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Berlinale 2006 - Panorama - 16/09/08

Brothers of the Head

Ein Film von Louis Pepe und Keith Fulton


Eine Fake-Dokumentation über ein siamesisches
Zwillingspaar, das Erfolge als Glamrock Band feiert

(Großbritannien 2005, 90 Minuten)
Mit: Harry Treadaway, Luke Treadaway, Bryan Dick, Sean Harris u.a.

Synopsis: Die siamesischen Zwillinge Tom und Barry Howe leben mit ihrem Vater und ihrer Schwester in L’estrange Head an der Ostküste von England. An ihrem 18. Geburtstag verkauft der Vater die beiden Jungen an den ehemaligen Vaudeville-Kinderstar Zak Bedderick, der sie mit nach Humbleden Hall nimmt und mit ihnen eine Glamrock Band gründet.

Der Trailer zum Film
Im Gespräch mit Louis Pepe und Keith Fulton


Kritik: Der Eröffnungsfilm des 21. Panoramas ist ein bewusstes Spiel mit der Vermengung von Fiktion und Realität. Basierend auf einer Geschichte von Brian Aldiss inszenieren die beiden Regisseure Louis Pepe und Keith Fulton ihren Spielfilm mit dokumentarischen Mitteln. Interviewsequenzen mit „Zeitzeugen“, fotografische Inserts und „Archivmaterial“ bilden die narrative Grundstruktur des Filmes und kreieren ein Abbild möglicher Realität.

Visuell umgesetzt wurde Brothers in the Head von Anthony Dod Mantle (u.a. verantwortlich für die Kameraarbeit bei Dogville oder 28 Days Later), dessen unruhige und verwackelte Einstellungen und extreme Nähe zu den Darstellern ein direktes Maß an Authentizität suggerieren. Dabei werden nicht nur Aufnahmen aus dem Proberaum und von Auftritten gezeigt, auch Momente voyeuristischer Intimität mischen sich in die Präsentation der siamesischen Zwillinge, deren dadurch entstehender extrafilmischer Blick oftmals eine zusätzliche Direktheit herstellt. Dazwischen mischen sich Visualisierungen von Alpträumen: kaum definierbare Bilder in übersteuerten Farben, die aber nicht den fiktionalen Charakter des Filmes, sondern vielmehr die dokumentarischen Elemente unterstreichen. Eine dritte erzählerische Ebene wird durch Ausschnitte eines angeblich gedrehten Spielfilms über die Zwillinge geöffnet, die zum einen sowohl den realen Hintergrund unterstreichen soll, andererseits gerade durch die intendierte Selbstreflexion die Funktionsmechanismen des Films aufdeckt. Aber alle Fiktionsebenen von Brothers of the Head sind nie darauf angelegt, als Dokumentations-Satire zu funktionieren, sondern werden lediglich als inhaltliche Kunstgriffe bedient.

Grandios um- und in Szene gesetzt, ist leider die inhaltliche Struktur der wesentliche Schwachpunkt des Films. Pepe und Fulton haben nicht versucht, die Ausbeutung der Abnormalität der Jungs herauszuarbeiten, sondern sich vielmehr auf die Abhängigkeit der beiden voneinander konzentriert. Obwohl sie den Mittelpunkt des Filmes bilden, bleiben beide in gewisser Art Nebenfiguren, während die Frage, wie sich emotionale Verbundenheit äußert, in den Vordergrund tritt. Beide werden ausschließlich in ihrem Alltag präsentiert, eine geistige Reflexion ihrerseits bezüglich ihrer Situation findet nicht statt, dies geschieht nur durch Interviews mit Außenstehenden. Zwar sind die beiden physisch miteinander vereint, aber die psychische Verbindung scheint ihr Zusammenleben viel stärker zu beeinflussen. Denn wie ist es möglich, getrennt zu existieren, wenn man sich nur zusammen als eine Einheit empfindet? Das ist auch die wesentliche und spannendste Frage und die Fokussetzung auf diesen Aspekt gerechtfertigt, aber durch den repetitiven Wechsel zwischen Proben und Auftritten gerät der Erzählfluss in den Hintergrund, und somit schwindet auch die Aufmerksamkeit.

Dabei sind die musikalischen Zwischenspiele eigentlich von einer wunderbaren Energie, Arroganz und Rotzigkeit, die die Underground-Szene der 70er Jahre adäquat repräsentiert und die Behinderung der beiden in den Hintergrund treten lässt. Es ist wohl der enormen Präsenz der Hauptdarsteller zu verdanken, dass man nach einer Weile nur noch ihre Persönlichkeit und nicht mehr ihre Abnormalität sieht. Denn Brothers of the Head ist nie als Freak-Show inszeniert, sondern bewegt sich eher im Umfeld des Biopic und der damit verbundenen Konzentration auf die Charaktere, auch wenn es sich dabei um fiktive Personen handelt. Aber auch wenn der Film keine Realität abbildet, hat er wenigstens die Qualität, eine Geschichte zu erzählen, die zumindest Realität sein könnte.

Cornelis Hähnel

Erstellt: 10-02-06
Letzte Änderung: 16-09-08