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Cannes 2006 - Offizieller Wettbewerb - 17/09/08

Buenos Aires 1977

Ein Film von Israel Adrian Caetano


Bueons Aires 1977 zeigt die ausweglose Hölle der Folter während der Militärdiktatur in Argentinien.
Blicken Sie jetzt in die ARTE-Sterne!

(Cronica de una fuga)
Mit Rodrigo de la Serna, Nazareno Casero, Pablo Echarri…

Synopsis: Bei Claudio Tamburrini tauchen Agenten der argentinischen Militärregierung auf. Nach einer Reihe von unbegründeten Anklagen und einem kurzen, gewaltsamen Verhör wird er in ein geheimes Gefangenenlager verschleppt. An diesem gesetzlosen, chaotischen Ort des Schreckens, an dem einige junge Menschen mit völlig ungewissem Schicksal ums Überleben kämpfen, durchlebt Claudio die Hölle. Wie soll er den Verhören, den Folterungen standhalten? Wie soll er es schaffen, nicht einfach Namen Unschuldiger zu nennen? Wie kann er hier noch Mensch bleiben?

Der Trailer zum Film


Kritik: Der Film von Israel Adrian Gaetano basiert auf einer wahren Begebenheit und behandelt ein schwarzes Kapitel bzw. ein Tabu der argentinischen Geschichte: die Militärdiktatur, der zwischen 1976 und 1983 Tausende Menschen unter schrecklichsten Umständen zum Opfer fielen. Zunächst zeichnet der Regisseur das Porträt eines unschuldigen Studenten, den ein junger, zermürbter Regimegegner denunziert hat, um seinen Gesinnungsgenossen die Flucht zu ermöglichen. Der Film beginnt mit einem gewaltsamen Verhör von Claudios Mutter. Auf den Boden gedrückt soll sie ihren Sohn als „Terroristen“ denunzieren. Was hier gezeigt wird, sind in der Tat die Foltermethoden der Zeit. Doch der Regisseur konzentriert sich mehr auf die Formen psychischer Folter, als dass er die physischen Misshandlungen zeigt. Diese werden zumeist elliptisch ausgeklammert oder finden im Off statt. Wie können Menschen so extrem eingeschüchtert und bedroht werden, dass sie ihre eigene Menschlichkeit vergessen?

Geradezu klassisch wird die vergehende Zeit im Gefangenenlager mit Hilfe von Einblendungen nach dem Schema „71. Tag“, „114. Tag“ etc. dargestellt. Genau wie die Gefangenen selbst verlässt die Kamera nie die wenigen aschfarbenen, von grünlichem Schimmel überzogenen Räume und konzentriert sich ganz auf vier junge Männer. Zwei von ihnen sind aktive Regimegegner, die beiden anderen haben nichts mit dem Widerstand zu tun. Gaetano beschäftigt sich weniger mit der Persönlichkeit der Folterer, die nur in Ansätzen herausgearbeitet wird – etwa durch ihr hämisches Lachen angesichts der Schmerzen ihrer Opfer oder durch ihre brutalen Misshandlungen. Vielmehr geht es dem Regisseur um das, was sich in einer Zelle abspielt, in der vier Männer festgebunden und würdelos vor sich hin vegetieren, die in ständiger Todesangst leben und willkürlicher Gewalt ausgesetzt sind, denen ihre Peiniger Aussagen abverlangen, zu denen sie außerstande sind.

Häufig ließ Gaetano die Szenen auf Höhe des Fußbodens filmen, um die bedrückende Enge und das geistige Eingesperrtsein zu verdeutlichen, in der die zusammengepferchten Männer ausharren müssen. Andere, aus der Vogelperspektive aufgenommene Szenen lassen die alles zerdrückende Atmosphäre spüren. Immer mehr werden die Gefangenen zu Schatten ihrer selbst, ihre Peiniger behandeln sie wie Sklaven und nackte Tiere, bis sie eines Nachts in einem letzten Anflug von Überlebenswillen fast auf allen Vieren fliehen – mit jenem Ausdruck von Wahnsinn im Blick, wie ihn auch wilde, verfolgte Tiere haben. Einige Menschen, denen sie begegnen, grüßen sie voller Angst, andere schauen weg, und Hilfe gewährt ihnen kaum jemand. Furcht macht genauso unmenschlich wie Gewalt. Die willkürliche, entfesselte Folter hat Argentinien für Generationen traumatisiert, hat das Land mit Blut überzogen und ein ganzes Volk vor Angst gelähmt. Gaetano legt die Mechanismen frei, die zu dieser Situation geführt haben. Sie existieren seit Jahrtausenden und werden auch weiterhin funktionieren. Gestern da, heute dort. Sie werden weiterbestehen: dieselbe Hoffnungslosigkeit, dieselben verschreckten Blicke, dieselbe Unmenschlichkeit.

Delphine Valloire

Erstellt: 27-05-06
Letzte Änderung: 17-09-08