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Kino auf ARTE - 29/05/12

Brazil

Spielfilm, Großbritannien, 1985, ARTE F, 137 Min.
Regie: Terry Gilliam, Drehbuch: Terry Gilliam, Tom Stoppard, Charles McKeown, Kamera: Roger Pratt, Musik: Michal Kamen, Schnitt: Julian Doyle, Produktion: Brazil Production, Produzent: Arnon Milchan
Mit: Jonathan Pryce (Sam Lowry), Robert de Niro (Harry Tuttle), Katherine Helmond (Mrs. Ida Lowry), Kim Greist (Jill Layton), Ian Holm (Mr. M. Kurtzman), Bob Hoskins (Spoor), Ian Richardson (Warrenn)

Sam Lowry arbeitet in einem hochtechnisierten Konzern einer Zukunftswelt, in der Bürokratie groß geschrieben wird. Alles wird strengstens geprüft, doch ein kleiner Tippfehler löst eine Kette von schrecklichen Ereignissen aus: Der unschuldige Familienvater Buttle wird für den Terroristen Tuttle gehalten und hingerichtet. Nun soll Lowry dem Fehler nachgehen ...



Irgendwann in naher Zukunft: In einer unwirtlichen Welt einer repressiven Gesellschaft versucht der schüchterne Angestellte Sam Lowry sich so unauffällig wie möglich zu verhalten. In seiner freien Zeit träumt er sich in die Rolle eines beflügelten Helden hinein, der seine Geliebte aus den Fängen schrecklicher Ungeheuer befreit. Doch die Realität sieht anders aus: Sams Leben wird von seiner Mutter dominiert, die ihm gegen seinen Willen Beförderungen verschafft und ihn mit der unbeholfenen Tochter ihrer Freundin verkuppeln will. Eines Tages unterläuft im Konzern ein folgenschwerer Fehler: Nicht der gesuchte "Terrorist" Tuttle wird hingerichtet, sondern ein unschuldiger Familienvater namens Buttle. Sam bekommt den Auftrag, dem Fehler nachzugehen. Dabei freundet er sich nicht nur mit dem berüchtigten Tuttle an - dessen einziges Verbrechen es ist, unbürokratisch, also staatsfeindlich, zu arbeiten - sondern trifft auch die Frau aus seinen Träumen, Jill, in Fleisch und Blut. Da sie gleich wieder verschwindet, setzt Sam alles daran, sie zu finden. Er lässt sich nun doch befördern, um an Informationen zu gelangen, und entdeckt, dass sie ebenfalls unschuldig verhaftet werden soll. Es beginnt eine Jagd, die gleichzeitig Versteckspiel ist und Kampf gegen die bis ins Absurde gesteigerte Bürokratie, gegen menschenfeindliche Gesetze und falsche Freunde.

Das Thema von "Brazil" ist der Kampf des Einzelnen gegen die Übermacht der Bürokratie. Ein Kampf, der auch die Produktionsgeschichte bestimmte, wie übrigens bei bisher jedem Film von Terry Gilliam. Trotz des Staraufgebots war "Brazil" ein unsicherer Kandidat für die Filmindustrie, denn Idee und Konzept waren im Vergleich zu gängigen Science-Fiction-Produktionen der Traumfabrik ziemlich radikal. Vor diesem Hintergrund kam es zum Streit zwischen Gilliam und den Produzenten, und der Film wäre beinahe nicht fertig gestellt worden.
Allein die Atmosphäre des Films, der das Bild einer düsteren, von gigantischen Verwaltungsgebäuden zugestellten Zukunftsstadt zeichnet, deren Bewohner unter chaotischen und ärmlichen Verhältnissen leben, ist hochgradig bedrückend. Aber vor allem die Vorstellung, im Wahn glücklicher zu sein als bei klarem Verstand, also die eingebildete Wirklichkeit der unerträglichen Realität vorzuziehen und letztendlich völlig auf ein "biologisches" Leben zu verzichten, war ziemlich harter Stoff für die Hollywood-Produzenten. Das Publikum ist allein schon durch die Komplexität der Handlung latent überfordert.
Desillusionierung statt Happy End: Terry Gilliam hat das Pragmat der Unterhaltung mit den Füßen getreten und sich gegen die Hollywood-Studios durchgesetzt - und damit ein Kunstwerk geschaffen. "Brazil" hat nach 23 Jahren nichts von seiner Brisanz und Schockwirkung eingebüßt. Ein hochgradig einflussreicher, nicht zuletzt bildgewaltiger Beitrag zum Science-Fiction-Genre, der dank seiner Überfülle an Ideen und seinem durchwegs großartigen Ensemble längst zum Klassiker geworden ist.

Brazil
Montag 4. Juni 2012 um 02.40 Uhr
Keine Wiederholungen
(Großbritannien, 1985, 137mn)
ARTE F

Erstellt: 29-05-12
Letzte Änderung: 29-05-12