Cannes 2005 - 23/05/05
Factotum
Ein Film von Bent Hamer

Der ganz normale Alltag
Charles Bukowskis alias Hank Chinaski
Weitere Artikel zum Thema
Norwegen/USA/Germany 2005, 93 Min.
Mit Matt Dillon, Lili Taylor, Marisa Tomei
Synopsis: Oberste Priorität für Hank Chinaski ist sein „poetischer Lebenswandel“. Viel hochprozentiger Alkohol, Zigaretten und Frauen sind die Grundpfeiler seiner Lebensanschauung, und seine ausschweifenden Trinkabenteuer schreibt er auf. Finanzieren muss er sich mit ständig wechselnden Jobs, seine Manuskripte bekommt er unveröffentlicht zurückgesandt.
Kritik: Der norwegische Regisseur Bent Hamer widmet sich mit seinem Film über Bukowski oder eben Chinaski einer Ikone der 80er Jahre; einer Zeit, in der das Lebensgefühl eines abgestürzten Trinkers gerne mal vom Soundtrack Tom Waits untermalt wurde. Nicht zufällig drehte Barbet Schroeder 1987 den Film BARFLY, indem Mickey Rourke die Hauptrolle spielte und zu dem Bukowski selbst das Drehbuch verfasste.
Doch Hamer zeigte bereits mit seinem skurrilen letzten Film KITCHEN STORIES (2003) über Küchenentwicklungen in Norwegen in den 50er Jahren dass er sich von Aktualitäten keineswegs beeindrucken lässt. So nimmt er sich diesmal den 1975 veröffentlichten gleichnamigen Roman Bukowskis vor, in dem Bukowskis alter ego Hank Chinaski sein ausschweifendes Trinkerleben illustriert. Hamer reiht viele Momente aneinander, die er oft mit absurden Situationen ausklingen lässt. Sein Humor kommt so leise daher wie der ganze Film. Diese Herangehensweise dürfte für ein europäisches Publikum funktionieren, ob sie in Amerika auch erfolgreich sein kann, ist fraglich.
Matt Dillon verkörpert Chinaski perfekt. Er ist charmant und schlagfertig, ein cleverer Underdog, der nicht davor zurückscheut, auch mal zuzubeißen. Chinaski ist seit langem Dillons beste Rolle, vielleicht sogar seit Gus Van Sants DRUGSTORE COWBOY. Dillon spielt einen coolen Typen, der instinktiv die Menschen, mit denen er sich umgeben will, erkennt. Im Handumdrehen lernt er etwa Frauen kennen, mit denen er ausgiebig Spaß haben kann.
Die Off-Stimme Chinaskis ist ein ganz wichtiger Bestandteil des Films, der zu einem grossen Teil für die Atmosphäre des Films verantwortlich ist. Über sie vermitteln sich die Straßenweisheiten Bukowskis, etwa wenn er mit rauchiger Stimme sagt: „Some people never go crazy. What truly horrible lives they must have.“ Als Chinaski im Knast landet, kommentiert die Stimme: „I don’t like jail, they got the wrong kind of bars in there.” Das ist bisweilen ganz lustig, tiefgründig ist es nicht immer.
Mit langen, festen Einstellungen kreiert Kameramann John Christian Rosenlund schöne Bilder, die der Poesie des Films Raum geben. Gut dabei ist, dass Hamer ausführlich den Alltag Chinaskis zeigt. Mal arbeitet der in einer Gurkenfabrik, dann entstaubt er mit einem Wedel eine riesige Statue. Bisweilen allerdings schwelgt der Film ein wenig zu sehr in den Klischees, die man so vom Trinkerleben hat. In der letzten Einstellung etwa darf Chinaski alleine in einer tristen, dunklen und verrauchten Gogo-Bar einem Girl beim Tanzen zusehen, während die Stimme sagt: „If you are going to try, go all the way. Aim for perfect laughter, that’s the only good fight there is.”
Nana A.T. Rebhan
---------------
Factotum
Ein Film von Bent Hamer
Norwegen/USA/Germany 2005, 93 Min.
Mit Matt Dillon, Lili Taylor, Marisa Tomei
Arte-Koproduktion
Erstellt: 16-05-05
Letzte Änderung: 23-05-05