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SOL GABETTA - 18/02/10

CELLO FORTE

Sol Gabetta ist noch keine 30 und gehört bereits zu den Großen ihres Fachs. Stilistisch kennt die Musikerin, mit Wurzeln in Argentinien, Frankreich und Russland, keine Grenzen. Interview mit der gefeierten Cellistin.

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Sie ist schön, talentiert und steht im internationalen Rampenlicht. Mit ihren jungen Jahren hat Sol Gabetta bereits das meiste erreicht, wovon eine Musikerin träumen kann: Als Zehnjährige hat sie erste Musikwettbewerbe gewonnen und seither zahlreiche Auszeichnungen erhalten. 2004 gab sie als Gewinnerin des „Crédit Suisse Young Artist Award“ ihr grandioses Debüt mit den Wiener Philharmonikern unter dem Dirigenten Valery Gergiev. Das ARTE Magazin sprach in Basel mit der temperamentvollen Cellistin über ihre internationale Herkunft, die ihr Leben und ihre Musik prägt.

ARTE MUSIK
Sol Gabetta spielt Haydn und Vasks
SO • 14.3. • 19.15

ARTE: Der Cellist Heinrich Schiff, bekannt für seine Kunst und seinen Humor, unterteilt seine Kollegen in zwei Typen: den melodiesäuselnden Schönling mit langen Fingern und den Metzgertyp mit Wurstfingern.Ein Frauentyp ist nicht vorgesehen.
Sol Gabetta: (lacht) Heinrich Schiff ist einfach großartig! Er hat ja Recht, es gibt wenige Cellistinnen, sieht man von Jacqueline du Pré, Guillermina Suggia oder Maria Kliegel ab. Viele sagen mir, das Instrument sei so maskulin. Doch schauen Sie sich meine Hände an: Ich habe eine große, starke Hand, man könnte meinen, sie gehöre nicht zu mir. Ich kenne kaum einen Cellisten mit sehr feinen Händen und einem schönen Klang. Wenn es keine Masse, keine Materie gibt, dann kann doch auch nichts klingen! Natürlich entwickelt sich das auch mit der Zeit. Je stärker man wird, umso wärmer kann auch der Klang werden.

ARTE: Glaubt man einem anderen berühmten Kollegen, Gregor Piatigorsky, so braucht ein Cellist nicht nur einen guten Lehrer, sondern auch einen Psychologen und einen Orthopäden.
Sol Gabetta: (lacht) Gott sei Dank bin ich noch sehr jung, denn Cellospielen ist eine sehr physische Angelegenheit und man braucht sehr viel Kraft. Doch die habe ich! Mein Rücken ist es gewohnt auf Reisen mein Cello zu tragen – wie ein Kamel komme ich mir da manchmal vor.

ARTE: Und auch ein Psychologe ist bei Ihrem strahlenden Gemüt wohl nicht nötig … nicht umsonst tragen Sie den Vornamen Sol, das spanische Wort für Sonne.
Sol Gabetta: Ich kann auch sehr nachdenklich und analytisch sein. Meine Eltern nannten mich Sol, weil sie vor meiner Geburt eine schwere Zeit hatten. Meine Mutter hatte bereits Zwillinge verloren, zudem habe ich eine autistische Schwester. Und auch ich hatte bei der Geburt die Nabelschnur um den Hals. Doch als ich nach Hause kam, ging die Sonne auf ...

ARTE: ... im argentinischen Córdoba, wo Sie 1981 geboren wurden, mit internationalen Wurzeln ...
Sol Gabetta: Ich habe einen argentinischen und einen französischen Pass. Mein Vater ist Argentinier, meine Mutter Französin. Eigentlich wurde ich auch sehr von meinen russischen Großeltern mütterlicherseits geprägt. Die Eltern meiner Mutter emigrierten in der Zeit der Weltkriege nach Frankreich; ich kann sogar Russisch sprechen. Meine Mutter ist außerdem auch Musikerin, Pianistin und hat die Laufbahn von mir und meinem Bruder, der Geiger ist, immer vorangetrieben.

ARTE: Verließen Sie deshalb als Zehnjährige Argentinien und gingen mit Ihrer Familie nach Europa?
Sol Gabetta: Ja, eine Karriere von Buenos Aires aus wäre gar nicht möglich gewesen, von dort aus ist ja alles so weit entfernt. So gingen wir zunächst nach Madrid, wo ich ein Stipendium an der Musikhochschule erhielt, danach nach Basel, da mein Lehrer Ivan Monighetti, ein Schüler von Mstislaw Rostropowitsch, nur noch dort lehrte. Mein Vater, von Beruf Volkswirtschaftler, gab alles auf und war immer bereit, jede Entscheidung mitzutragen. Das alles hat er für uns gemacht und ich bin ihm sehr dankbar für diese Liebe und dieses Vertrauen und den Glauben an unser Talent.

ARTE: Glauben Sie, dass Ihre kosmopolitische Herkunft Ihre Interpretation beeinflusst?
Sol Gabetta: Ich glaube schon, dass das Umfeld einen formt. Denn was ist Musizieren? Es ist eine Sprache, ein Ausdruck, meine ganze Persönlichkeit vermittelt sich auf der Bühne. Ich denke, dass jemand zu 99 Prozent so spielt wie er ist.

ARTE: Ihr Instrument ist ein wunderbares Guadagnini Cello aus dem Jahre 1759....
Sol Gabetta: Diesen Traum verdanke ich einem sehr großzügigen Mäzen in Zürich. Ich lernte ihn bei einem Hauskonzert kennen.

ARTE: Fängt so eine Karriere normalerweise an? Gibt es ein System?
Sol Gabetta: Ich weiß es nicht. Ich habe ja auch an vielen Wettbewerben teilgenommen. Unter anderen an dem „Credit Suisse Group Young Artist Award“, den ich 2004 gewann und der mir viele Türen geöffnet hat. Es gibt keine Regel, kein System, es ist vielmehr der Umstand, dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

ARTE: Sie haben einen Lehrauftrag an der Musikakademie in Basel ...
Sol Gabetta: Ich unterrichte hier bei meinem Lehrer Ivan Monighetti. Wenn er weg ist, übernehme ich seine Schüler, wenn ich weg bin, übernimmt er meine.

ARTE: Genießen Sie Ihre rasante Karriere?
Sol Gabetta: Ja, ich habe etwa 250 Konzerte pro Jahr. Die Anzahl der Konzerte ist nicht so wichtig, die Qualität schon; heute kann ich die Stücke auswählen und damit auch über meine persönliche künstlerische Entwicklung bestimmen. Dennoch habe ich immer das Gefühl, dass ich wieder bei Null anfange.

DAS INTERVIEW FÜHRTE TERESA PIESCHACÓN RAPHAEL FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS


DISKOGRAFIE (Auswahl):
Hofmann, Haydn, Mozart (Sony/BMG, 2009); Cantabile: Opernarien und Lieder, arrangiert fürs Cello (RCA Red Seal, 2008); Dimitri Schostakowitsch: Cellokonzert Nr. 2/ Cellosonate (RCA Red Seal, 2008); Il Progetto Vivaldi (Sony/BMG, 2008)

FESTIVAL SOLSBERG:
Sol Gabetta hat 2006 das SOLsberg Festival gegründet. Das Festival in Olsberg (CH) findet 2010 an folgenden Terminen statt: 11.–13. Juni; 18.–20. Juni; 25.–27. Juni

Erstellt: 09-12-08
Letzte Änderung: 18-02-10