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Kino auf ARTE - 27/03/09

Der junge Törless

Spielfilm von Volker Schlöndorff


Volker Schlöndorffs Debütfilm „Der junge Törless“ wurde 1966 mit dem Kritikerpreis der FIPRESCI-Jury in Cannes ausgezeichnet. Der in unterkühltem Hochglanz gehaltene Schwarzweiß-Streifen handelt von der Grausamkeit der Zöglinge einer Kadettenschule zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nüchtern und distanziert beobachtet der Neuankömmling Törless (hervorragend gespielt von dem damals 16-jährigen Matthieu Carrière) die Schikanen und Quälereien, denen sein Mitschüler Basini ausgesetzt ist, seitdem er auf dem Dachboden der Kadettenschule beim Diebstahl an einem seiner Kameraden erwischt wurde. Basini wird zum willfährigen Sklaven seines Schinders Reiting (als Dandy interpretiert von Fred Dietz).

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Junger deutscher Film

Der junge Törless
Spielfilm von Volker Schlöndorff
nach dem Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“ von Robert Musil
mit Mathieu Carrière, Marian Seidowsky, Bernd Tischer, Fred Dietz, Barbara Steele u. a.
(BRD/Frankreich, 1966, 87 Min.)

Der Film ist eine erste Antwort auf das Oberhausener Manifest vom 28. Februar 1962. Unter dem Titel „Papas Kino ist tot“ hatten sich auf den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen 26 deutsche Filmemacher, die vor allem im Dokumentar- und Kurzfilmbereich erfolgreich gewesen waren, für die Erneuerung des damals desolaten, von Kriegstraumata geprägten westdeutschen Filmschaffens ausgesprochen. Auch wenn „Der jungen Törless“ Rainer Werner Fassbinders und Werner Herzogs bahnbrechenden Filmen aus den 70er-Jahren in Biss und Radikalität noch nachsteht, kündet er bereits von Schlöndorffs Meisterwerk „Die Blechtrommel“, das 1979 zusammen mit Francis Ford Coppolas Vietnamfilm „Apocalypse Now“ in Cannes die Goldene Palme gewann.

Vom Buch zum Film

Die Verfilmung von Robert Musils autobiografischem Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“ ist Volker Schlöndorffs erste Literaturverfilmung. Eine Reihe weiterer Adaptationen folgten, darunter die berühmte „Blechtrommel“ nach dem gleichnamigen Roman von Günter Grass, „Der Fangschluss“ (1976) nach Marguerite Yourcenars Novelle „Le coup de grâce“ und „Eine Liebe von Swann“ (1983) mit Jeremy Irons in der Titelrolle. Dieser Film war der Versuch, die komplexe innere Welt von Marcel Prousts Romanfigur bildlich umzusetzen.

Jugendliche Sadisten

Viele Filme zeigen die Quälereien an einem jungen Menschen wie ein Übel und zugleich wie ein Symptom, eine Allegorie für das Werden einer Gesellschaft. Auch „Der junge Törless“ folgt diesem Schema. Törless beobachtet das Geschehen völlig teilnahmslos und interessiert sich mehr für Mathematikaufgaben als für Basinis Schicksal. Die relative Gleichgültigkeit der Lehrer steht für ein System, mit dem der Film hart ins Gericht geht. Ein ähnlicher Gedanke liegt Larry Clarks Film „Bully - diese Kids schockten Amerika“ zugrunde, der die MTV-Kultur und ihre verheerenden Auswirkungen auf Sexualverhalten und Moral der sich selbst überlassenen Jugendlichen anprangert. Noch heftiger und radikaler ist die Anklage in Michael Hanekes beiden Fassungen (einer österreichischen und einer US-amerikanischen) von „Funny Games“. Verlautbarungen zufolge soll der österreichische Regisseur übrigens mit einer neuen „Verfilmung“ von Musils „Törless“ liebäugeln.

Der höllische Mikrokosmos des Internats

„Der junge Törless“ kann ebenfalls in die Reihe der „Internatsfilme“ (oft britischer Herkunft) eingeordnet werden, die die häufig brutalen Gepflogenheiten dieser geschlossenen Systeme darstellen. Die Schulklassen sind soziale Strukturen mit aufsässigen Schülern, denen meist jedes Mitgefühl fehlt. Zwei Jahre nach Volker Schlöndorffs Filmerstling (1968) erhielt „If“ von Lindsay Anderson (mit Malcom McDowell in der Hauptrolle) in Cannes die Goldene Palme. Der Film schildert das von langer Hand geplante Komplott gegen Autorität und Ungerechtigkeit in einem britischen Pensionat. Er reizt die Grundidee von „Der junge Törless“ bis an ihre Grenzen aus und liegt mit seiner strahlenden Kompromisslosigkeit und seiner Aufbruchstimmung voll im Zeitgeist von Mail 1968. Zwanzig Jahre später setzt sich Marek Kanievska in „Another Country“ mit dem Tabu der Homosexualität in einer englischen Schule in den 1930er-Jahren auseinander. Der Film erfasst auch die politische Dimension des Themas, denn die aus den Internatsjahren erwachsende sexuelle Frustration und die angestaute Wut bestimmen die künftige Karriere des Haupthelden: Er wird Geheimagent im Kalten Krieg.

Verdeckte Homosexualität

In „Der junge Törless“ geht Schlöndorff einen entgegengesetzten Weg. In Musils Roman wird der Prügelknabe Basini als hübsch und sexuell anziehend beschrieben. Törless, ein Heranwachsender mit erwachender Sexualität, erlebt im mädchenlosen Internat eine leidenschaftliche Beziehung zu einem anderen Zögling.
Die in Musils 1901 erschienenen Roman sehr vordergründig beschriebene Homosexualität spielt im Film eine untergeordnete Rolle. Warum? Möglicherweise war das Thema 1966 noch zu sehr tabu, um im Kino, noch dazu in einem Debütfilm, angesprochen zu werden. Vielleicht wollte Schlöndorff den Schwerpunkt auch auf ein ideologischeres Thema setzen, das in dem 44 Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg geschriebenen Buch nicht zum Tragen kommt.

Scharfe Kritik an Wegbereitern des Nationalsozialismus

Im Film erfährt man, dass der geschurigelte Schüler Basini Jude ist. Aller Voraussicht nach werden aus den sadistischen Zöglinge der Kadettenschule künftige Nazichargen. Im Verlauf der Geschichte wird das Erstarken des Naziregimes zum allgegenwärtigen Hintergrund der Handlung. Der distanzierte, doch gebildete Beobachter betrachtet Basinis Probleme wie eine unlösbare mathematische Gleichung, die man trotz mangelnden Verständnisses als gegeben hinnehmen muss. Seine Bildung und seine Passivität machen ihn zuweilen zum ekelerregenden Symbol einer fügsamen Mittelklasse, die dem Aufkommen des Hitlerfaschismus nichts entgegensetzte. Bis heute bewahren seine Worte beim Verlassen der Schule ihre giftige Zweideutigkeit.

Delphine Valloire

Der junge Törless
Mittwoch 1. April 2009 um 00.40 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, Frankreich, 1966, 84mn)
ZDF

Erstellt: Fri Mar 27 12:00:00 CET 2009
Letzte Änderung: Fri Mar 27 16:33:28 CET 2009