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Die Kennedys

„Die Kennedys“ ist sowohl ein Porträt mit zahlreichen Rückblenden, Schlüsselmomenten des persönlichen Erfolgs und Misserfolgs als auch ein Stück Zeitgeschichte.

Die Kennedys

24/04/14

Biopics in Serie

Auf der Kinoleinwand sind Filme über wahre – oder „auf wahren Begebenheiten beruhende“ Geschichten stets ein voller Erfolg. Fernsehserien, die vor allem auf die langfristige Aufrechterhaltung von Spannung ausgelegt sind, scheinen für die Verarbeitung authentischer Ereignisse hingegen weit weniger geeignet. Der Sendestart der neuen ARTE-Serie Die Kennedysgibt Anlass, einmal über die ambivalente Beziehung zwischen Fernsehserie und Realität nachzudenken und auch das Genre der Filmbiografie an sich zu hinterfragen. Gibt es Biopics im Serienformat?



Biografie und Serie – einkompliziertes Paar


Die Fernsehserie kommt dem Kinofilm heute in vielerlei Hinsicht immer näher und erfährt damit auch eine Aufwertung als Kunstform. Nur an das sakrosankte Hollywoodgenre der Biografie haben sich Serienregisseure nie wirklich herangewagt – oder zumindest nicht explizit …


Während heutzutage zahlreiche Filmgenres – vom Western über Musikkomödien bis zum Zombiefilm – im Serienformat wieder aufgenommen und neu interpretiert werden, bleibt die filmische Biografie, das sogenannte Biopic, größtenteils dem Kino vorbehalten. Das liegt zum einen in der Form, zum anderen im Wesen der Fernsehserie selbst begründet.


Der Duden definiert die Biografie als „Beschreibung der Lebensgeschichte einer Person“. Biopic wiederum ist die Abkürzung für biographical motion picture und bezeichnet die filmische Adaptation einer Lebensgeschichte, unabhängig davon, ob diese bereits in Buchform existiert oder eigens für die Verfilmung geschrieben wurde.

Nun endet eine Biografie naturgemäß stets auf die gleiche Art: die Hauptperson stirbt. Dass sie deren Leben bis zu diesem unvermeidlichen Ereignis auf lineare und uniperspektivische Weise schildert, macht sie zur idealen Vorlage für einen normallangen Kinofilm. Daher bedient sich Hollywood dieses Genres gerne, um eine ebenso lehrreiche wie unterhaltsame Success Story nach der anderen zu produzieren.

Für eine Adaptation als Fernsehserie scheint die Biografie hingegen gar nicht geeignet – schließlich lebt dieses Genre von Dallas bis zu How I Met your Mother vom Reichtum an ambivalenten Figuren, von Parallelhandlungen und ewig weiterspinnbaren Handlungssträngen.

Wie bringt man einen Fernsehzuschauer dazu, sich mit einer Figur zu identifizieren, deren Todeszeitpunkt und -umstände längst bekannt sind? Nur der größte Geschichtsbanause erwartet mit Spannung eine nächste Staffel, die ihm erklärt, wie es zwischen 1815 und 1816 mit Napoleon weiterging – und wen dies wirklich interessiert, der greift einfach gleich zum Geschichtsbuch. In einer Biografie gibt es einfach keine Cliffhanger!

Die Verbindung von Fernsehserie und Biopic ist also unvorstellbar? Nicht ganz - denn viele Fernsehserien tragen, wenn auch versteckt oder in Form von Subgenres, biografische Züge.



Je kürzer, desto biografischer

So übernehmen viele Miniserien bestimmte Merkmale des Biopics. Sie umfassen jeweils nur wenige Folgen, in denen sie das Leben der Hauptfigur auf tiefgründige und außergewöhnliche Weise beleuchten. Da sie damit unterhaltend und lehrreich zugleich sind, erfüllt ein Fernsehsender mit der Ausstrahlung einer solchen Miniserie gleich zwei Aspekte seines Programmauftrags. Und nicht wenige Schauspieler spielten in einer solchen Serie die „Rolle ihres Lebens“ – und erhielten dafür einen Emmy Award, der ebenso viel wert ist wie der renommierte Kino-Oscar. Im Grunde vereint die Miniserie also alle Vorteile von Serie und Biografie – ohne die Nachteile einer echten Serie, allen voran deren ewige Unabgeschlossenheit.


Einhervorragendes Beispiel für eine gelungene Verbindung von Serie und Biografie ist die Miniserie Die Kennedys, die in acht Folgen à 45 Minuten vom Schicksal einer Familie und einer ganzen amerikanischen Epoche erzählt. Weitere Musterbeispiele biografischer Serien sind Blond (zwei Folgen à 90 Minuten über das Leben der Norma Jean alias Marilyn Monroe), die britische Serie Die Husseins: Im Zentrum der Macht und John Adams (sieben Folgen à 60 Minuten über den zweiten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika).



Auch im französischen Fernsehen erleben Biopics im Serienformat zurzeit einen Boom. Diese Miniserien schildern in wenigen Folgen, deren Zahl vorher feststeht, das Leben berühmter Persönlichkeiten wie Françoise Sagan, Carlos, Coco Chanel und Charles de Gaulle – und das auf umfassendere Weise, als es ein Kinofilm in nur 90 Minuten je tun könnte. Doch fallen diese Produktionen überhaupt noch in die Genrekategorie der Fernsehserie? Das ist keineswegs sicher, denn oft ähneln sie eher einem „Fernsehmehrteiler“ als einer Fernsehserie im eigentlichen Sinne.


Helden der Geschichte


Auch die Geschichtsserie trägt oft Züge der Filmbiografie. Werke wie Rom, Die Tudors oder die beiden neuen Serien über die Borgia-Familie bieten eine romanhafte, spannende und oft zugespitzte Interpretation der geschichtlichen Ereignisse und des Lebens ihrer jeweiligen Helden.


In Die Tudors geht es etwa um Heinrich VIII., seine diversen Frauen und seine Konflikte mit der katholischen Kirche. Die vier Staffeln umfassende Serie endet – ganz wie eine klassische Biografie – mit dem Tod ihres Protagonisten.


Dieamerikanische Serie The Borgias (deutscher Titel: Die Borgias – Sex. Macht. Mord. Amen) und ihr ab Oktober ausgestrahltes französisches Pendant Les Borgia erzählen die Lebensgeschichte von Rodrigo Borgia (der spätere Papst Alexander VI.) und seiner drei Kinder Juan, Cesare und Lucrecia. Dabei wählen sie jeweils zwei unterschiedliche Ansätze: Während die amerikanische Showtime-Produktion vor allem den jüngsten Sohn Cesare verfolgt, stellt die Serie von Canal+ zumindest zu Anfang den Vater Rodrigo in den Vordergrund. Hier werden Genregrenzen deutlich: Kann eine Geschichte mit mehreren Protagonisten und Parallelhandlungen – und somit mehreren unterschiedlichen Perspektiven – noch als Biografie gelten?


Das Historiendrama Rom ist in gewisser Hinsicht die Vorläuferin aller zuvor genannten Geschichtsserien. Hier liegt der Fall etwas anders: Die Protagonisten Titus Pullo und Lucius Vorenus hat es tatsächlich gegeben – Julius Cäsar erwähnt sie in seinen „Kommentaren über den Gallischen Krieg“. Die Serie macht die beiden Soldaten, die eigentlich nur einfache Legionäre waren, zu wahren Helden und lässt sie mit anderen historischen Figuren wie Marcus Antonius, Octavia und Brutus interagieren, so dass sie die (wahren) Begebenheiten der Epoche sogar mit beeinflussen.


Werke wie Die Tudors und Die Borgias stehen als Schilderung des Lebens historischer Helden wiederum dem Genre der Filmbiografie nahe. Es stellt sich jedoch die Frage, ob eine solche filmische Dramatisierung der Geschichte noch als Biografie bezeichnet werden kann, da letztere ihre Glaubwürdigkeit schließlich vor allem aus der genauen Beachtung einer gut recherchierten geschichtlichen Vorlage bezieht. Die Vorwürfe, ihre Serien würden von der historischen Wahrheit abweichen, entkräften die Produzenten und ihre wissenschaftlichen Berater häufig mit dem Argument, die „authentische“ Wiedergabe der Epoche sei bei einem Historienfilm wichtiger als penible Treue gegenüber geschichtlichen Ereignissen.

Hierzu bemerkte der Dozent und Monumentalfilm-Experte Claude Aziza in einem Gespräch über die Fernsehserie Rom mit der französischen Zeitschrift Télérama: „Man kann von einem Film nicht verlangen, die römische Geschichte zu erzählen. Das wäre viel zu langweilig.“


Die Frage nach Geschichtsgenauigkeit und Authentizität stellt sich übrigens auch für den Kinofilm. So wurde Sofia Coppolas Verfilmung von Antonia Frasers Marie-Antoinette: The Journey als oberflächlich und respektlos bezeichnet – in einer Szene sieht man sogar eine Tüte Chips und ein Paar Turnschuhe! Biopics sind also ebenso beliebt wie umstritten. Muss man bei der Adaptation einer Lebensgeschichte für Kino oder Fernsehen auf größte geschichtliche Genauigkeit achten, oder darf man eine Biografie ebenso frei und kreativ verfilmen wie jede andere literarische Vorlage?



Fernsehserien: umfangreich und überraschend


Der Reiz einer Fernsehserie besteht zum großen Teil darin, uns Dinge zu zeigen, die wir nie für möglich gehalten hätten. Die unvorhersehbaren Entwicklungen der Figuren und Situationen im Laufe der Folgen und Staffeln sorgen stets für Überraschungen. Die Serie Breaking Bad ist hierfür ein hervorragendes Beispiel: Der nette Chemieprofessor und Familienvater, der zu Anfang der Serie an Krebs erkrankt, entwickelt sich im Laufe der vier Staffeln zu einem der interessantesten Bösewichte des amerikanischen Fernsehens.

Andere Serien stellen vereinzelt historische Figuren in den Mittelpunkt, ohne sich jedoch zum Genre des Biopicszu bekennen. Dass es sich bei Thomas Kane, dem Protagonisten der Serie Boss, um das fiktive Double den ehemaligen Chicagoer Bürgermeister Richard Joseph Daley (von 1955 bis 1976 im Amt) handelt, wird nie ausdrücklich gesagt. Die Musical-Serie Smash wiederum verdreht die Gesetze des Genres und zeigt in der Tradition des „Films im Film“ die Entstehung eines biografischen Musicals über das Leben von Hollywoodstar Marilyn Monroe.


Das Wort „Biografie“ stammt übrigens aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt „das Leben schreiben“ (von bios – Leben und graphein – schreiben). Die Biografie und ihr kleiner Kinobruder, das Biopic, haben es schwer, sich im Serienformat durchzusetzen. Dennoch gibt es heute Mischformen und Subgenres, die der Serie und ihrer ganz besonderen Fähigkeit, große Klassiker wieder aufleben zu lassen, Rechnung tragen.

Sollte man die Fernsehserie mit einer literarischen Gattung vergleichen, so entspräche sie wohl am ehesten der Chronik, denn sie erzählt von durchschnittlichen, ganz normalen Allerweltsmenschen, nicht von Stars und historischen Helden. Und während den linear aufgebauten und inhaltlich recht dürftigen Filmbiografien oftmals vorgeworfen wird, sie würden ihre Protagonisten unreflektiert verherrlichen, bewahrt die biografische und historische Miniserie jene perspektivische Ambiguität, die jedes fiktive Werk so spannend und reizvoll macht.

Oriane Hurard

Erstellt: 28-06-12
Letzte Änderung: 24-04-14