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Filmfestival

Vom 7. bis 17. Februar findet die diesjährige Berlinale statt, Stars und Sternchen aus dem Filmgeschäft geben sich die Ehre am Potsdamer Platz.

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Donnerstag, den 7. Februar 2008, um 21.00 Uhr - 01/09/08

Caché

Ein Film von Michael Haneke


Wer ist der Unbekannte, der den bekannten Fernsehmoderator Georges (Daniel Auteuil) und seine Familie mit anonymen Videobotschaften bedroht?

Michael Haneke erzählt in seinem nüchtern gehaltenen Film eine grausame Geschichte, in der Videokassetten eine Schlüsselrolle spielen, und beleuchtet vor diesem Hintergrund die soziale Kluft innerhalb der französischen Gesellschaft und die Brüche zwischen den Generationen.



(Frankreich, 2003, 117 Min.)
Mit: Juliette Binoche, Daniel Auteuil, Maurice Bénichou, Annie Girardot, Bernard Le Coq, Walid Afkir, Daniel Duval, Nathalie Richard, Denis Podalydès




Daniel Auteuil
Interview
von Olivier Bombarda
Michael Haneke
Interview Part 1
Interview Part 2
Das Interview lesen
von Wolfgang Kabisch
Juliette Binoche
Interview
von Olivier Bombarda

Fotogalerie



Synopsis: Wer ist der Unbekannte, der Georges (Daniel Auteil), den beliebten Moderator einer Literatursendung, anonym Videos zusendet, die sein eigenes Haus zeigen? Zumal die Kassetten jedes Mal in bedrohliche Kinderzeichnungen eingewickelt sind. Je vertraulicher die Botschaften, desto deutlicher wird, dass der Absender Georges gekannt haben muss.

Kritik: Am Anfang eine lange statische Totale, über die Michael Haneke wie aus einem Nachrichtenticker sämtliche Titel laufen lässt: Sie zeigt ein bescheidenen Wohlstand repräsentierendes Einfamilienhaus, eingequetscht in das Häusermeer eines Pariser Arrondissements. Nichts passiert, außer dass ein paar Passanten hektisch auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit durchs Bild laufen. Dann läuft das Bild rückwärts. Der Zuschauer begreift – hier läuft ein Video im Fernseher, per Fernbedienung von der Hauptfigur des Films, dem Fernsehjournalisten Georges, zum Anfang zurückgespult. Und wir, die Zuschauer wiederum, sehen durch die Augen des Regisseurs dem Protagonisten und seiner Frau (Juliette Binoche) beim Betrachten des bewegten Abbildes seines Hauses zu, das ein Unbekannter mit der Kamera beobachtet und ihm anonym zugeschickt hat.

Von der Macht der Bilder, den darin enthaltenen Wirklichkeitsbrechungen und unterschiedlichen Bedeutungsebenen, die wiederum Rückschlüsse auf unsere eigene Imagination und somit Identität zulassen, handelt Michael Hanekes Film „CACHÉ“. Versteckt bleibt zunächst die Identität des anonymen, vermeintlichen Erpressers, der zunehmend mehr Macht über das Leben von Georges und seiner Familie gewinnt. Die vermeintliche Bedrohung in Gestalt mörderischer Kinderzeichnungen und unkommentierter Videobotschaft offenbart auch, wie sehr sich die beiden Eheleute auf der Hälfte ihres Leben durch ihr hektisches Berufsleben aus den Augen verloren haben. Alles ist Routine bzw. Ritual, das Gefühl von Vertrautheit und Geborgenheit erweist sich als Täuschung.

Vor allem Georges hält dem Angriff auf Karriere und seine Familie nicht mehr stand. Denn immer neue Videobänder enthüllen, dass der Erpresser genau über seine großbürgerliche Vergangenheit als Kind vermögender Gutsbesitzer informiert sein muss. Die Spur führt zu einem Kindheitsfreund algerischer Abstammung, der nach dem Tod seiner Eltern zunächst von Georges Familie adoptiert werden sollte, dann aber in ein Waisenhaus abgeschoben wurde. Warum, das hat Georges seiner Frau und auch sonst niemandem jemals verraten. Sein Gewissen aber scheint rein. Georges fühlt sich im Recht – er stellt den vermeintlichen Erpresser und löst in seinem blinden Bestreben, seinen sozialen, familiären und auch emotionalen Status Quo zu bewahren, neues Unheil aus.

Auch danach wird Georges keine Gewissheit darüber erhalten, wer der Absender jener Videobotschaften war: War es der Sohn von Majdi, seinem Jugendfreund? Oder vielmehr doch der Regisseur, der seinem (Anti-)helden Georges und mit ihm auch uns einen Spiegel unseres unter einer dünnen Zivilisationsdecke hervortretenden wahren Ichs vorhalten wollte?

Martin Rosefeldt


Synopsis: Der bekannte Literaturfachmann und Fernsehjournalist Georges findet regelmäßig in seinem Briefkasten heimlich gedrehte Videos mit Aufnahmen seiner Familie sowie blutige, schwer zu deutende Zeichnungen. Georges hat nicht die leiseste Ahnung, wer dahinter stecken könnte. Nach und nach werden die Videos immer persönlicher, was darauf schließen lässt, dass der Unbekannte ihn gut kennt. Georges spürt die Bedrohung, die auf ihm und seiner Familie lastet, doch da sie nicht greifbar ist, sieht sich die Polizei nicht zu Ermittlungen veranlasst.

Kritik: In seinem ersten in Paris in französischer Sprache gedrehten Film untersuchte Michael Haneke die französische Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen. Das Werk trug zurecht den Titel „Code inconnu“ (2000), was zu deutsch so viel wie „Unbekannter Code“ bedeutet, denn damals wurde deutlich, wie wenig der Regisseur über Frankreich wusste.
Fünf Jahre später scheint Haneke dieser Herausforderung viel eher gewachsen zu sein, sein Fazit ist aber nicht minder bitter.
„Caché“ zeigt zunächst einmal die tiefe Kluft zwischen den Generationen, die die französische Gesellschaft prägt: Auf der einen Seiten steht die etablierte, sehr bürgerlich gewordene Generation der Erwachsenen, auf der anderen Seite stehen die jungen Leute, ihre eigenen Kinder. Besonders deutlich wird dieser Bruch, wenn soziale Außenseiter ins Spiel kommen. Für diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen und von ihr abgelehnt werden (der Algerier, der junge Schwarze auf dem Fahrrad), bedeutet der Kontakt zum etablierten Bürgertum Halt. Manchmal sogar fühlt man sich an der Seite eines Fremden aufgewertet, wie es in der Abendessen-Szene deutlich wird, in der Denis Podalydès seine dunkelhäutige Freundin mitbringt.

Georges und seine Frau Anne (hervorragend: Daniel Auteuil und Juliette Binoche) sind französischer Abstammung, wohlhabend und angesehen. Die Videos bringen Georges völlig aus der Fassung und machen ihm Angst. Er verhält sich jedoch so, wie es seine gesellschaftliche Stellung von ihm verlangt, beherrscht sich, rastet nicht aus und verschließt sich völlig vor seiner Vergangenheit, die jedoch gerade den Schlüssel zu den Videos in sich birgt. Er verweigert sich der Auseinandersetzung mit dem Unbekannten und dem Unbequemen, sei es ein armer Algerier oder sein eigener Sohn, dem gegenüber er sich lieber höflich und tolerant zeigt, statt sich dem Problem der Vater-Sohn-Beziehung zu stellen.

Bei diesem Film hat Michael Haneke auf die formalen Stilmittel seiner früheren Werke verzichtet, die ihm den Ruf des Unruhestifters und Provokateurs einbrachten. Die Maßstäbe, die er sich gesetzt hat, sind jedoch gleichermaßen hoch, mit dem Unterschied, dass sein Ansatz in diesem Falle noch nüchterner und bedrückender ist, noch mehr Unbehagen vermittelt. Als Georges zu dem Schluss kommt, dass das Übel von der Straße gegenüber kommen muss, der „Rue des Iris“, denkt man unweigerlich an Stanley Kubrick. Doch Haneke hat es eher Robert Bresson gleichgetan, der in seinem Werk „L’Argent“ unerbittlich die Doppelmoral der französischen Gesellschaft beleuchtet. Der Begriff „Caché“ bedeutet im Französischen „versteckt lauernd, vergraben, verborgen“. „Caché“ ist eine kalte und schonungslose Darstellung der französischen Gesellschaft, mit einer moralischen Dimension und klaren Botschaften. Entstanden ist ein Werk, bei dem sich der Regisseur auf seine Stärken besonnen hat.

Julien Welter


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Ein von Film von Michael Haneke
(Frankreich, 2003, 117 Min.)
Mit: Juliette Binoche, Daniel Auteuil, Maurice Bénichou, Annie Girardot, Bernard Le Coq, Walid Afkir, Daniel Duval, Nathalie Richard, Denis Podalydès

Erstellt: 04-02-08
Letzte Änderung: 01-09-08