Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > Berlinale 2006 > Berlinale auf ARTE > Bloody Sunday

Montag, 13 Februar um 20.40 auf ARTE - 16/09/08

Bloody Sunday


Regie & Drehbuch: Paul Greengrass.
Nach dem Buch “Eyewitness Bloody Sunday” von Don Mullan.
Darsteller: James Nesbitt, Nicholas Farrell, Allan Gildea u.a..
Kamera: Ivan Strasburg.
Produktion: Granada Film, The London Television, Hell’s Kitchen u.a..

Goldene Bear Berlinale 2002




Synopsis: Das nordirische Derry am Sonntag, den 30.01.1972. Unter der Führung des protestantischen Bürgerrechtsaktivisten IVAN COOPER, der sich, beseelt von den Ideen Martin Luther Kings, die Sache der Katholiken zu eigen gemacht hat, setzt sich ein riesiger Protestzug in Gang, um vor dem Rathaus friedlich die rechtliche Gleichstellung der katholischen Minderheit einzufordern. Doch die Regierung in London hat ein Demonstrationsverbot erlassen und Eliteeinheiten in die Stadt verlegt, um den von Jugendlichen und der damals noch schwachen IRA ausgehenden Feinseligkeiten ein für allemal Herr zu werden. Aller friedlichen Appelle zum Trotz eskaliert die Gewalt, vor allem auf Seiten der aufgestachelten Militärs. 13 Demonstranten werden durch Armeekugeln getötet, 14 weitere verletzt. Dass der “Bloody Sunday” bis heute als tragischer Wendepunkt im Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten mit fatalen Konsequenzen gilt, ist auch dem Umstand zu verdanken, dass das oberste britische Gericht die blindwütige Aktion der Militärs posthum zur Selbstverteidigung umdeutete.

kritik: Wenn ein britischer Regisseur den “Bloody Sunday”, das größte Trauma in der jüngeren Geschichte der katholischen Nordiren als Film wiederauferstehen lassen will, dann ist das trotz “Good Friday Agreement” und mittlerweile unumkehrbarem Friedensprozess ein politisch immer noch brisantes Unterfangen. Paul Greengrass und der nordirische Autor Don Mullan, der selbst als 15-jähriger in Derry auf die Barrikaden ging, gehen die minutiöse und realistische Rekonstruktion der Ereignisse im Geiste der Versöhnung an. Neben dem charismatischen IVAN COOPER, dem 17-jährigen katholischen Heißsporn GERRY DONAGHY wird der Tag deshalb auch aus der Perspektive der Besatzungsmacht geschildert - in Gestalt des Befehlshabers der britischen Einsatzkräfte MAC LELLAN und eines jungen britischen Soldaten, dessen Fallschirmjägerbataillon das Blutbad anrichtet. Geschickt hat Greengrass auch die Bewohner der damals noch nach der Zentralmacht “Londonderry” benannten Stadt und ehemalige britische Soldaten als Statisten in die Dreharbeiten einbezogen. So steuerte jede der beteiligten Parteien ihre Version der Ereignisse bei. Das chaotische, komplexe Ereignis wird lebendig, ohne dass Greengrass das von der Besatzungsmacht begangene Verbrechen relativiert und andererseits die plumpe Forderung nach nationaler Befreiung erhebt . Das filmische Konzept ist ebenso einfach wie überzeugend. In der Tradition des sozialen Realismus eines Ken Loach bedient sich der Film dokumentarischer Techniken, stellt mittels Handkamera, schneller Schnittfolge ohne psychologisierende Close-Ups und künstliches Licht eine beklemmende Nähe zu den Akteuren her. Zugleich ließ das Drehbuch mit seinem nur skizzierten Text den Schauspielern genug Raum für Improvisation, so dass der “Bloody Sunday” eher durchlebt, als gespielt wirkt. Resultat: obwohl von den damals entscheidenden mörderischen 15 Minuten nie ein Bild veröffentlicht wurde, scheint es, als sei das wirkliche Ereignis rekonstruiert. Derry oder Londonderry – der immer noch schwelende Konflikt um diese Glaubensfrage hat dank des Echos und der Debatte, die der Film bereits in Großbritannien auslöste, ein paar versöhnliche Untertöne hinzugewonnen.

Martin Rosefeldt


Synopsis: Am Sonntag, dem 30. Januar 1972, endete in der nordirischen Stadt Derry eine friedliche Demonstration der Bevölkerung für ihre demokratischen Rechte mit einem Blutbad, das die Truppen der britischen Armee anrichteten, indem sie als Antwort auf Steinwürfe in die Menge der Demonstranten schossen. 13 Tote und 14 Verletzte sind die blutige Bilanz. Dieser „bloody sunday“ symbolisiert den Anfang des Bürgerkrieges in Nordirland.

Kritik: Mit der Schulterkamera inmitten des entfesselten Lärms aufgenommen, versucht „Bloody Sunday“ den Ereignissen dieses 30. Januar 1972 möglichst nah zu kommen. Paul Greengrass filmt, was er weiß: Als Drehbuchautor und Regisseur von Dokumentarfilmen, u. a. über den Hungerstreik der IRA-Mitglieder im Gefängnis, schildert er wahrheitsgemäß und messerscharf, menschlich und gleichzeitig dokumentarisch dieses Drama, das zum Auslöser eines endlosen Konfliktes wurde. Die Ereignisse werden in den Straßen der Stadt mit den Einwohnern, von denen einige tatsächlich dabei waren, nachgestellt und -gespielt. Hinzu kommt die unglaubliche Präsenz der professionellen und Laienschauspieler. All das macht den Film paradoxerweise zu einem erschütternden Zeugnis, das das Chaos dieses Tages, der zum Symbol einer tatsächlichen Kriegserklärung geworden ist, wiedererstehen lässt. Dieser aufrichtige Film kann sicher nicht als parteiisch abgetan werden. Dreißig Jahren sind seit den Ereignissen von Derry vergangen, was bleibt, sind die Fakten: Die englische Armee hat auf Kinder, die sie mit Steinwürfen angriffen, und auf unbewaffnete Zivilpersonen geschossen. In seiner schmerzlichen Suche nach der Wahrheit versucht Greengrass, das Warum und das Wie dieses Massaker zu verstehen, indem er 24 Stunden lang den sich kreuzenden Wegen mehrerer Männer folgt. Ivan Cooper, der idealistische Politiker und Anführer der Demonstration, die ja „eines der Rechte der Demokratie“ ist, sieht in ihr einen gerechten Kampf. Ein engstirniger englischer General dagegen versucht, mit Gewalt Gesetz und Ordnung in einer seit langem feindseligen Gesellschaft durchzusetzen. Der Film zeigt mit viel Feingefühl, wie Rache, Unverständnis, latente Aggressivität und absurde militärische Entscheidungen zu einem solchen Akt der Barbarei führen konnten und wie es kommt, dass fast harmlose Ideen und Parolen die Geschichte in einem Blutband enden ließen. Die schrecklichen Bilder des Mannes, der von einer Kugel im Kopf getroffen vor seinen ohnmächtigen Angehörigen ein weißes Taschentuch schwenkt, oder die Gesichter der trauernden Familienangehörigen in dem Durcheinander des Krankenhauses reichen aus, uns die Ursachen des langen irischen Konfliktes verstehen zu lassen. Dieser „Blutsonntag“ war ein Sieg der IRA und eine Niederlage des Friedens. Greengrass zeigt, dass man die Ursache dieses Krieges in der Angst, dem Zorn und der Rache, in den zunächst verlorenen und dann aufrührerischen Blicken dieser Jugendlichen suchen muss, die ihren Freund mit ungläubigen Augen sterben sehen.

Delphine Valloire

Erstellt: 03-02-06
Letzte Änderung: 16-09-08