Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > Cannes 2007 > Die Filme > Brando

Cannes 2007 - Cannes Classics - 11/09/08

Brando

Dokumentation von Mimi Freedman und Leslie Greif über Marlon Brando


Ein in der Materialfülle beeindruckendes, aber etwas willkürlich zusammen geschnittenes Portrait.

(USA, 165’)

Kritik: Hat man von und über Marlon Brando nicht schon alles gesehen und gehört? Keineswegs, die von Turner Classic Movies (TCM) aufwändig realisierte Eigenproduktion zeigt neben bekanntem auch faszinierendes, bisher unveröffentlichtes Material, und versammelt in exklusiven Interviews über die Hollywood-Ikone ein Who’s who der amerikanischen Regie- und Schauspielergarde.

Die Regisseure Bertolucci, Scorsese, Arthur Penn und Andrew Bergmann liefern dabei sehr spannende und differenzierte Beschreibungen der Zusammenarbeit mit Brando, die Schauspielerkollegen Al Pacino, Dennis Hopper, Robert Duvall, Jane Fonda, Angie Dickinson und Johnny Depp - um nur einige zu nennen – sind wie zu Erwarten mehr für die emotionalen, zwischenmenschlichen Statements zuständig.

Natürlich war Brando schwierig, und vor allem in den späteren Jahren, nicht zuletzt durch die eigene, tragische Familiengeschichte auch launisch und bitter. Der Film vermittelt mit seiner großen Materialfülle aber auch ein ganz anderes Brando-Bild, er zeigt den wunderbaren Humor dieses großen Schauspielers, wie gerne er Späße machte und einfach herumalberte. Und das auch noch in den letzten Jahren (Brando starb am 1. Juli 2004), als der seelische und körperliche Verfall ihn schon schwer gezeichnet hatte. Über die Brando-Biografie hinaus zeichnet die Dokumentation ein bedeutendes Kapitel der amerikanischen Filmgeschichte nach, denn, wie Scorsese es an einer Stelle sagt: „Es gibt den amerikanischen Film vor Brando und nach Brando – er hat alles verändert.“

Sogar die Familienmitglieder waren bereit, an diesem definitiven Brando-Portrait mitzuwirken, so dass man mit diesem Material und diesen Interviewpartnern eigentlich nicht viel falsch machen konnte. Man hätte dem Film allerdings eine deutlichere Struktur und bessere Einteilung gewünscht, die Interviews erscheinen manchmal beliebig aneinander gereiht, die biografischen Einspieler sehr sprunghaft, das Ganze etwas zu schnell zusammen geschnitten. Vielleicht ist das ja noch zu verbessern, wenn die als Zweiteiler konzipierte Dokumentation noch entsprechend bearbeitet wird.
Der Faszination und der Magie, die von Brando ausgingen, nimmt das wenig, und bei allen, die von ihren Begegnungen mit ihm erzählen, ist zu spüren, dass es etwas Besonderes gewesen sein muss, ihn zu treffen. Solche Ausnahmeerscheinungen sind eben selten, vielleicht hat Quincy Jones gar nicht zu hoch gegriffen, wenn er sagt, dass Brando für die Film-Schauspielkunst eine Bedeutung hat, wie Picasso für die Malerei und Miles Davis für die Jazzmusik. Dem wird diese Dokumentation trotz des reichen Materials dann doch noch nicht gerecht.

Thomas Neuhauser

Erstellt: 23-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08