der, wenn ihm das bewußt wird, zum Berserker werden kann. Mingus legte immer alles offen: er lebte seine Aggressionen und seine Neurosen unverhohlen aus - um nicht an sich selbst irre zu werden. Er galt als schwierig, cholerisch - und er wußte das. Er suchte die Konfrontation mit seinen Musikern, nicht die Harmonisierung. Und daß er dabei gelegentlich auch übers Ziel hinausschoß und handgreiflich wurde, ist hinreichend bekannt.
Mingus war sich seiner Schwächen, seiner Ausbrüche voll bewußt - er beschrieb sie fast exzessiv penibel in seiner Autobiographie. Mal verklärend, mal im Rahmen einer Privat-Mythologie, meist aber voller Ironie. Die Ironie desjenigen, der um seine Beschädigungen weiß, dem es aber nicht gelingt, sie zu ändern. Tatsächlich wäre es eine schmeichelhafte Untertreibung, Charles Mingus unberechenbar zu nennen. Wie also könnte seine Musik es sein?


Sein - formal an Duke Ellingtons Suiten erinnernde - Großwerk "The Black Saint And The Sinner Lady" erzählt von der anhaltenden Auseinandersetzung zwischen den beiden Polen Unberechenbarkeit und formaler Gestaltung. Mit seinen ständige Finten und Hakenschlägen, den überraschenden Brüchen und abrupten Stilwechseln erweckt Mingus den Eindruck des collagehaften. Tatsächlich fanden die vielen Fragmente der Aufnahme-Sessions ihre letztendliche Form erst am Schneidetisch des Produzenten Bob Thiele.
Die Musik erhält hier eine Dichte, die Mingus zuvor noch nicht erreicht hatte. Sie reflektiert einerseits all die Inspirationsquellen, die er immer wieder neu mal als Zitat, dann wieder als Stil-Pastiche hatte einfließen lassen. Blues und Gospel, der Sound Duke Ellingtons, mexikanische Mariachi-Musik, die europäische Klassik (vornehmlich der französische Impressionismus). Andererseits aber sind all diese Elemente nur Fragmente in seiner eigenen Sprache. Zuweilen ist man an die Sprache des Deliriums erinnert: eine wilde Phantasie aus an- und abschwellenden Erregungszuständen.

Kontrollierte Erregungszustände
Hier schwingen noch seine Erinnerungen an die Gospelekstasen mit, die Schärfe des Blues, die Wut des ewigen Außenseiters. Aber wie bei den Gottesdiensten der Schwarzen, so sollte auch für Mingus Musik eine gemeinschaftsstiftenden Funktion haben - er rührt an die Grundgefühle, treibt sie aber immer noch einen Schritt weiter. Dann wieder tritt - inmitten der kontrollierten Wildheit - die Form in kristalliner Klarheit zutage. Kompositionen von Charles Mingus gleichen immer kleinen Einübungen in den produktiven Selbstwiderspruch. Ganz so als wolle er sich über alles - sich selbst eingeschlossen - lustig machen, bat er seinen Psychiater Dr. Edmund Pollock, einen Text für das Album-Cover zu schreiben. Musikalischer Wahnsinn in klinischer Absegnung. Ordnungsversuche im Chaos der einander widerstrebenden Ordnungen.
"The Black Saint And The Sinner Lady" spiegelt diese produktive Zerrissenheit - jenem übermächtigen Wunsch nach vollständiger Kontrolle und gleichzeitiger, individualistischen Freiheit seiner Musiker. Mingus war berüchtigt dafür, über die Maßen zu proben. Er probte die Freiheit. Jedes Stück sollte sich bei jeder neuen Aufführung als neu erweisen. Zuweilen griff Charles Mingus auf einen Trick zurück: Statt Notenblätter zu verteilen sang er seinen Musikern die Themen vor. Sie mußten die Musik nach Gehör lernen um die sie besser zu verinnerlichen. Mingus wollte, daß sie "die komponierten Parts mit so viel Spontaneität und Soul spielen, wie sie ihre Soli blasen." Das Ergebnis: so kunstvoll die Stücke auch sind, nie klingen sie auch nur für einen Moment gekünstelt.
Text: Harry Lachner

Charles Mingus:
"The Black Saint And The Sinner Lady"
Impulse IMP 11742
Aufnahme: 1963


Erstellt: 08-09-06
Letzte Änderung: 28-11-08