Sandro (Gabriele Ferzetti) und Anna (Lea Massari) sollen bald heiraten. Sie machen einen Schiffsausflug auf die eolischen Inseln. Dort verschwindet Anna plötzlich. Bei seiner Suche nach ihr fühlt sich Sandro von Annas bester Freundin Claudia (Monica Vitti) angezogen.
Während sie ihre Suche auf Sizilien fortsetzen, entspinnt sich zwischen ihnen eine leidenschaftliche Affäre. „Die mit der Liebe spielen“ ist ein Kriminalfilm, dessen Handlung, von der Gewalt der Begierde getrieben, sich allmählich in der Landschaft auflöst. „Der einzige Weg den Neorealismus fortzusetzen, besteht darin, ihn nach innen anstatt nach außen auszurichten“, erklärte Antonioni nach seinem Film ‚Chronik einer Liebe’. In „Die mit der Liebe spielen“ hat er genau dieses Prinzip umgesetzt: Die von außen kommende, durch Annas Verschwinden verursachte Erschütterung Sandros und Claudias gleitet ins Innere der Figuren, wo sie ein Verlangen freisetzt, das zunächst unannehmbar, aber nach und nach lebensnotwendig wird. Doch sobald die Begierde erschöpft ist, kehrt die Traurigkeit zurück. Denn schließlich ist alles nichtig, so nichtig, sinnlos und wechselhaft, erklärt Antonioni. Sinnlosigkeit der Ausflüchte, wie sie offenkundiger nicht sein kann in diesem großbürgerlichen Milieu im Italien der 60-er Jahre, das durch den Fortschritt bereichert und seiner Exzesse überdrüssig insgesamt den Bezug zur Realität verloren hat. „Ich möchte klar sehen, wieder zu Bewußtsein kommen“, fleht Claudia, die von den Erlebnissen völlig überfordert ist.
Doch wäre es zu simpel, Antonionis Film „Die mit der Liebe spielen“ lediglich auf das soziale Sittenbild eines Milieus zu reduzieren. Vor diesem Hintergrund jedoch scheint die ständige sexuelle Disponibilität der Personen glaubhaft, und Antonioni kann in diesem Rahmen die Problematik aufwerfen, die er in allen folgenden Filmen weiter entwickelt: Was spielt sich heute zwischen einem Mann und einer Frau ab? Oder gar: Was spielt sich nicht ab? Antonioni gibt darauf keine Antwort und enthält sich auch jeden Urteils über seine Figuren. Der Films folgt einer eigenen Bewegung, ausgelöst durch ein „Frauenproblem“, die Unzufriedenheit und die Zweifel Annas, die im Begriff ist, einen scheinbar ausgeglichenen Mann zu heiraten. Zugleich belebt den Film die strahlende Claudia (Monica Vitti), die sich rückhaltlos der Liebe hingibt und schließlich „das Männerproblem“ aufdeckt: die Begierde zu stillen, war nur eine Art, um vor sich selbst zu fliehen. Sobald er Claudia einmal verführt hat, ist Sandro mit seinen Ängsten wieder allein. Post coitum animal triste.
Weder Claudia noch Anna oder Sandro sind für das Drama, das sie durchleben, verantwortlich. Das Drama trägt jeder bereits auf seine Weise in sich: Beruflich gesehen ist Sandro ein gescheiterter Architekt, der es bedauert, seiner Berufung nicht nachdrücklicher gefolgt zu sein. Anna hat Probleme mit den „Hinterlassenschaften“ ihrer Familie (ein strenger, gläubiger Vater, der von seiner unsteten Tochter enttäuscht ist), Claudia verhält sich in Liebesdingen wie ein Backfisch, sie kann weder mit ihrer Weiblichkeit umgehen, noch ist sie sich ihrer Wirkung auf Männer bewusst (bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die großartige Einstellung auf dem Platz eines kleinen sizilianischen Dorfes, wo sie plötzlich von den Männern des Dorfes, die sie in erster Linie als Sexobjekt betrachten, eingekreist ist). Alle drei Figuren durchleben also eine typisch moderne Krise. Die verschiedenen Gemütszustände werden auf dem Weg durch eine Landschaft und durch ein Land offenbar: Sizilien als Symbol des traditionsbewussten und unwandelbaren Italien.
Antonioni bemerkte zu seinem Film: „Es gibt auf der Welt einen dramatischen Bruch zwischen der Wissenschaft auf der einen Seite, die ganz auf die Zukunft ausgerichtet ist, bereit dazu, am Morgen das zu verwerfen, was sie am Vorabend noch vertrat, wenn sie dadurch nur einen Bruchteil dieser Zukunft ergattern kann; und auf der anderen Seite einer rigiden, verknöcherten Moral, die dennoch weiterhin Bestand hat. In „Die mit der Liebe spielen“ ist die Katastrophe ein billiger, unnötiger und unglücklicher erotischer Impuls. Denn der Held – was für ein lächerliches Wort! – meines Films ist sich der Vulgarität des ihn überkommenden erotischen Impulses und dessen Nutzlosigkeit vollkommen bewusst. Doch das genügt nicht. Es gibt noch einen weiteren Mythos, der sich als gegenstandslos erweist: die irrige Vorstellung, es genüge, sich selbst zu kennen, sich bis in alle versteckten Seelenwindungen hinein genau zu analysieren. Nein, das genügt nicht. Jeden Tag lebt man aufs Neue das Abenteuer, sei es ein romantisches, moralisches oder ideologisches.“
In „Die mit der Liebe spielen“ beruht also nichts mehr auf dem Unveränderlichen oder Ewiggleichen: weder die Gefühle der Personen, noch die Ausstattung, die ganz den Wechselfällen der Natur und den Gewalten des Klimas überlassen ist, und nicht einmal eine mögliche Lösung des Plots. In dieser, unserer Welt segelt der Mensch von einer Illusion zur nächsten und klammert sich an die einzige flüchtige Gewissheit, seine Begierde. Der Film gibt ein Bild des modernen Menschen wieder, wie er sich in einer sich stets verändernden Welt bewegt, und der, da ihm der Glaube fehlt, sich an keiner ethischen Tradition festhalten kann: „Der ehrlose Mensch ist derjenige“, sagt Michel Leiris, „für den jetzt alle Dinge, da sie entzaubert, einförmig, gleichgültig und gewöhnlich geworden sind, des Wertes entbehren, so wie er selbst nun „ohne Ehre“ ist, da ihm jeder Grund zum Handeln fehlt (L’homme sans honneur, 1938, dt. Der Mann ohne Ehre). Eine einzige ergreifende Geste Claudias am Ende des Films verdeutlicht, dass Antonionis Film die klare Bilanz der „zum Leben Verurteilten“ ist.
Sarah Petit
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Die mit der Liebe spielen von Michelangelo Antonioni
(Italien/Frankreich, 1960, 2h20mn, VOSTF)
Drehbuch : Michelangelo Antonioni,
Elio Bartolini, Tonino Guerra
Mit : Gabriele Ferzetti (Sandro), Monica Vitti (Claudia), Lea Massari (Anna), Dominique Blanchard (Giulia), James Addams (Corrado), Esmeralda Ruspoli (Patrizia), Lelio Lutazzi (Raimondo), Renzo Ricci (Le père d’Anna), Giovanni Petrucci (Goffredo), Dorothy de Poliolo (Gloria)
Kamera : Aldo Scavarda
Schnitt : Giovanni Fusco
Musik : Giovanni Fusco
Produktion : Cino Del Duca, Europée,
Société cinématographique Lyre ARTE FRANCE
GROSSER PREIS DER JURY, CANNES 1960
Auf ARTE, Donnerstag 20. Mai um 20:45 Uhr






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