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Borgen, Gefährliche Seilschaften

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Borgen, Gefährliche Seilschaften

11/07/13

Politserien: ein faszinierender Spiegel der Gesellschaft

Nur wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich und den USA, bei denen sich alles um die Wirtschafts- und Sozialkrise dreht, hält die Politik auch in die Fernsehserien Einzug. Aktuell präsentieren gleich mehrere davon ihre Sicht auf die Politik – manchmal düster, manchmal verklärend, aber immer faszinierend. Diese Filme schöpfen ihre Inspiration häufig aus dem wirklichen Leben, spiegeln durch das subtile Spiel mit unseren Ängsten aber auch unsere Wünsche und Erwartungen wider, angefangen damit, dass Frauen in höchsten Staatsämtern eines Tages keine Seltenheit mehr sein werden.
 


HABEN FRAUEN IN DEN SERIEN DIE MACHT? 

 

Auch wenn in den USA und Frankreich noch niemals eine Frau das höchste Amt im Staat bekleiden durfte, wurde diese Möglichkeit bereits in einigen Serien thematisiert: 2006, kurz vor den Präsidentschaftswahlen, bei denen Ségolène Royal und Hillary Clinton als ernst zu nehmende Kandidatinnen ins Rennen gingen, konnten wir dies- und jenseits des Atlantik bereits Frauen im Amt bewundern – Anne Consigny in L’Etat de Grace und Geena Davis in Welcome, Mrs. President. Eine feministische und kühne Innovation der beiden Fernsehsender ABC und France 2? Nicht wirklich, denn die beiden Serien zeichneten ein äußerst undifferenziertes und klischeehaftes Bild von Frauen an der Macht, da sie dem Privatleben der beiden Präsidentinnen und ihren jeweiligen Lebensgefährten viel zu viel Platz einräumten, wobei letztere ironischerweise nicht damit zurechtkamen, plötzlich die männliche „First Lady“ zu sein. L’Etat de Grace war sich sogar nicht zu schade dafür, der frisch gebackenen TV-Präsidentin drei Monate nach ihrer Wahl bereits eine Schwangerschaft ins Drehbuch zu schreiben …

 

            Einige Jahre sind seither ins Land gegangen. Mittlerweile interessieren sich die Sender wieder verstärkt für Frauen in der Politik, und zwar in einer zunächst einmal weitaus vielversprechenderen Art und Weise. Die Gesellschaft hat sich in einigen Punkten weiterentwickelt: Hillary Clinton und Ségolène Royal haben in den USA und in Frankreich den Gipfel der Macht nur gestreift. In anderen Ländern jedoch sind Frauen an die Regierung gelangt: in Dänemark (dazu später mehr), Liberia, Argentinien, Finnland und auch in Brasilien. 2012 scheint das Jahr für politische Fernsehserien zu sein, in denen Frauen im Mittelpunkt stehen. Schon seit 2010 gehört Borgen in Dänemark zu den erfolgreichsten Fernsehserien mit durchschnittlich 1,5 Millionen Zuschauern (bei insgesamt 5,5 Millionen Einwohnern), die gespannt das Schicksal von Birgitte Nyborg verfolgen, die als Vorsitzende der Zentrumspartei die Regierungsgeschäfte übernommen hat. In Frankreich startete kürzlich die Serie Les Hommes de l’ombre auf France 2. Nathalie Baye spielt darin eine Präsidentschaftskandidatin, die nach dem unerwarteten Tod des Amtsinhabers auf das höchste Amt spekuliert. Auf HBO ist ab dem 22. April Julia Louis-Dreyfus als amerikanische Vizepräsidentin in Veep zu sehen. Die heiß erwartete Serie wurde von Armando Iannucci geschrieben, der auch für die britische Comedyserie The Thick of It über die britische Regierung verantwortlich zeichnete. Der Versuch eines Remakes auf ABC scheiterte jedoch 2007. 

            Bedauerlich allerdings, dass die meisten dieser Serienheldinnen nicht durch Wahlen oder im Zuge einer klassischen politischen Laufbahn an die Macht gelangen, sondern meist durch einen Unfall oder eine schicksalhafte Wendung: Mackenzie Allen in Welcome, Mrs. President und Anne Visage in Hommes de l’ombre befinden sich plötzlich an vorderster Front, als der amtierende Präsident unerwartet stirbt. Bei Birgitte Nyborg in Borgen ist es nicht viel anders: Ein Skandal um den scheidenden Premierminister und dessen schärfsten Konkurrenten sorgen dafür, dass sich die öffentliche Meinung im letzten Augenblick zu ihren Gunsten wendet.

Auch wenn die Kompetenzen dieser Frauen niemals in Zweifel gezogen werden, nachdem sie an die Macht gekommen sind, ist es doch frustrierend zu sehen, dass ebendiese Kompetenzen ihnen gegenwärtig nicht gestatten, die Macht auf normalem Wege durch Volksentscheid und/oder Wahl der Abgeordneten zu erlangen. Dieses Detail – das weitaus mehr als ein Detail ist – spricht Bände über die Arbeit, die in der fiktionalen Unterhaltung noch zu leisten ist. Ob Zufall oder nicht: Bei den vorgenannten Serien waren für Drehbuch und Regie ausnahmslos Männer verantwortlich.

 

 

MACHT – FasziNierend und inspirierend zugleich

 

            Glücklicherweise reicht das Spektrum der politischen Serien über die bloßen Amtsträger hinaus und hat die Drehbuchschreiber in den letzten Jahren immer wieder beschäftigt. Politik besitzt eine treibende dramatische und fiktionale Kraft wie kaum ein anderes Thema und fasziniert Autoren wie Zuschauer gleichermaßen. Stärker noch als dem Kino gelingt es dem Fernsehen, das Wesen der Politik zu erfassen und sich in aller Ausführlichkeit mit politischen Machenschaften, Wahlkämpfen oder Machtspielchen zwischen Journalisten, Kommunikationsberatern und Politikern zu beschäftigen.

 

Eine britische und eine französische Serie haben sich mit den engen, zuweilen nahezu inzestuösen Beziehungen zwischen Medien und Politik beschäftigt. Mord auf Seite eins (im Original State of Play) auf BBC One und Reporters auf Canal+ zeigten beide, wie sehr journalistische Recherche und herrschende politische Kaste voneinander abhängig sein können. Erstaunlich, dass die Beziehungen zwischen Politikern, Kommunikationsberatern (den so genannten Spin-Doctors) und Journalisten in beiden Serien eine mehr als intime Ebene erreichen. Auch in Borgen. In der dänischen Serie hat die brillante Anchorwoman der Abendnachrichten Katerine eine heimliche Beziehung zum Spin-Doctor des amtierenden Premierministers, und schon bald wird klar, dass sie auch die Ex-Freundin seines Konkurrenten ist, des Spin-Doctors von Birgitte Nyborg. Auch in Reporters ist es der Berater des Premierministers, Christian Janssen, der in der Vergangenheit eine Beziehung mit Florence Daumas hatte, der Leiterin einer großen nationalen Tageszeitung.

 

            Politik fasziniert, setzt Medien und Herzen in Flammen und unterwandert sogar andere TV-Serien. Bei den bereits erwähnten Reporters geht es um den Alltag zweier Nachrichtenredaktionen in Frankreich, doch politische Entwicklungen, Skandale und Machenschaften spielen eine zentrale Rolle. Bei einer weiteren dänischen Erfolgsserie, The Killing, gehen Verbrechen und Politik ähnlich wie in Mord auf Seite eins eine spannende Verbindung ein. Zwar handelt es sich bei The Killing in erster Linie um eine Krimiserie, doch der Verlauf einer Kommunalwahl bildet einen der drei zentralen Handlungsstränge der ersten Staffel (neben der eigentlichen Kriminalgeschichte und dem Blick auf die Familie des Opfers). Die zweite Staffel steht der ersten mit ihren Verflechtungen zwischen dem Mord an einer Anwältin und der Ernennung eines neuen Justizministers in nichts nach, wobei diese Überschneidungen von Folge zu Folge offensichtlicher werden – das Ganze in Verbindung mit dem Einsatz dänischer Soldaten in Afghanistan, einem Thema, das in der dänischen Gesellschaft auch jenseits der Fiktion heftig diskutiert wird.

 

            Auch historische Serien können nicht von der Politik lassen, so zum Beispiel die hervorragende französische Produktion Lehrjahre der Macht (2008). In vier einstündigen Folgen erzählt diese von Canal+ und ARTE France koproduzierte Miniserie von den Lehrjahren und Karrieren fünf junger Absolventen der Elitehochschule ENA zwischen 1977 und 1986, wobei die Parallelen zu François Hollande, Ségolène Royal und Dominique de Villepin (die alle 1980 ihren Abschluss machten) nicht ganz unbeabsichtigt sind. Die Serie konzentriert sich auf die Zeit des Machtwechsels zu den Sozialisten 1981 und bietet eine zwar fiktionalisierte, aber historisch dennoch glaubwürdige Darstellung der damaligen Ereignisse. Die Politik und ihre „Machtspiele“ sind auch hier fester Bestandteil der Serienhandlung, diesmal vor dem Hintergrund der persönlichen Laufbahnen der Hauptfiguren.

 

            Da Politik aus der modernen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist, kann ihre häufige Thematisierung in der Fiktion nur begrüßt werden. Sie verleiht den Serien Glaubwürdigkeit als Spiegel unserer Welt.

 

IM ZENTRUM DER MACHT(THE WEST WING) – ALS POLITSERIE NICHT ZU TOPPEN?

 

Man kann nur schwerlich über Politserien sprechen, ohne DAS fiktionale Vorbild schlechthin zu erwähnen: Im Zentrum der Macht (The West Wing) von Aaron Sorkin (dem wir das Drehbuch von The Social Network zu verdanken haben), ausgestrahlt zwischen 1999 und 2006 auf NBC.

 

Im Zentrum der Macht eröffnet uns einen realistischen Blick hinter die Kulissen des Beraterstabs von Jed Bartlet (Martin Sheen), dem demokratischen Präsidenten der USA. Ab der sechsten Staffel erleben wir das Wahlkampfteam des neuen demokratischen Präsidentschaftskandidaten Matt Santos (Jimmy Smits) in Aktion.

Durch die intime Herangehensweise an politische Themen und die tabulose Beschäftigung mit gesellschaftlichen Problemen der USA hat NBC nicht nur einen Meilenstein in der Geschichte der Fernsehserien geschaffen und einen wahren Kreativboom bei den „Networks“ (den US-amerikanischen Senderketten) ausgelöst, sondern auch die Art und Weise beeinflusst, wie in Kino und Fernsehen über Politik gesprochen wird.

            Die Figur des Präsidenten, die von Aaron Sorkin absolut menschlich dargestellt wird, hat in der Folge Einfluss auf andere große Serien ausgeübt, wie zum Beispiel auf 24 (mit dem unvergesslichen David Palmer) oder auch auf die Science-Fiction-Serie The Event, wo der Präsident sich einer neuen Art terroristischer Bedrohung gegenüber sieht.

Adam Price (Link zu ITW), Drehbuchautor von Borgen, mag sich zwar gegen den Vorwurf des Ideenklaus verwahren, doch einige Ähnlichkeiten zwischen seiner Serie und der von Aaron Sorkin sind recht augenfällig: Die Helden sind idealistisch und fortschrittlich, in beiden Serien wird der Alltag des Teams um den Präsidenten beschrieben und die Bedeutung von Spin-Doctors und politischen Kommunikationsberatern hervorgehoben. Selbst die Metonymie der Serientitel weist Parallelen auf: The West Wing (Originaltitel von Im Zentrum der Macht) bezeichnet den Präsidentenflügel des Weißen Hauses, während Borgen die offizielle Bezeichnung des dänischen Parlaments ist und damit ebenfalls den Ort bezeichnet, an dem die Regierung arbeitet. Das angekündigte amerikanische Remake von Borgen dürfte es also schwer haben, sich deutlich von seiner Vorgängerserie abzuheben: Wie soll man die dänische Serie auf das politische Leben in den USA übertragen, ohne dabei zwangsläufig an Im Zentrum der Macht zu denken?

            Vielfalt und Raffinement einer Serie erkennt man nicht zuletzt an ihren Wechselwirkungen mit dem wirklichen Leben. Borgen nahm die erste dänische Premierministerin vorweg, die ihr Amt im vergangenen September antrat. Im Zentrum der Macht mit einem nicht zur weißen Mehrheit gehörenden Abgeordneten und demokratischen Präsidentschaftskandidaten in den letzten beiden Staffeln schöpfte aus den tatsächlichen Entwicklungen in gleicher Weise wie es ihnen vorauseilte. Die Figur des Matt Santos, der in der Serie aus dem Jahr 2006 zum demokratischen Präsidenten gewählt wurde, war eindeutig inspiriert durch den jungen Abgeordneten Barack Obama, der 2004 durch seine Rede auf dem Parteitag der Demokraten Berühmtheit erlangt hatte ...

 

 

Les Hommes de l’ombre, Borgen, Veep, Battleground (ab Februar auf Hulu): Im entscheidenden Wahljahr 2012 setzen die Serien fast eine Art Fernsehtradition fort, mit der den Zuschauern eine fiktive politische Landkarte gezeichnet wird. Die Beschreibung der Geheimnisse der Macht und ihrer Auswirkungen auf diejenigen, die sie ausüben, faszinieren Drehbuchautoren wie Zuschauer gleichermaßen – berechtigterweise. So sehr, dass die Grenzen zwischen Realität und Fiktion hier strenger eingehalten werden als in anderen Genres.

 

Die meisten der genannten Serien haben eine weitere Gemeinsamkeit: Sie zeigen meist idealistische Staatsmänner und -frauen, die zum Wohle des Landes an ihren Vorstellungen festhalten. Gewiss, Jed Bartlet in Im Zentrum der Macht und Birgitte Nyborg in Borgen müssen zuweilen bestimmte Kompromisse eingehen, doch geschieht dies stets, um an Reformen oder Prinzipien festhalten zu können, die ihnen am Herzen liegen. Dieser Idealismus, der meilenweit von den Skandalen entfernt ist, die von den Medien immer wieder aufgedeckt werden, stellt einen weiteren Eckpfeiler der modernen politischen Serien dar: Es geht nicht darum, das politische Milieu zu verteufeln, sondern im Gegenteil politische Bildung zu betreiben, um es Folge für Folge zu verbessern und zu läutern.

 


 

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BORGEN
Eine Serie von Adam Price
Mit: Sidse Babett Knudsen, Michael Birkkjær, Pilou Asbæk, Brigitte Hjort Sørensen
Produktion: Danish Broadcasting Corporation - (Dänemark, 2010, 10x60 min)

Oriane Hurard

Erstellt: 31-01-12
Letzte Änderung: 11-07-13