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Quo vadis, Kuba?

47 Jahre war der kubanische Revolutionsführer Fídel Castro an der Macht. Er hat aus Kuba jene sozialistische Republik gemacht, deren Zukunft heute ungewisser ist denn je.

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29/08/08

Quo vadis, Kuba?

47 Jahre war der kubanische Revolutionsführer Fídel Castro an der Macht. Er hat aus Kuba jene sozialistische Republik gemacht, deren Zukunft heute ungewisser ist denn je. Denn der kranke Castro hat die Macht an seinen Bruder abgegeben – was aus Kuba wird, darüber kann man nur spekulieren. Kann eines der letzten sozialistischen Länder dieser Erde in Zeiten von Welthandel, Globalisierung und Internet langfristig überleben?

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Am 1. Januar 1959 hatten es der Revolutionär und seine Guerilla-Truppen geschafft, den damaligen, von den USA gestützten Diktator Fulgencio Batista von der Insel zu vertreiben und die Republik Kuba auszurufen. Seitdem herrscht Castro über Kuba, er ist Staats-, Regierungs-, Partei- und Armeechef in einem. Dass der „Máximo Líder“, der große Führer, inzwischen mit seinen 80 Jahren aber auch ein alter Mann geworden ist, ist vielen erstmals durch seinen Sturz von einer Rednerbühne im Herbst 2004 bewusst geworden. Das Bild dieses Sturzes ging um die Welt – denn für viele war das Stolpern symbolisch: Wann endlich stürzt Fídel Castro, einer der am längsten amtierenden Regierungschefs und Diktatoren der Welt?

Fídels Bruder – Raúl Castro – ist der politische Nachfolger

Was viele für unwahrscheinlich gehalten hatten, ist Anfang August 2006 eingetreten: Fidel Castro hat seine Amtsgeschäfte noch zu Lebzeiten - vorübergehend, wie immer wieder in der Regierungsmitteilung betont wurde - seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Raúl übertragen. Dieser ist Vize-Präsident Kubas und außerdem der kubanische Verteidigungsminister. Anlass für die provisorische Machtübergabe war der Gesundheitszustand Fidel Castros, der sich nach Darmblutungen einer komplizierten Operation unterziehen musste.

Raúl Castro ist wenig charismatisch und im Volk eher gelitten denn beliebt, er hat nichts von der Aura seines Bruders. Allerdings galt Raúl Castro lange als Hardliner, der sich stets gegen wirtschaftliche und politische Reformen gestellt hat. Doch selbst er befürwortet mittlerweile eine Wirtschaftsliberalisierung nach chinesischem Vorbild. Dass ein Ruck durch das Land gehen wird, wenn der charismatische Fídel Castro nicht mehr ist, das ist unter Experten unbestritten: „Mit einer Machtübergabe an das Militär – also an den Bruder Raúl Castro – soll der Zusammenbruch des Regimes verhindert werden“, schreibt der Soziologe und Kuba-Spezialist Hans-Jürgen Burchardt. „Allerdings wird das Militär weder von der eigenen Bevölkerung, noch von der internationalen Gemeinschaft lange als führende Kraft anerkannt werden. Eine Militärregierung hätte nur Interimscharakter.“

Kaum Chancen für die Opposition

Ob sich die vereinzelten kritischen Stimmen, die es in Kuba gibt, nach einem Machtwechsel durchsetzen könnten, ist ebenfalls ungewiss. Zwar gibt es laut Bert Hoffmann, Kuba-Experte am Hamburger Institut für Iberoamerika-Kunde, seit langem ein „signifikantes Maß an Unzufriedenheit“. Trotzdem haben Oppositionelle auf Grund des geschlossenen politischen Systems und der ideologisierten Medien kaum Artikulationsmöglichkeiten. Im Ausland bekannte Oppositionelle wie etwa Oswaldo Payá, der mit einer Unterschriftenaktion für mehr demokratische Rechte kämpft, sind in Kuba selbst so gut wie unbekannt. Und trotz internationaler Proteste werden nach wie vor kubanische Dissidenten unterdrückt, verfolgt, inhaftiert und mit Arbeits- und Reiseverboten belegt. Es dürfte also schwierig werden, Ideen und Konzepte für die „Zeit nach Castro“ zu entwickeln.

Gleichzeitig erstaunt den Kuba-Experten Hoffmann die Vorstellung immer wieder, Kuba müsse sich nach dem Tod Castros zu einer marktwirtschaftlich-orientierten Musterdemokratie entwickeln. „Warum erwarten wir ausgerechnet von Kuba, dass es sich nach 45 Jahren Revolution, Ein-Personen-Herrschaft und externer Konfrontation zu einer Vorzeige-Demokratie mit wirtschaftlicher Dynamik und sozialer Gerechtigkeit entwickeln wird – das sind die meisten anderen Länder in Lateinamerika auch nicht!“ Sollte es zu einer marktwirtschaftlichen Öffnung kommen, befürchtet Hoffmann ein Land mit wenig Rechtsstaatskultur und viel Korruption. Andernfalls, so seine Annahme, werde es beim Sozialismus bleiben, der stark autoritär-paternalistische Züge wie in anderen Lateinamerikanischen Ländern annehmen wird.

Perspektiven für die Wirtschaft

Kuba hat Anfang der 90er-Jahre mit dem Zerfall des Ostblocks rund 85 Prozent seiner Exportmärkte und die sowjetische Unterstützung im Gegenwert von schätzungsweise mehreren Milliarden Dollar pro Jahr verloren. Als sozialistische Vorhut war die Insel von den kommunistischen Bruderstaaten mit günstigen Krediten, Lebensmittellieferungen und Öl versorgt worden. Der Zerfall dieser Staaten löste eine katastrophale Wirtschaftskrise mit erheblichen Versorgungsengpässen aus. Öffentlicher Transport und Verkehr kamen weitgehend zum Erliegen, um Energie zu sparen wurden Stromsperren verhängt, die Mitte der 90er-Jahre zwischen sieben und zwölf Stunden am Tag betragen.

Es ist diese Krise, die zwischenzeitlich fast zum Kollaps des Regimes geführt hätte. Und obwohl Castro versuchte, mit einem Notprogramm, der „Período especial en tiempos de paz“ (Sonderperiode in Friedenszeiten), gegenzusteuern, erholt sich die Insel erst Ende der 90er-Jahre von diesem wirtschaftlichen Kollaps. „Inzwischen“, sagt der Kuba-Experte Bert Hoffmann „hat sich die Situation auf einem niedrigen, prekären Niveau stabilisiert: Kuba bekommt von Venezuela Öl zu Vorzugskonditionen – und solange es Öl gibt, scheint wirtschaftlich das Überleben des Systems gesichert.“

Ob Kuba den Wandel zu einer marktwirtschaftlichen, offenen und pluralistischen Gesellschaft schafft oder es beim Staatssozialismus bleibt, diese Frage können allerdings auch Experten nicht beantworten. Dass Kuba den Sprung in die Weltwirtschaft schaffen könnte, davon ist Kuba-Fachmann Burchardt indessen überzeugt: „Seine überdurchschnittlich hoch qualifizierten und sozial gut versorgten Arbeitskräfte, die zahlreichen wissenschaftlich-technologischen Institutionen und das vorhandene Know-How könnten diesen Anschluss sichern.“ Dafür aber muss sich der Staat reformieren, muss Parteien und freie Wahlen zulassen und sich von seiner eigenen Vormachtsstellung verabschieden.
Ein Szenario, das nicht nur Kuba-Experte Hoffmann für unwahrscheinlich hält: „So lange die USA dem jetzigen wie jedem künftigen Staatsoberhaupt in Kuba signalisieren, dass es außer der „totalen Kapitulation“ keinen alternativen Weg gibt, werden die jetzigen Eliten auf jeden Fall vermeiden, zu viel am System zu ändern. Sie würden sich ja selbst das Wasser abgraben.“


Von Susanne Amann

Bildunterschrift: "Helden der Revolution": Castro (li.) mit seinem Bruder Raúl (Mi.) und Ché Guevara (re.), Havanna 1959
Bildrechte: BR / © Roberto Salas

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Fidel Castro - Eine Ära geht zu Ende
Gesprächsrunde des Themenabends vom 17. April 2007
Diskussion, Deutschland 2007, ZDF, Erstausstrahlung, 16 Min.
Moderation: Steffen Seibert

Video starten (16'18)

Zu Gast im Studio:

Jacobo Machover, kubanischer Schriftsteller und Journalist, Autor von Cuba, totalitarisme tropical, Editions Buchet-Chastel, 2004, und Ko-Autor von Cuba nostra, les secrets d'états de Fidel Castro, Plon 2005. Jacobo Machover lebt seit 1963 in Frankreich.

Volker Skierka, Journalist und Publizist, Autor von Fidel Castro. Eine Biographie, Rowohlt, 2004. Volker Skierka war u.a. Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Lateinamerika.

Erstellt: 20-07-06
Letzte Änderung: 29-08-08