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ARTE Reportage vom 18. Januar 2006 - 29/03/06

Brasilien : Schnaps im Tank

Transkription


Von Jacques Rieg et Denis Colle – ARTE GEIE / SAPA – Frankreich 2005 (17’30)

Das grüne Erdöl Brasiliens
Onofre, 59 Jahre alt, verkauft Zuckerrohrsaft. Sein fahrendes Unternehmen - eine Saftpresse auf einem Pick-up - ist klein, doch wer keine Rente hat, muss schauen, wie er zurecht kommt:
„Manchmal ist es hart, wenn es kalt ist oder wenn keine Leute unterwegs sind, doch manchmal läuft das Geschäft auch, auf Märkten zum Beispiel, dann reicht es zum Leben für mich und meine Frau.“
Ronald liebt den zuckersüßen Saft und Energiespender, wie viele andere seiner Landsleute. In der Region Sertaozinho, im Bundesstaat Sao Paulo, ist Zuckerrohrsaft das typische Getränk.
Der Saftverkäufer und Ronald machen noch nicht Feierabend. Die Zuckerregion mit ihren riesigen Raffinerien und weiten Zuckerrohrfeldern bringt vielen Arbeit. Ronald, der Taxifahrer verdient sein Geld mit Kunden aus der Zuckerindustrie:
„Die Wirtschaft hier lebt vom Zuckerrohr, das gilt nicht nur für mich. Zuckerrohr zieht Leute an, auch Touristen und schafft somit Arbeitplätze.“
Der Zuckerrohrsaft schmeckt sogar Ronalds Auto, destilliert, versteht sich. Äthanol, Zuckerrohralkohol, ist in Brasilien ein immer beliebterer Treibstoffersatz. Äthanol ist halb so teuer wie Benzin und umweltfreundlich: kein Blei, keine Partikel - und sorgt für weitaus weniger Kohlendioxidausstoß. Selbst wenn der Wagen etwas mehr schluckt, geht die Rechnung auf: 1 Liter Benzin kostet 2 Reals 47 – rund 1 Euro-, 1 Liter Äthanol die Hälfte, also 50 Cents.
„Eine Ersparnis von 40 % und der Wagen läuft sogar besser, es geht flotter voran als mit Benzin.“

Das grüne Erdöl des Landes … Zuckerrohr wächst in Brasilien wie Unkraut auf 5 Millionen Hektar . Zuckerrohr ist pflegeleicht, braucht weder viel Wasser noch Dünger und bereichert zudem nährstoffarmen Boden. Schwer beladene LKW kreuzen unseren Weg und die Feuerwehr, die nicht zum Bewässern kommt, sondern die Brandarbeiten überwacht.
Die Windrichtung muss stimmen, wenn das Feld mit Flammenwerfern für die Ernte am nächsten Tag vorbereitet wird. Die messerscharfen Blätter würden die Erntehelfer verletzen und werden deshalb abgefackelt. Eine Methode, die es bald nicht mehr geben wird, aus Umweltschutzgründen. Und das ist am nächsten Tag übrig.
Zuckerrohr beschäftigt 1.3 Millionen Brasilianer, doch es fehlt an Erntehelfern. Für 200 Euro im Monat müssen sie hart arbeiten, die Rohre werden einzeln geschlagen und aufgeschichtet. Dann wird gemessen. Nicht das Gewicht entscheidet über den Lohn, sondern das Maß.
Ein Erntehelfer:
„Ich hoffe, dass wir auch in Zukunft Arbeit haben werden, das hoffen wir hier alle. Die Technik macht immer größere Fortschritte. Immer mehr Menschen werden durch Maschinen ersetzt.“
Und eine Maschine ersetzt einhundert Männer. Davor haben die Arbeiter Angst. Und die Nachfrage ist so stark, dass eine Automatisierung unausweichlich scheint. Heute wird Zuckerrohr nur auf 5 Millionen Hektar angebaut, weniger als die Getreideanbaufläche in Deutschland oder Frankreich. Doch Brasilien verfügt über eine weitaus höhere Entwicklungsspanne.

Der Plan Pro-Alcool : vom Zuckerrohr zum Äthanol
Aus Zuckerrohr wird Zucker gemacht, aber auch Äthanol, seitdem, 1975, nach der ersten Erdölkrise, die damalige Militärregierung den Plan PRO-ALCOOL verabschiedet hatte, als Erdöl-Sparmaßnahme.
Die Verwendung von Zuckerrohr wurde zur Herstellung von Äthanol weiterentwickelt: zunächst als Mischung mit Benzin, anschließend als alleiniger Treibstoff für speziell entwickelte Motoren.
Der Vorteil: der Rohstoff ist 100 % brasilianisch. 30 Jahre später reiben sich die Erben dieses inzwischen privatisierten Systems die Hände. Der Verband der Zuckerrohrhersteller in Sao Paulo schaut zuversichtlich in die Zukunft, vor allem wenn die Erdölpreise weiterhin steigen.
Antonio de PADUA RODRIGUES, Technischer Leiter UNICA, Herstellerverband SaoPaulo:
„Im Vergleich zu Benzin ist Alkohol heute schon bei einem Preis von 35 Dollar pro Barrel Erdöl wettbewerbsfähig. Bei dem momentanen Preis von 60 Dollar ist Alkohol also umso vorteilhafter. Umweltfragen und steigende Erdölpreise steigern die Nachfrage auch von ausländischen Märkten, schon morgen kann Brasilien eines der wichtigsten Anbieterländer werden.“
Die Fernsehspots der UNICA versprechen es glaubhaft: Zuckerrohr ist die Energie der Zunkunft. Bereits in den 30-ern kamen erste Prototypen mit Alkohol voran, doch zum Marktführer wurde Brasilien dank der Zuckerindustrie. Die kleinen Raffinerien haben sich zu gigantischen Anlagen entwickelt, vor denen, bis zum Ende der Saison im Dezember, die LKW-Fahrer geduldig warten, bis sie abladen können…
In diesen Lastern befinden sich von Hand zerkleinerte Zuckerrohre, man sieht, dass sie nur grob bearbeitet sind. Dort, in den geschlossenen Containern lagern maschinell zerkleinerte Zuckerrohre, , sie sind feiner geschnitten.“
Ronald begleitet uns nach Santa Elisa zu einer der weltweit größten Zuckerrohrraffinerien. Insgesamt gibt es 320 Anlagen dieser Art in Brasilien, 50 neue sollen in naher Zukunft folgen.10 Neugründungen pro Jahr sind geplant. Das Energieproblem scheint hier seine Lösung zu finden, und schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Zuckerrohr fördert die Wirtschaft und schont die Umwelt. 2005 hat Brasilien 380 Millionen Tonnen Zuckerrohr verarbeitet. 2010 soll die Produktion 500 Millionen überschreiten. Die Stangen werden gewaschen und zermahlen, die Saccharose von der Zellulose getrennt, übrig bleibt die Bagasse.
Um gleichzeitig Zucker und Alkohol zu gewinnen, werden alle Produktionsstufen parallel gewertet.
Sebastiao Henrique Rodrigues Gomes Geschäftsführer Raffinerie Santa Elisa Ribeirao Preto – Bundesstaat Sao Paulo:
« Alle Stufen der industriellen Fertigung werden in diesem Raum kontrolliert, denn hier können alle Entscheidungen schnell getroffen werden, falls Probleme, auch unvorsehbare auftauchen … hier im Betrieb nennen wir diesen Raum „NASA“.
Die Raffinerie hat schon immer Zucker hergestellt, oft auch nur Zucker, doch die Nachfrage für Alkohol steigt mehr und mehr. In diesem Jahr fließt 55 % der Ernte in die Gewinnung von Alkohol, sie lagert in diesen riesigen Tanks. Nach der Destillierung entstehen so 250 Millionen Liter Äthanol. Grünes Erdöl, weißes Gold – Senor Henrique ist zufrieden:
« Das weiße Gold Brasiliens ! Brasilianische Qualität erster Güte. Von hier aus geht der Alkohol direkt in die Autotanks.“
Die Fabrik arbeitet autark. Sie produziert die notwendige Energie mit eigenen Abfällen. Nicht geht verloren, durch die Verbrennung der Bagasse wird Hitze und Dampf erzeugt. Durch ein Ko-Generationssystem stellt die grüne Anlage genügend Energie für die gesamte Raffinerie her. Der Überschuss wird an den Staat verkauft – genügend Strom für eine 400 000 Einwohner-Stadt.
Sebastiao Henrique Rodrigues Gomes :
„Wir stellen hier Alkohol her, der als Treibstoff für Fahrzeuge dient. Wir produzieren auch Strom, alles dank einer erneuerbaren Energie, dem Zuckerrohr, einer Pflanze. Aus dieser Pflanze stellen wir alles her ... In den 60-er, 70er Jahren war die Bagasse reiner Abfall, niemand wusste, wie sie weiterverwendet werden kann. Heute ist die Bagasse ein edler Brennstoff, der zur Herstellung von Strom verwendet wird.“


"Flex", die umweltfreundliche Motoren
Sao Paulo: mit 20 Millionen Einwohnern, die drittgrößte Stadt der Welt. Ein wahnsinniger Verkehr herrscht hier, doch wer genau hinschaut: die Auspuffrohre verpesten kaum. Die Tatsache, dass kein Blei mehr die Luft verschmutzt, zeigt Wirkung. In Brasilien ist der Treibhauseffekt dank Äthanol in nur wenigen Jahren um 13 % gesunken, mehr als das Kyoto-Protokoll verlangt. Herr Russos Ford stammt aus den 80-ern, und ist eines der ersten Modelle, die zu 100 % mit Alkohol funktionieren. Das Sammlerstück zeugt von einer Zeit, in der Alkohol als Treibstoff noch recht abenteuerlich war.
In den 90-ern war es schwieriger, da war Alkohol nicht überall zu finden. Jetzt ist es besser. Man kann überall welchen finden und der Alkohol hat auch Qualität.
Dass sich Alkohol als Treibstoff so erfolgreich auf dem Markt durchgesetzt hat, ist FLEX zu verdanken: FLEX, wie Flexibilität. In diesem Jahr waren 70 % der in Brasilien verkauften Autos mit FLEX ausgerüstet, sie funktionieren sowohl mit Alkohol als auch mit Benzin. Die Luftqualität ist zufriedenstellend, Sao Paulo kann seine Sonnenuntergänge wieder genießen.

Volkswagen hat das Konzept als erster Hersteller eingeführt. 2002 haben die VW-Ingenieure im Werk von Sao Bernardo do Campo das vielversprechende Modell GOL, eine Art Polo Golf, mit dem FLEX-Sysem ausgerüstet.
Roger GILERMI Chefingenieur – VOLKSWAGEN:
„Wenn Sie die Motorhaube öffnen, sehen Sie keinen großen Unterschied. Das einzige, was notwendig ist, ist eine Hilfestellung beim Kaltstart. Das elektronische Kontrollsystem hier steuert diese Pumpe, die beim Start ein bisschen Benzin aus diesem Behälter in den Motor pumpt.“
Volkswagen rüstet die Mehrzahl seiner KFZ-Modelle mit dem FLEX-System aus. Seit 19 Jahren ist der GOL das meistverkaufte Auto Brasiliens, es ist günstig und umweltfreundlich, und wird wohl auch ein Renner bleiben.
« Dieser Hersteller hat ganz einfach einen Markt entdeckt. Wir sind uns darüber bewusst geworden, dass viele Leute Alkohol als Treibstoff wollen, ohne dafür große Veränderungen am Motor ihres Fahrzeugs durchführen zu müssen. Diese Nachfrage hat uns dazu veranlasst, unser System in den Motor einzubauen, damit der Verbraucher sich nicht beim Neukauf für einen Typ Treibstoff entscheiden muss, sondern erst an der Tankstelle.“
In nur einem Jahr hat sich der Verkauf der Flex-Modelle verzehnfacht.
Die Nachfrage ist derart groß, dass fast alle internationale Automobilhersteller ihre Modelle mit Flex-Fuel ausrüsten.

Victor HARA RENAULT Vertragshändler Sao Paulo:
„Bis in ein zwei Jahren werden schätzungsweise 80 bis 90 % der in Brasilien verkauften Modelle mit der Flex-Technologie ausgerüstet sein. Für die Hersteller gibt es gar keine Alternative, sie müssendiesen Motorentyp anbieten.“
Und in der Heimat des Luftfahrtpioniers Santos Dumont bekommt der Alkohol auch Flugzeugen gut. Seit März startet ein grüner Flieger durch, die rote Konkurrenz mit ihren Benzin-Tanks hat das Nachsehen. Die Rechnung geht auf. Alkohol als Treibstoff kostet nur ein Viertel so viel wie Kerosin und ist weitaus umweltfreundlicher. Und hier der weltweit erste und einzige Versuchspilot, der eine Maschine mit Alkohol als Treibstoff steuert. Sein erster Flug ist erst ein paar Monate her :
„Das Flugverhalten ist besser, die Leistung ist im Vergleich zum Benzin-Modell um 7 % stärker, das spürt man beim Start, die Maschine hat mehr Power.Ansonsten, beim Flug, gibt es keine Unterschiede.“
Dieses Agrarflugzeug kommt in den Fazenda, den großen Anbaubetrieben zum Einsatz. Kostenpunkt: 250 000 Dollar, fast derselbe Preis wie für die mit Kerosin betriebene Maschine. Zwei Jahre Forschung waren notwendig.
Acir Luiz de A PADIHA Jr Generaldirektor NEIVA:
Die größten Schwierigkeiten hatten wir mit dem Treibstoff, da gab es Überraschungen. Alkohol für Flugzeuge unterliegt nicht denselben Bedingungen wie Alkohol für Fahrzeuge. Bei Flugzeugen kommen Parameter wie Höhe, Luftdruck und enorme Temperaturschwankungen hinzu, das macht die Sache komplizierter.“
Im Werk von Botucatu, 200 Km von Sao Paulo, ist man auf diese Weltpremiere zurecht stolz. In nur wenigen Monaten wurden 40 Maschinen verkauft, 130 Besitzer von Ipanema-Kerosin-Modellen wollen auf Alkohol umrüsten. Langstreckenflüge sind technisch noch nicht möglich, doch geplant ist die Ausrüstung von kleinen Maschinen, auch für Personentransporte. Die brasilianische Flotte ist die zweitgrößte der Welt, 12 000 potentielle Kunden, ein großer Markt.
Zurück nach Sao Paulo. Mit dem revoltionären Flex Fuel System wird in dieser Tankstelle heute bereits mehr Alkohol als Benzin verkauft. Reines Benzin gibt es in Brasilien sowieso nicht mehr. Aus Umweltschutzgründen wird Benzin mit mindestens 25% Alkohol verdünnt. Selbst herkömmliche Motormodelle, wie sie auch in Europa üblich sind, vertragen das Gemisch sehr gut.
Tankstellenleiter SHELL - Marco A.SATORI Geschäftsführer:
„Die Tendenz auf dem brasilianischen Automobilmarkt geht ganz deutlich zu Flex-Fuel-Modellen. Parallel dazu steigt dann natürlich auch die Nachfrage nach Äthanol als Treibstoff.“
Die brasilianischen Forscher sind davon überzeugt, dass Äthanol, neben Wasserstoff, einer der Treibstoffe des 21. Jahrhunderts sein wird. Und Rohrzucker hat noch andere Qualitäten: Die Hydrolyse, die Spaltung einer chemischen Verbindung unter Anlagerung von Wassermolekülen ist vielversprechend.

Erweiterung der Äthanolproduktion in den Entwicklungsländern
Isaïas MACEDO Professor Universität Campinas:
„Das Hydrolyse-Verfahren, wenn es gut ausgereift ist, bedeutet eine Steigerung der Alkoholproduktion um 70 bis 80 % - mit derselben Anbaufläche wird das in Zukunft möglich sein. Das ist für uns natürlich sehr interessant, auf dem internationalen Äthanolmarkt, werden wir zu den Marktführern gehören, wir werden nicht die einzigen sein, doch genau diese Konkurrenzsituationas ist für andere Länder interessant.“

Nicht alle Länder dieser Welt, doch einige, vor allem Entwicklungsländer könnten schon morgen Äthanol produzieren.
« Tropische Länder, hauptsächlich afrikanische südlich der Sahara verfügen über gute klimatische Bedingungen für die Gewinnung von Äthanol – sie haben ausreichend Land und Boden und selbst die Feuchtigkeitsbedingungen sind gut, es fällt ausreichend Regen, das gilt auch für einige asiatische Länder und andereTeile Lateinamerikas.“
Noch ein paar Tipps vor der Abfahrt. Régis hat sich das 3 Millionste Flexible-Fuel-Auto des Landes geleistet. Und wenn die Erdölpreise weiter steigen, ist sicher, dass sein Peugeot nie auch nur einen Tropfen Benzin sehen wird.
Sao Paulo wird zur saubersten Stadt Lateinamerikas werden und « SI DEUS QUE ZE », so Gott es will, wird aus Brasilien das Saudiarabien des 21. Jahrhunderts … mit dem einzigartigen Vorteil, dass es über erneuerbare Energien verfügt.


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ARTE Reportage
Das internationale Nachrichtenmagazin
mittwochs gegen 21.35 Uhr

Erstellt: 19-01-06
Letzte Änderung: 29-03-06