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Hommage an Boris Vian

Eine Reise durch Boris Vians bewegtes Leben im Rhythmus des Jazz, der ihn von Kindheit an begeisterte.

Hommage an Boris Vian

Ein wildes Leben in Saint-Germain - 10/01/12

Boris Vian: Ein Porträt in Musik

In seinem Film will der Regisseur Philippe Kohly ein Porträt von Boris Vian zeichnen, das dem französischen Schriftsteller und Jazztrompeter gerecht wird. Hier erzählt er von seinem Film...

Der Film will ein Porträt von Boris Vian zeichnen, das dem französischen Schriftsteller und Jazztrompeter gerecht wird. Neben Elementen und Bildern in klassischer Dokumentarform – Lebensstationen, Archivmaterial, Fotos – steht die musikalische Begleitung durch eine Jazzformation, deren Auftritte speziell für den Film inszeniert wurden. Denn der Jazz war die einzige wirkliche Leidenschaft von Boris Vian. „Er lebte nur für den Jazz, er hörte nur Jazz, und Jazz war sein Ausdrucksmittel“ sagte der befreundete Henri Salvador über ihn.

Über den Jazz öffnete sich Boris Vian mit 17 Jahren der Welt (als er dem französischen Hot-Club beitrat), und nachdem er der Literatur endgültig den Rücken gekehrt hatte, klang sein kurzes Leben im Alter von 39 Jahren auch mit dem Jazz aus (er leitete eine Plattenreihe für den Musikproduzenten Eddie Barclay). Schreiben kam für ihn erst an zweiter Stelle. Er spielte bereits Trompete, als er mit 23 Jahren zu schreiben begann, und als er mit 30 Jahren wieder damit aufhörte, gab er im selben Jahr auch das Trompetenspiel auf.

Um zu begreifen, welchen Stellenwert der Jazz für Boris Vian hatte, muss man die Jugendjahre des Künstlers kennen. Im Alter von 12 Jahren zog er sich eine Infektionskrankheit zu, die sein Herz dauerhaft schwächte. Mit 15 wurde bei ihm ein lebensgefährlicher Herzklappenfehler festgestellt, durch den ihm ständig der Erstickungstod drohte. Neben dieser körperlichen Einschränkung litt der junge Boris Vian aber auch unter einer überfürsorglichen Familie, die ihn im übertragenen Sinne erstickte, weil sie ihn daran hinderte, sein Leben selbst zu bestimmen.

Den lebensnotwendigen Sauerstoff fand er 1937 im Jazz. Diese damals völlig neue musikalische Welt bedeutete für ihn Leben, Freiheit und Hoffnung. Boris Vians wahres Idol war weder Alfred Jarry noch Franz Kafka, sondern Duke Ellington.

Das Jazz-Quintett wurde im Studio gefilmt und übernimmt im Film eine besondere erzählerische Funktion, bei der die Musik nicht das Wichtigste ist: Die Jazzeinlagen erzählen einfache oder auch sehr komplexe Dinge, die sich weder in Bildern noch im Kommentar ausdrücken lassen.

  • Die erste Erzählebene ist Vians musikalischem Werdegang gewidmet: Hier geht es um die einsamen Trompetenübungen des jungen Boris (im Stil von Bix Beiderdeckes „Crying all day“), um die Vergötterung von Duke Ellington, um Konzerte während der Besatzungszeit und bei Kriegsende im Orchester von Claude Abadie (im Dixieland-Stil), und um das Jahr 1947, als Boris Vian das Orchester im stets übervölkerten Jazzkeller „Le Tabou“ leitete.

  • Auf einer zweiten Ebene spielt der Jazz eine illustrierende Rolle:
    Es sind die Ehejahre mit Michelle Léglise, die er im Alter von 21 Jahren heiratete, die Trennung und Scheidung von ihr zehn Jahre später und Vians darauffolgende Depression, die chaotische Zeit mit Geldproblemen und unregelmäßigen Journalistenjobs, die Verschlimmerung seiner Herzinsuffizienz nach 35, die zu zwei Lungenödemen führte.
    Ist es ein Zufall, dass die Geschichte des Jazz, die Boris jeden Monat in seinen Kolumnen in der Zeitschrift Jazz-Hot kommentierte, offenbar mit seinem eigenen Leben korrespondierte? Denn der Harmonie des klassischen, durchstrukturierten, melodischen Jazz (New Orleans, Duke Ellington) setzte der Be-Bop (Dizzie Gillespie, Charlie Parker, Miles Davis) in den späten 1940er-Jahren ein Ende – genau zu der Zeit, als Vians Liebesleben, sein Selbstbild als Schriftsteller und seine materielle Situation aus dem Lot gerieten …

  • Die dritte Ebene ist eine symbolische: Hier vermittelt das Quintett, was der Kommentar nicht auszudrücken vermag.
    - Boris Vians Schreibstil: Er schreibt schnell, korrigiert sich kaum, lehnt den klassischen Stil ab. Sein Stil ist der eines Gesprächs, das vom Hundertsten ins Tausendste kommt: Die Improvisation des Saxofons vor den anderen Musikern.
    - Die Figuren von Boris Vian, z. B. Chloé in Der Schaum der Tage, die den Name eines Duke-Ellington-Blues’ trägt. Denn Chloé ist der Blues. Wie der Blues nimmt auch ihr Leben einen melancholischen, verhängnisvollen Verlauf bis hin zum sanften, unausweichlichen Tod.
    - Die brüderliche Beziehung zwischen Boris Vian und seinem Alter Ego Jacques Loustalot, alias „Le Major“, der sich im Alter von 23 Jahren aus dem Fenster stürzte. „Le Major“ ist Vians ungehemmtes, handelndes Double; er provoziert die anderen ständig, traut sich Dinge. In seinen ersten Büchern schreibt Boris die Legende Loustalots. Das Jazz-Quintett thematisiert dies im Dialog von Trompete und Saxofon: Die Trompete stimuliert das Saxophon und treibt es immer weiter …
    - Die ideale Gesellschaft laut Boris Vian, der Hierarchien (Alter, Titel) ablehnte und sich mit nur 26 Jahren und unveröffentlicht als Jean-Paul Sartre und Raymond Queneau ebenbürtig betrachtete.
    Hier improvisieren die Musiker reihum, jeder hört dem anderen zu, und wie Boris Vian verleiht jeder seiner Individualität innerhalb der Gruppe Ausdruck.

Das Jazz-Quintett ist in diesem Porträt in Musik fast immer präsent: allein im Studio oder als Begleitung von Vians Manuskripten (Schreibstil), Archivaufnahmen, Hochzeitsbildern usw. So bringen die verschiedenen Ebenen des Porträts Boris Vian als einen Künstler nahe, dem Freiheit über alles ging und der sich jeglicher Einordnung verweigerte.

Philippe Kohly

Erstellt: 20-05-09
Letzte Änderung: 10-01-12


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