Alfred Hitchcock, Michael Powell, Richard Attenborough, Tony Richardson: britische Regisseure, die international Karriere machten, sich an verschiedene Themen heranwagten und doch ihrer Heimat verbunden blieben. Auch Stephen Frears weist sich ganz klar als Brite aus. Er geht jedoch einen Schritt weiter, denn seine filmische Arbeit umfasst völlig unterschiedliche Stile, was ihm den Ruf eines Chamäleons eingebracht hat. Manche werfen ihm vor, er sei unbeständig und verzettle sich. Und tatsächlich liegen Welten zwischen dem nostalgischen Western „Hi-Lo Country“ (1998, mit dem Texaner Woody Harrelson in einer der Hauptrollen) und dem Thriller „Kleine schmutzige Tricks“ (2002, mit Audrey Tautou und Sergi Lopez), in dem ein Londoner Hotel zur Drehscheibe für Organhandel und zum Symbol für das Europa unserer Tage wird.
1988 gelingt Frears mit „Gefährliche Liebschaften“ der internationale Durchbruch. Er geht nach Hollywood und dreht „Grifters“ (1990), der von Martin Scorsese mitproduziert wird. Die Handlung dieses Film Noir vergleicht Frears mit einer shakespeareschen Tragödie. Für die Hauptrolle sprechen Sissy Spacek und sogar Cher vor, ausgewählt wird schließlich Anjelica Huston, die lange Zeit in Irland gelebt hat. „Ich bin kein Theoretiker“, sagt Frears. „Es geht mir nicht darum, eine soziologische Studie abzuliefern. Meine Familie lebt in London. Die Engländer haben eine komplizierte Beziehung zu den USA. England ist ein grässliches Land, das man zugleich lieben und hassen muss. Die Amerikaner vermitteln den Eindruck der Überlegenheit, und das ist problematisch. Die Frage stelle ich mir ja durchaus auch, aber ich ziehe es vor, sie hier bei mir zu Hause zu regeln*.“
Die produktiven 1970er-Jahre
Stephen Frears wird 1941 in Leicester als Sohn eines Arztes und einer Sozialarbeiterin geboren. Seine Heimatstadt bezeichnet er als bedrückend. Er studiert zunächst Jura und wendet sich dann dem Theater und dem Fernsehen zu. Frears ist Pragmatiker. Anfang der 1990er-Jahre sagt er: „Der englische Film hat eine Renaissance erlebt, aber die ist nun vorbei. Das Problem ist wirtschaftlicher Natur. Das Land ist zu klein, und den Leuten hier ist das Kino weniger wichtig als den Franzosen.“ Seine Arbeit ist durchaus politisch, obwohl Frears diesen Aspekt stets herunterspielt: „Hanif Kureishi (Romanschriftsteller und Drehbuchautor von Frears’ London-Trilogie) ist viel politischer als ich.“ Eine politische Figur allerdings reizt ihn: „Margaret Thatcher hat die Macht um den Verstand gebracht. Das ist ein regelrechtes Psychodrama und der Stoff für einen Film.“ Auf dieses filmische Pamphlet wartet die Welt noch immer. Dafür hat Frears den Fernsehfilm „Doppelspitze“ (2003) gedreht. Er handelt von einem vertraulichen Treffen Mitte der 1990er-Jahre zwischen Gordon Brown und Tony Blair (wie in „Die Queen“ von Michael Sheen gespielt), bei dem Brown seinem Rivalen volle Unterstützung für den anstehenden Wahlkampf zusichert. Als Gegenleistung überlässt Blair ihm das Finanzministerium und somit die Kontrolle über die Wirtschaftspolitik; und er verspricht, nach zwei Legislaturperioden das Amt des Premiers an Brown abzutreten.
Frears erstes Werk, der Kurzfilm „The Burning“ (1967), erzählt von den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Schwarzen und Weißen in Südafrika. In seinem ersten Spielfilm, der 1972 in die Kinos kommt, gibt sich der junge Regisseur weniger sozialkritisch: „Gumshoe“ ist eine Parodie des klassischen amerikanischen Film Noir, mit Albert Finney in der Rolle eines Liverpooler Bingo-Hallen-Ausrufers, der sich für einen Privatdetektiv hält. Der Film erinnert an „Modesty Blaise – Die tödliche Lady“ (1971) von Joseph Losey und an die erste Fassung von „Casino Royale“ (1967). Dass man mit diesem Genre auch danebenliegen kann, beweist im selben Jahr „Pulp“ (1972) von Frears’ Landsmann Mike Hodges, nach dem legendären „Get Carter“ (1971) die zweite Zusammenarbeit zwischen Hodges und dem Schauspieler Michael Caine. Frears wendet sich dem Krimi erst wieder 1984 zu. Sein zweiter Spielfilm, „Die Profikiller“, ist ein konziser Roadmovie, in dem zwei Gangster (gespielt von John Hurt und Tim Roth) einen ehemaligen Kronzeugen und Denunzianten (Terence Stamp) nach Spanien entführen, wo er liquidiert werden soll. Dabei bringt das Opfer die beiden durch seine Gelassenheit völlig aus der Fassung. Zwischen „Gumshoe“ mit seinen filmgeschichtlichen Anklängen und „Die Profikiller“ mit seiner Hommage an eine antiquierte Gangsterwelt arbeitet Frears, wie seine Kollegen Mike Leigh und Ken Loach, fleißig für das britische Fernsehen. Auch hier ist seine Sicht der Dinge abgeklärt: „In den 1960er-Jahren bewunderte ich die Filme von Karel Reisz und Jack Clayton. Aber da sie in einem konventionell beengten System arbeiteten, gerieten sie irgendwann in eine Sackgasse. Zu jener Zeit war das Fernsehen die große Entdeckung. Die Regierung bezuschusste die BBC – aber ganz bestimmt nicht das Kino.“
Sein Fernsehwerk ist beeindruckend umfangreich. Auch wenn die Form nicht immer mithält, bleibt der Inhalt stets sozialkritisch. Die Apathie in den Arbeiterstädten, Streiks und Stromausfälle, Arbeitslosigkeit und Drogensucht sind die Themen von „Last Summer“ (1977) und „Cold Harbour“ (1978). „Daft as a Brush“ (1975, mit Jonathan Pryce) schildert das tragikomische Leben eines Postboten in einem kleinen Yorkshire-Dorf, der den Tod seiner Tochter nicht verwindet und kauzig wird. „Blutige Streiche“ (1979) ist wohl Frears’ bekanntester Fernsehfilm aus dieser Zeit, ein Jugenddrama über zwei Jungen, die Verbrechen vortäuschen und an den Rand der Gesellschaft driften. Frears beleuchtet den desolaten Zustand seiner Heimat England, die Gewalt der Gesellschaft und den Einfluss auf den Einzelnen. Diesen Themen bleibt er lange treu, und Spuren davon sind auch noch in „Die Queen“ zu finden. In „Play Things“ (1976) erzählt von Erpressungen in ganz verschiedenen Gesellschaftsgruppen. „One Fine Day“ (1979) behandelt das Thema Klassenunterschiede anhand einer Hochzeit, einmal mehr zugleich satirisch und gefühlvoll.
Aber Frears hat auch harmlosere Fernsehfilme abgedreht. So zum Beispiel die Verfilmung von Jerome K. Jeromes legendärem Männertrip „Drei Mann in einem Boot“ (1975, mit dem Monty-Python-Mitglied Michael Palin) und die Jean-Renoir-Hommage „A Day Out“ (1972), die einen weiteren bukolischen Ausflug in Szene setzt. Frears: „Aus irgendeinem Grund habe ich ziemlich viele Filme auf dem Lande gedreht, obwohl ich mich absolut nicht dafür interessiere. Ich bin ein Stadtmensch, liebe Gehsteige und Tiefgaragen.“ Für die Schauspieler sind Frears’ Fernsehfilme eine ganz besondere Erfahrung. Fast alle bedeutenden britischen Darsteller, die heute in Hollywood gefragt sind, haben in Frears’ Fernsehlabor experimentiert. Man denke nur an Judi Dench, Ian McKellen, Colm Meaney, Gary Oldman oder Daniel Day Lewis. Das Fernsehen ist auch wichtig für Frears’ Durchbruch als Spielfilmregisseur: „Mein wunderbarer Waschsalon“ (1985) und „The Snapper – Hilfe, ein Baby!“ (1993) wurden beide von der BBC produziert.
Rückkehr in die Hauptstadt
Die London-Trilogie ist ein Abbild der Thatcher-Ära. Nasser, der Besitzer des „wunderbaren Waschsalons“ spricht von seiner verhassten englischen Heimat als einem Drecksland, in dem es nur darum gehe, das System so geschickt wie möglich auszunutzen. Seinen Lover behandelt er wie einen Angestellten; ihre Beziehung passt sich dem allmächtigen und hemmungslosen Kapitalismus an, in dem sie leben, bleibt aber bei aller Geldgier erotisch. „Prick up your ears“ (1987) ist – wie auch Bruce Robinsons Kultkomödie „Withnail & I“(1988) – ein bissiges Porträt der Swinging 60’s und erzählt ein authentisches Schicksal. Der homosexuelle Dramatiker Joe Orton gelangte in den 1960er-Jahren zu spätem Ruhm und wurde von seinem Liebhaber und Lehrmeister, einem erfolglosen Schriftsteller aus besseren Verhältnissen, ermordet. Alan Bennett hat am Drehbuch von „Prick up your ears“ mitgearbeitet: „Für mich ist das kein Film über Homosexualität, sondern ein Ehedrama. Ein Paar macht gemeinsam schwierige Zeiten durch. Dann wird der Mann plötzlich berühmt und versucht, seine Frau loszuwerden.“ Der letzte Teil der London-Trilogie, „Sammy und Rosie tun es“ (1987), spielt mitten in einer chaotischen, von Obdachlosen bevölkerten Hauptstadt und ist ein Plädoyer für die Sexualität und gegen den Polizeistaat.
Frears hat Erfolg mit seinen eindeutig britischen Filmen, der Weg nach Hollywood ist geebnet. Obwohl er nicht mit einem englischen Pädagogen oder Historiker verwechselt werden möchte, dreht er 1997 – kurz nach dem hundertjährigen Jubiläum des Kinos – die Dokumentation „Typically British“, eine Art Genealogie des britischen Films. Seine Überzeugungen sagen viel über seine eigene ungleiche Filmografie aus: „Man sollte sich nichts vormachen. Es gibt keine Verbindung zwischen den verschiedenen britischen Filmemachern und Epochen. Im Gegensatz zu Frankreich gibt es bei uns keine Werkstatt, wo sich Autoren treffen und Projekte entstehen. Unsere Filmemacher arbeiten isoliert, und mit Ausnahme von Peter Greenaway verstehen sich nur wenige von ihnen als Künstler. In den 1990er-Jahren haben wir begriffen, was wir tun mussten, um populärer zu werden. Ken Loach, Mike Leigh und ich hatten dreißig Jahre zuvor begonnen, ganz ohne Druck von außen. Dann hat sich das Kino verändert, war nur noch auf Gewinn bedacht und wurde abstoßend. Aber wir waren alle intelligent genug, um gemeinsam mit unseren Zuschauern zu überleben. Heute muss man für jeden neuen Film ein eigenes Publikum finden**.“ Die Kritikerin Eithne O’Neill schreibt in ihrem Buch über Frears: „Seine Figuren sind Waisen oder wären es gerne. Wo immer sie auch hingehen, sie haben kein Zuhause.“
Frears Werk bleibt heterogen. In Hollywood dreht er einen weiteren Film über den Niedergang der modernen Gesellschaft: „Ein ganz normaler Held“ (1992, mit Dustin Hoffman) ist zugleich eine schöne Hommage an Capra und eine scharfe Parabel über Lügenvermarktung in den Medien. Gleich darauf setzt er in der britischen Produktion „The Snapper – Hilfe, ein Baby!“ (1993) ein paar ungenierten und spottlustigen Damen aus Dublin ein Denkmal, die entschlossen gegen männliche Vorurteile ankämpfen. Ausschließlich im Studio dreht er sein vielleicht ehrgeizigstes Projekt, „Mary Reilly“ (1996). Die originelle Version von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ bleibt unverstanden, ebenso wie die Leistung einer bleichen und hohläugigen Julia Roberts in der Titelrolle. Mit „High Fidelity“ (2000) wagt er sich an die Pop-Prosa Nick Hornbys und an das Schicksal eines unglücklichen und untätigen Plattenladenbesitzers. Momentan arbeitet Frears in den amerikanischen CBS-Studios am Pilotfilm einer neuen Fernsehserie mit Namen „Skip Tracer“.
Im Mai ist er Jurypräsident der Filmfestspiele in Cannes, dem wohl reizvollsten Wettbewerb für Spielfilme. Als vor einem Jahr „Lady Henderson präsentiert“ (mit Bob Hoskins) ohne viel Aufsehen in den Kinos anlief, wäre wohl kaum jemand auf die Idee gekommen, den Briten als einen Regisseur zu bezeichnen, den man unbedingt kennen muss. Frears ist es wichtig, auch weiterhin sowohl fürs Fernsehen als auch fürs Kino zu arbeiten, denn beide Medien wollen auf ihre Art eine Welt widerspiegeln, die seit „Gumshoe“ nicht gerade stabiler geworden ist.
Julien Welter
- Bibliografie:
• Jonathan Hacker & David Price, Take ten: Contemporary British Film Directors, Clarendon Press, 1991
• Interviews mit Stephen Frears von Nicolas Saada (Januar 1991*) und Marie-Anne Guérin (Juni 1995**), erschienen in „Les Cahiers du Cinéma“
• Charles Barr & Stephen Frears, Typically British: Short History of the Cinema in Britain, British Film Institute, 1997






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