Samstag, den 08. Dezember 2007 um 22.35 Uhr - 29/08/08
Pierre Henry – meine wichtigsten Lebensstationen
I – 1949. Olivier Messiaen führt mich ein in eine Musik aus Klangerfindungen. Gemeinsam mit Pierre Schaeffer entsteht im Studio d’Essai des französischen Rundfunks die Konkrete Musik. Dazu gehören „Symphonie pour un homme seul“ (1950), „Musique sans titre“ (1950), „Concerto des Ambiguïtés » (1950) und „Orphée 53“, wobei „Le Voile d’Orphée“ für mich zum echten Meilenstein wird.
II – 1953 – „Variations pour les cordes du piano“ ist ein ganzer Korpus von Stücken, der meinem Lieblingsinstrument gewidmet ist, das in den meisten meiner Werke erklingt, darunter „Le Microphone bien tempéré“ (1950/1952), „Le Livre des morts égyptien“ (1990), „La Tour de Babel“ (1999), „Concerto sans orchestre“ (2000), „Duo“ (2003) und „Lumières“ (2003).
III – 1954 – Höchst anregende Zusammenarbeit mit Edgar Varèse, durch den ich die zeitgenössische Malerei entdecke. Im Théâtre des Champs-Elysées dirigiere und verstärke ich Vareses bemerkenswerte Komposition „Déserts“. Im gleichen Jahr findet die entscheidende Begegnung mit Maurice Béjart statt. Seine visionäre Choreographie zu „Symphonie pour un homme seul“ (1955) wird auf der ganzen Welt aufgeführt. Ein weiteres Ballett von Maurice Béjart, „Haut Voltage“ (1956) ist das Ergebnis einer profunden Recherche im Bereich der Saiteninstrumente und Mikro-Kontakte. Es ist die Quintessenz der Gedanken zu Elektronik, Geräuschkunst und Instrument, die ich „elektroakustische Musik“ nenne. Diese Musik hat mit meinem letzten Stück „Labyrinthe!“ (203) nichts von ihrer Kraft eingebüßt.
IV – 1958 – Es kommt zum Bruch mit Pierre Schaeffer und dem Studio d’Essai von Radiodiffusion française. Behelfsmäßiges Studio bei meinen Eltern; in dieser prekären Situation entsteht „Orphée ballet“, „Coexistence“ und „Investigations“.
V – 1959 – Mit professionellem Material überwiegend aus Deutschland richte ich mein erstes privates Studio in der Rue Cardinet in Paris ein, das Studio APSOME (Applications de procédés sonores en musiques électroacoustiques) . Ein weiteres entsteht am Boulevard Saint-Germain im Jahr 1966. Hier werden fantastische Film- und Werbefilmmusiken komponiert.
VI – 1960 – Durch die Werke „La Noire à soixante“ (1961), „Le Voyage“ (1962) und „Variations pour une porte et un soupir“ (1963) entsteht ein neuer reiferer Stil. Die Werke werden bei meinem ersten Konzert in der Kirche Saint-Julien-le-Pauvre am 27. Juni 1963 in Paris uraufgeführt.
VII – 1967 – „Messe pour le temps présent“ enthält die ersten melodischen Themen, die spontan aus eigenen Mitteln enstanden sind und eine Vorform der späteren Syntheziser darstellen. Die originellen „Klangkompositionen“ dieses Werkes erneuern das elektronische Klangvokabular, das auch in der „Apocalypse de Jean“ (1968), den „Fragments pour Artaud“ (1970) und „Kyldex“ (1973) zu hören ist. Die „Messe pour le temps présent“ scheint die Musik der Moderne beeinflusst zu haben.
VIII – 1970 – Mit „Gymkhana“, gefolgt von „Mouvement-Rythme-Etude“ (eine Maurice Béjart gewidmete Ballettmusik) und „Pierres réfléchies“ (1982) beginne ich mit einem strikt instrumentalen Pointillismus, dessen Rhythmus aus Montage und evolutiven Wiederholungen entsteht.
IX – 1971 – „Corticalart“, eine Improvisation aus Aufzeichnungen meiner Gehirnströme mittels eines elektronischen Systems von Roger Lafosse.
X – 1975 – „Futuristie“ ist ein Ton- und Bildhappening für Luigi Russolo. Für diese Musik habe ich in meinem Studio alles selbst gespielt und aufgezeichnet. Es sind akustische Variationen, die ich mit Platten, Stöcken und Röhren und Duett mit meinem neuen Klavier erzeuge. Ein ganzes Geräuschorchester im Geiste des Futurismus.
XI – 1977 – „Dieu“, ein Happening aus Stimmen, Klängen und Gesten nach dem Werk „Dieu“ von Victor Hugo enstand für den Schauspieler Jean-Paul Farré. Es folgt als Happening auf „La Reine verte“ (1963), „Enivrez-vous“ (1974) und „Instantané/Simultané“ (1977). Weitere kommen hinzu, die in Bühnenbild und Ausleuchtung äußerst präzise ausgearbeitet sind: „Perpétuum“ (1979), „Les Noces chymiques“ (1980), „Paradis perdu“ (1982) und „Hugosymphonie“ (1985) gesungen von Martine Viard.
XII – 1979 – Mit „Beethovens Zehnter Sinfonie“ („La Dixième Symphonie de Beethoven“), die das klassische Schaffen voll respekteirt, entsteht ein Werk, das unterschiedlich aufgenommen wird und aus dem sich weitere wichtige Stücke entwickelten: „Phrases de quatuor“ (1994), „Carnet de Venise“ (2002) und „Dracula“ (2003). Für das Jazz-Festival von Montreux entstand 1998 ein Remake der „Zehnten“.
XIII – 1982 – In meinem Haus wird mein drittes Tonstudio eingerichtet: SON/RÉ. Hier wird bereits digital gearbeitet. Ab 2004 werden mit Hilfe der Informatik neue Technologien entwickelt.
XIV – 1985 – „Berlin, Sinfonie der Großstadt“, ist ein Stummfilm von Walther Ruttmann, dessen Vertonung eine phantastische, imaginäre Partitur der konkreten Musik darstellt. Die Filmmusik stammt aus dem Hörspiel „Die Stadt“, das 1984 für den WDR in Köln gemacht wurde. „L’Homme à la caméra“ von Dziga Vertov aus dem Jahr 1993 ist ein weiteres Werk für den Stummfilm, dessen Rhythmus ich poetisch hervorheben wollte.
XV – 1989 – „Une Maison de Sons“: 5000 Tonschleifen von einer halben Sekunde bis 20 Sekunden Dauer sind in einem spielerischen Kontinuum als Ausdruck des Lebens kombiniert.. Diese Arbeit trägt den Titel „La Maison des sons“. Damit beschreibe ich das Haus, in dem ich lebe. Es ist zugleich mein Studio, mein bevorzugtes Atelier. Hier bilden Meditation und Hörerleben eine Einheit, und seit einigen Jahren gehört auch die Malerei dazu. Dieses Haus steht auch dem Publikum für hautnahe Klangsoireen offen. 1996 war hier im Rahmen des Festival d’Automne von Paris eine Konzertreihe zu hören mit dem Titel „Pierre Henry chez lui“. Aus diesen Konzerten entstand das Werk „Intérieur/Extérieur“.
XVI – 1997 – Seit diesem Jahr beschäftige ich mich ganz besonders mit der komplett digitalisierten, polyphonen Montage. Seit dem Werk „Une Histoire naturelle“, das am 29. November 1997 im Konzertsaal Olivier Messiaen bei Radio France uraufgeführt wurde, sind meine Kompositionen zunehmend auf den „Akkord“ der Klänge ausgerichtet.
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Pierre Henry oder wenn aus Geräuschen Musik wird
Ein Film von Eric Darmon und Franck Mallet
Frankreich, 2006, 52 Min.
ARTE France, Mémoire magnétique
Samstag, den 08. Dezember 2007 um 22.35 Uhr
Wiederholung am 09. Dezember 2007 um 06.00 Uhr
und am 18. Dezember 2007 um 08.00 Uhr
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Erstellt: 05-12-07
Letzte Änderung: 29-08-08